Interview Wie die Thüringer Autorin Daniela Danz gegen die Klimakrise kämpft

Mit dem Gedichtband "Wildniß" hat die Thüringer Schriftstellerin Daniela Danz für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Unter anderem erhielt sie dafür den Deutschen Preis für Nature Wirting. Inzwischen lebt die Autorin selbst naturnah im Weimarer Land in Kranichfeld. Vorher studierte sie Deutsche Literatur in Tübingen, Prag und Berlin. Seit 2021 leitet sie den Bundeswettbewerb "Demokratisch Handeln" (ein bundesweiter Kinder- und Jugendwettbewerb) und ist seit 2021 Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften. In Ihren Texten beschäftigt sie sich jedoch nicht nur mit Natur, sondern auch mit der Beziehung des Menschen zur Umwelt.

Daniela Danz, Leiterin des Schillerhauses in Rudolstadt 16 min
Bildrechte: Nils-Christian Engel

MDR KULTUR: Heute sollten Sie eigentlich in Glasgow bei der UN-Klimakonferenz sein. Was hatten Sie dort vor und warum sind Sie doch nicht in Glasgow?

Daniela Danz: Gemeinsam mit einem Projekt der Uni Mainz und der University of Glasgow wollten wir ein Event mit einer Ausstellungseröffnung machen. Es geht um das letzte wirklich weltweit wichtige Ereignis des Klimawandels – nämlich den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr 1815. Das hätte am Freitag stattgefunden, aber dann kam Obama: Er meldete sich an und daraufhin waren die Sicherheitsvorkehrungen in Glasgow so stark, dass niemand zur Uni vorgedrungen wäre, um sich die Ausstellung und die Lesung anhören beziehungsweise anschauen zu können. Deswegen ist es jetzt auf Ostern verschoben worden.

Welche Geschichte erzählen Sie da mit dem Vulkanausbruch?

Das ist eine auch für Thüringen sehr interessante Geschichte. Es gab im April 1815 den Vulkanausbruch und durch die Aschewolken, aber auch durch Schwefelgase gab es 1816 ein Jahr ohne Sommer – so nennt man das. Es regnete den ganzen Juli lang, alle Ernten verdarben und es gab eine riesige Hungersnot in ganz Europa – auch in Deutschland. Es gab viele Tote, in Gera starke Überschwemmungen, Pocken traten auf, Teuerungen – also ein ganz einschneidendes Ereignis.

Das Interessante daran ist die Frage, wie man damals damit umging. Auf welche Gesellschaft traf dieses Ereignis? Das wollen die Wissenschaftler erforschen, um herauszufinden, wie man daraus heute lernen könnte. Infolge des Vulkanausbruchs und der sozialen Schieflagen wurde die Sozialpolitik geändert, Straßenbau befördert, weil man eben Sachen weitertransportieren musste. Für unsere Zukunft gibt es ganz viele Parallelen und ist ziemlich interessant.

Cover Wildnis
Zuletzt erschien der Gedichtband "Wildniß". Bildrechte: Wallstein Verlag

Komm Wildnis in unsere Häuser
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen

Aus: "Komm Wildnis in unsere Häuser" von Daniela Danz

Sie schreiben die Natur selbst an, fordern die Natur auf. Aber ist die Natur nicht taub für unsere Worte?

Wir sind taub, nicht die Natur!

"Komm Wetter mit deinen Stürmen / und feg die Ziegeln weg", heißt es in Ihrem Gedicht. Der letzte Sturm in der Region ist noch nicht lange her. Denken Sie da manchmal an Ihre Verse?

An meine eigenen Zeilen denke ich dabei weniger, er an die von anderen, weil ich diese Gedichte auswendig kenne. Diese Dinge werden ja in Zukunft öfter auf uns zukommen.

Sie leben in Kranichfeld. Da gibt es viel Natur. Aber passt da auch der Begriff Wildnis?

Nein, also in der Wildnis leben wir nicht. Es gibt überhaupt in Europa sehr wenig Wildnis. Ich bin in eine Wildnis gereist und sie lag an der Grenze zur Ukraine, Slowakei und Polen. Aber letzten Endes geht es nicht um diese Exotismen der Wildnis, die es irgendwo gibt, sondern Wildnis ist auch das, was sofort entsteht, wenn wir aufgeben, zivilisiert einzugreifen.

Kranichfeld
Aktuell lebt Daniela Danz in Kranichfeld bei Weimar. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Sie fordern die Wildnis auf, über uns zu kommen. Wünschen Sie sich manchmal, dass die Natur zurückschlägt?

Das kann man sich gar nicht wünschen, denn das ginge gegen den Menschen. Aber was Kunst kann, ist eine gewisse Radikalität herzustellen. Und Radikalität bräuchte man jetzt zumindest im Denken, um den Klimaschutz mit allem, was daran hängt, auch umzusetzen.

Geht es Ihnen besser, wenn Sie so ein Gedicht geschrieben haben? Mit den Sorgen um die Umwelt, die Natur und die Klimakrise.

Da nützt es natürlich wenig. Aber es ist das Gefühl, das wir haben: Wir wissen, was wir tun sollten. Wir wissen, was schon zu spät ist. Aber es nützt nichts, in Verzweiflung oder Untätigkeit zu versinken. Manchmal packt einen schöne, alles grundierende Trauer. Aber abgesehen davon lebt man natürlich sein Leben in aller Fröhlichkeit weiter.

Feuerwehr beseitigt bei Straufhain herabgefallene Äste von Straße
Erst Mitte Oktober zog ein stärkeres Sturmtief über Deutschland. Bildrechte: MDR/News5

Wie viel Hoffnung haben Sie für die Klimakonferenz in Glasgow?

Naja, es fing nicht so gut an. Aber es ist gut, dass dieses Thema durch die Tatsache, dass das Wetter sich verändert hat, auch präsenter ist und in der Bevölkerung doch ein Bewusstsein dafür da ist, dass man handeln muss. Worum es vor allen Dingen auch geht: Egal, was man für die Umwelt tut, ist es wichtig, dass wir das auch sozial abfedern. Dass man sich tatsächlich etwas einfallen lässt, wie die Menschen das verkraften können.

Das Interview führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Weitere Informationen Daniela Danz: "Wildniß"
Wallstein Verlag
186 Seiten
ISBN: 978-3-8353-3833-3

Kunst und Klimakrise

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2021 | 18:05 Uhr