Ohne Lesungen und Messen Wie Thüringer Verlage durchs Corona-Jahr steuern

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Auch wenn im Lockdown durchaus gerne gelesen wird, trifft die Pandemie viele Verlage hart. Hauptsächlich, weil viele Messen und Lesungen ausgefallen sind und sie ihre Bücher nur noch schlecht bewerben können. Unsere Thüringen-Korrespondentin hat sich im Freistaat umgehört.

Die Verlegerin Katja Cassing
Katja Cassing hat für das Buch "Aufzeichnungen eines Serienmörders" von Kim Young-ha gerade erst den Hotlist-Preis der Unabhängigen Verlage erhalten. Bildrechte: dpa

Vom beschaulichen Bad Berka ist der literarische Weg nach Japan gar nicht so weit: Hier befindet sich der Cass-Verlag, der vor allem japanische Literatur in deutschen Übersetzungen herausbringt. Inhaberin Katja Cassing hat ein turbulentes Jahr hinter sich, zunächst sei es ihm Frühling richtig gut losgegangen: "Wir waren auf der Krimi-Bestenliste mit den 'Aufzeichnungen eines Serienmörders'. Und im Nachhinein muss man sagen – dieser zugkräftige Titel hat uns gerettet, ich bin froh, dass wir nicht untergegangen sind."

Den Büchern fehlt die Werbung

Jana Rogge, Verlegerin aus Weimar
Jana Rogge betreibt neben dem Ultraviolett-Verlag auch den Eckhaus-Verlag in Weimar. Bildrechte: Matthias Eckert

Dass Verlage von der Corona-Krise so unmittelbar betroffen sind, mag erst mal überraschen, schließlich wird in Zeiten des Lockdowns ja durchaus gerne gelesen. Doch weil viele Veranstaltungen nicht stattfinden konnten, sind die meisten Werbemöglichkeiten weggebrochen, von großen Events wie den Buchmessen bis hin zu den unzähligen Lesungen, die sonst für Aufmerksamkeit sorgen.

Das hat auch Jana Rogge aus Weimar erlebt. Sie hat parallel zum ersten Lockdown im Frühjahr einen zweiten Verlag gegründet, den Ultraviolett-Verlag. Und muss seitdem darum kämpfen, ihre ersten Buchpublikationen irgendwie an die Menschen zu bringen. "Wir leben nach der Maxime 'Augen zu und durch'. Denn wenn wir jetzt in der Pandemie die Geschäfte ruhen lassen würden, würden wir uns allen nichts Gutes tun."

Neue Ansätze im Marketing

Jana Rogge versucht, konstruktiv mit der Krise umzugehen. Gemeinsam mit ihren Kollegen fängt sie gerade an, Buchbesprechungs-Videos für die eigene Website zu produzieren. Und auch für das bundesweite Verlags-Förderprogramm im Rahmen von "Neustart Kultur" hat sie sich sofort beworben.

Hier ärgert sie sich allerdings gerade: Das Programm sei eigentlich aufgelegt worden, um Buchprojekte noch in diesem Jahr zu ermöglichen. Doch nun zögere sich in Berlin alles hinaus: "Erst musste alles ganz schnell gehen, jetzt werden wir aufs kommende Frühjahr vertröstet. So wird nun effektiv verhindert, dass viele Projekte umgesetzt werden – weil keiner sie anfassen kann, bevor die Förderzusage da ist."

Zurückhaltung ist angesagt

Am Ende dieses Jahres wird es wohl weniger Neuerscheinungen geben als üblich, das sagt auch Helmut Stadeler vom Jenaer Verlag Bussert und Stadeler. Er ist gleichzeitig aktiv im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und schätzt, dass bis zu 60 Prozent der geplanten Neuerscheinungen in Thüringen aufs nächste Jahr verschoben wurden. Viele Buchhändler hätten bereits signalisiert, dass es weniger spannende neue Titel gebe. Dies betreffe die großen überregionalen Verlage genau so wie die kleinen.

"Ich kenne verschiedene Verlage, die gerade gute Projekte zurückhalten. Sie wollen sie erst herausbringen, wenn wieder Lesungen möglich sind. Und das geht ja gerade nicht."

Manche verlieren, manche profitieren

Am Ende ergibt sich ein durchwachsenes Bild: Teilweise müssen Verlage mit Umsatzeinbrüchen von bis zu 50 Prozent kämpfen, vereinzelt stehen sie aber auch besser da, als in den Vorjahren, etwa weil regionale Reiseführer in diesem Sommer der Renner waren. Alle setzen nun darauf, dass die Leipziger Buchmesse im kommenden Jahr stattfinden kann, gerne mit neuen Formaten oder Leseorten: "Im Mai kann man – wenn nicht gerade Dauerregen ist – darauf hoffen, dass auch draußen etwas möglich ist, dass man dort Leseplätze findet, um Bücher vorzustellen", sagt Helmut Stadeler. Dann sollen viele der monatelang zurückgehaltenen Schätze endlich an die Öffentlichkeit gelangen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2020 | 07:10 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei