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"Zandschower Klinken" von Thomas Kunst: Wenn Unmögliches möglich wird

Empfehlung

"Zandschower Klinken": Verworren-unterhaltsamer Roman des Autors Thomas Kunst

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stand: 23. Februar 2021, 04:00 Uhr

Früher einmal war es ein Kennzeichen moderner Literatur, die nicht in der Epigonenschublade landen wollte, ästhetisch Neuland zu betreten und sich von eingefahrenen Formen abzusetzen. Dergleichen findet sich heute selten und so ist man dankbar, auf die – seit kurzem bei Suhrkamp erscheinenden – Bücher des 1965 geborenen und in Sachsen-Anhalt lebenden Thomas Kunst zu stoßen.

Worum es in Kunsts neuem Roman "Zandschower Klinken" geht, lässt sich nicht einfach beantworten. Selbst der gewissenhafteste Rezensent läuft Gefahr, den raffiniert inszenierten Verwirrspielen des Autors auf den Leim zu gehen. Versuchen wir es trotzdem: Bengt Claasen hat fast alles verloren und macht sich mit seinem Auto auf, das ihn irgendwo zu einem "neuen Leben" führen soll. Das Halsband seines toten Hundes platziert er auf dem Armaturenbrett, wissend, dass es selbst bei langsamster Fahrt alsbald zu Boden gleiten wird. Wo dies geschieht, da will sich Bengt niederlassen.

In Zandschow passiert das ersehnte Malheur schließlich, einem (fiktiven) "Nest im äußersten Norden", wo sich eine Kolonie meist von der "Stütze" lebender Aussteiger zusammengefunden hat. Exotische Biere werden dort ausgeschenkt, rund um den Feuerlöschteich feiert man nicht minder exotische Feste und wenn Plastikschwäne ausgesetzt werden, gehört das selbstverständlich zum Zandschower Alltag.

DDR-Geschichte und Märchen

In seinen siebzehn Kapiteln entfaltet der Raum zeitlich wie räumlich ein weites Panorama, dessen Elemente wie auf einem verwischten Wasserfarbenbild kaum voneinander zu trennen sind. Mal ist man mit Bengt, der so alt wie sein Verfasser ist, in seiner DDR-Kindheit unterwegs und rekapituliert mit ihm Höhepunkte der TV-, Sport- und Pop-Geschichte. Mark Spitz, Björk, Markus Wolf und Wolf Biermann haben dabei Gastauftritte.

Wolf Biermann tritt in den Erinnerungen des Protagonisten auf. Bildrechte: dpa

Mal werden Tour-de-France-Etappen imaginiert, mal schippert man durch den Indischen Ozean. Immer wieder lenkt Bengt ein Taxi durch die kolumbianische Hafenstadt Cartagena, wo er ein Jahr seines Lebens verbrachte. Texte (die Kunst unnötigerweise im Anhang benennt) wie das Grimm’sche Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" oder Hans Christian Andersens "Der Flaschenhals" werden adaptiert und geben Bengts Geschichte auf diese Weise einen fast mythischen Rahmen.

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"Zandschower Klinken" von Thomas Kunst: Wenn Unmögliches möglich wird

Verzweigte Geschichte

Buchcover von "Zandschower Klinken" Bildrechte: Verlag Suhrkamp

So verworren und verwirrend manches in diesem Roman daherkommt, so überzeugend wirkt er, sobald man sich auf seine kühne Form einlässt. In ständigen Reprisen und wortgetreuen Wiederholungen setzt Thomas Kunst eine Art Gebetsmühle in Gang, deren Sound man sich schwerlich entziehen kann. "Aber in umgekehrter Reihenfolge" – so lautet der rund fünf Dutzend Mal eingestreute Erzählgrundsatz, der so gut wie nichts bedeutet und gerade dadurch eine verquere Komik erzeugt.

Für die prekäre Existenz seiner Akteure, für ihr Nicht-verankert-Sein in der bürgerlichen Welt und für ihr sprunghaftes Denken und Fühlen findet Thomas Kunst eine passende Sprache. Dass die Zandschower Clique fast schon nebenbei auch zum Spiegelbild unserer "wütenden" Gesellschaft wird, macht diesen Roman zu einem faszinierenden – der Kalauer sei erlaubt – Kunst-Stück.

Angaben zum BuchThomas Kunst: "Zandschower Klinken"
Suhrkamp Verlag
254 Seiten, gebunden
22 Euro
ISBN: 978-3-518-42992-1

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 23. Februar 2021 | 08:10 Uhr