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Verlag im PorträtSecond Chances Verlag aus Thüringen gibt Büchern eine zweite Chance

von Ole Steffen, MDR KULTUR

Stand: 06. Juli 2022, 04:00 Uhr

Ärgerlich, wenn eine Buchreihe nicht fortgesetzt oder gar nicht erst auf dem deutschen Buchmarkt veröffentlicht wird. Der Second Chances Verlag im rund 5.000-Einwohner-Ort Steinbach-Hallenberg will diesen Büchern – ob LGBTQ, Fantasy oder Romanze – eine zweite Chance geben. Für Jeannette Bauroth ist es ein Herzensprojekt.

In einer Ladenzeile in Steinbach-Hallenberg auf rund 70 Quadratmetern befinden sich die drei angemieteten Räume für ihr Herzensprojekt: den Second Chances Verlag. Jeannette Bauroth ist eigentlich Literaturübersetzerin aus dem Englischen für Unterhaltungsliteratur. Das heißt, sie übersetzt viel im Bereich Spannung, Romanze, Fantasy und Jugendbuch.

Coming of Age, queere Literatur und Fantasy

In einem schweren hölzernen Regal gleich im ersten Raum ihrer Verlagsladenzeile stehen Bücher ganz unterschiedlicher Genre und Couleur. Titel wie "Touchdown ins Herz" aus dem Bereich Sport-Romanze, "Iskari – die Himmelsweberin" aus dem Bereich Fantasy oder "Camp" von L.C. Rosen, einem queeren Coming of Age-Roman. Gerade queerer Literatur in ihrem Verlag Raum zu geben, ist ein Anliegen von Bauroth. "Dadurch, dass ich zum Teil selber Bücher gefunden habe, die mich da sehr begeistert haben und zum anderen durch die Überzeugung, dass ich finde, dass jede Gruppe in der Literatur repräsentiert sein soll", so die Verlagschefin. Dabei geht es ihr unter anderem auch um Literatur mit behinderten Protagonisten.

Second Chances Verlag gibt Lieblingsbüchern wieder ein Zuhause

Erst seit drei Jahren ist Jeannette Bauroth die Geschäftsführerin ihres eigenen Verlags. Rund 40 Bücher sind mittlerweile im Portfolio – dabei wandert jedes Exemplar mehrfach über den Schreibtisch der Chefin. Denn als Übersetzerin schaut sie mit viel Genauigkeit auf die Texte und prüft in Absprache mit den beauftragten Übersetzerinnen und Übersetzern jeden Satz. Und obwohl sie Unterstützung von Freunden und Familie erhält, ist es für sie eine Herausforderung, diese Genauigkeit täglich neben allen anderen Arbeiten zu leisten.

Wenn ich eine gewisse Qualität garantieren will, dann braucht sowas einfach Zeit.

Jeannette Bauroth, Verlagsleiterin

Queere Literatur spielt im Programm des Second Chances Verlag eine wichtige Rolle. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Häufig geht die Uhr in der Verlagswelt sehr langsam. Auch manche Herstellungsprozesse dauern mehrere Monate. Dabei ist Geduld gefragt, wie Jeannette Bauroth erkennen musste. Grundsätzlich erlebe sie die Kollegialität in der Branche aber als positiv. "Ich habe immer den Eindruck, dass die Leute denken, wir haben da – wie meine Kinder sagen würden – 'Beef'. Das ist überhaupt nicht der Fall." Denn aus kollegialer Höflichkeit sage sie den Verlagen immer im Vorfeld Bescheid, wenn sie eine Reihe vollenden will. Mittlerweile sei es sogar so, dass Bauroth eine Info erhält, "wenn der Verlag schon weiß, er stellt eine Reihe ein."

Unvollendete Reihen detailgetreu vervollständigen

Beim Fertigmachen einer Buchreihe geht es auch um das Cover des jeweiligen Buches, das eine Reihe dann vollendet. Auch hier arbeitet Jeannette Bauroth häufig mit den Designern der vorangegangenen Bücher zusammen, um eine möglichst detailgetreue Ähnlichkeit der Exemplare herzustellen. Denn für die Leserinnen und Leser ist das ein besonders wichtiger Aspekt. Die Buchreihe soll natürlich auch nach dem Lesen wie aus einem Guss im Regal stehen. "Ich denke gerade in Zeiten, in denen Optik sehr wichtig ist und Bücher, die ja doch im Hardcover-Bereich sehr preisintensiv sind, eigentlich fast mehr Deko- und Sammlerstücke sind als reines Lesematerial, ist es eben auch wichtig, dass das wirklich dazu passt", erläutert die Verlegerin.

Der erste, zweite und der nachproduzierte dritte Band der Iskari-Triologie. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

#shelfiesunday und bookstagram

Diese Trends in Bezug zur Optik erkundet Jeannette Bauroth auch in ihren Streifzügen durchs Netz und durch soziale Medien. Da geht es dann um den sogenannten #shelfiesunday, an dem die Bücherregale besonders schön dekoriert werden oder um Trends auf Plattformen wie bookstagram. Zudem wolle sie sich darüber informieren, was der Markt gerade für eine Lücke hat und ob der Second Chances Verlag diese Lücke ausfüllen kann. Denn Leserinnen und Leser wissen am besten, welche Buchreihen noch vollendet werden und eine zweite Chance erhalten sollten.

Spannende Verlage im Porträt

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juli 2022 | 18:10 Uhr