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Dichter und Dramatiker Heiner Müller Bildrechte: imago/gezett

Würdigung

"Der Tod ist das einfache ...": Zum 25. Todestag von Heiner Müller

von Steffen Georgi, MDR KULTUR

Stand: 30. Dezember 2020, 04:00 Uhr

Am 30. Dezember 1995, wenige Tage vor seinem 67. Geburtstag, erlag der im sächsischen Eppendorf geborene Dramatiker Heiner Müller einem Krebsleiden. Zu Lebzeiten heftig kritisiert und viel bewundert, avancierte er zu einem der bedeutendsten deutschen Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Bedeutend war Müller auch als Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Dramaturg und Regisseur. Eine Würdigung seines vielseitigen Schaffens.

Es ist ein Kindheitstrauma des 1929 im sächsischen Eppendorf geborenen Autors, das wie eine Ur-Szene auch für die Kunst von Heiner Müller gelesen werden kann: "In der Tür stand mein Vater, hinter ihm die Fremden, groß, mit braunen Uniformen. Ich hörte ihn leise meinen Namen rufen. Ich antwortete nicht und lag ganz still. Ich hörte, wie sie ihn wegführten."

Leben zwischen zwei Diktaturen

Die Nazis, die den sozialdemokratischen Vater verhaften und ins KZ bringen – und das Kind, das nichts tut, nichts sagt. Für Müller ein Verrat, den auch kindliche Unschuld nicht schmälert. Wie "Unschuld" überhaupt nie etwas schmälert für diesen Dichter; keine moralische Kategorie ist und auch keine des Denkens und der Kunst: "Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen, hineingewachsen in die andere. Über mein Rachebedürfnis für meine einigermaßen demolierte Kindheit konnte ich mich mit der zweiten eine Zeit lang identifizieren, obwohl ich alles über sie wusste."

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Inszenierungsmitschnitt "Der Bau" | Städtische Theater Karl-Marx-Stadt / Teil 2 (Langfassung)

Alles wissen und darüber schreiben: Müllers Land war die DDR, die zweite deutsche Diktatur. Sie war ihm "eine Zeit lang" Identifikation – und fast ein ganzes Leben lang Reibungsfläche für ein Werk, das er diesem Land abtrotzte. Freilich: Der Umstand, dass Bertolt Brecht in diesem Land lebte und arbeitete, dürfte zu besagtem Identifikationsgefühl beigetragen haben. Zumal für den jungen Autor Müller Brecht eine nicht zu unterschätzende Instanz war. Allerdings mit dem Unterschied, dass bald all das, worüber Brecht im Namen eines parteitreuen Geschichtsoptimismus geschwiegen hat, für Müller zum eigentlichen Thema wird: Dass nämlich auch die Erfüllung des (kommunistischen) Traums vom neuen Menschen, als Albtraum in Erscheinung tritt. Als menschenvernichtende Gewalt, die nicht nur Revolutionen, sondern Geschichte schlechthin definiert. Es ist das Lebensthema Müllers.

Bildstarke Untergangsgesänge

In Müllers Schreiben werden statt Brecht zunehmend die antiken Tragödien und Shakespeare zur Reflexionsfolie – eine Emanzipationsbewegung in weltanschaulicher wie künstlerischer Hinsicht. Und je mehr Müller diese Bewegung vollzieht, desto autarker werden seine Texte. Es sind sirenenhafte Untergangsgesänge, oft schwer greifbar und doch zugleich von einer ungeheuren Bild- und Suggestionskraft.

Müllers Theater zeigt Geschichte als Theater des Grauens. Und wo man in der DDR darauf erst einmal mit Zensur reagierte, man Stücke von den Spielplänen strich, den Autor aus dem Schriftstellerverband ausschloss, gab sich das westdeutsche Feuilleton abwechselnd jovial und konsterniert. Der Weltgeltung, die sich Müller langsam aber sicher verschaffte, tat das alles keinen Abbruch. Ebenso wenig, wie die späteren Umarmungsgesten in Form von Preisverleihungen in Ost wie West (Georg-Büchner-Preis, Nationalpreis der DDR) an Müllers Weltsicht etwas änderten.

Star und Selbstdarsteller

Heiner Müller in einem Interview Bildrechte: imago/Gueffroy

Der Autor wurde zum Star – und zum Darsteller seiner selbst. In Schwarz gekleidet mit schwarzem Humor gewappnet. Whiskey nippend und durch den Qualm der unabdingbaren Havanna hindurch sarkastische Bonmots verteilend. Der Unterhaltungswert war immens, auch weil er sich, Irrtümer inklusive, gleichwohl proportional zum Erkenntniswert verhielt.

Und weil Müller auch als "Unterhalter" seiner Grundhaltung treu blieb: Gegenstand der Kunst sei, so Müller, "was das Bewusstsein nicht mehr aushält, dieses schwer zu ertragende Paradox der menschlichen Existenz, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins."

Zeigen, was das Bewusstsein nicht aushält: In den Komfortzonen heutiger Diskurse scheint derlei Radikalität nur störend. Der Autor sah das voraus. In den letzten Lebensjahren, geschwächt von seiner Krankheit und im Bewusstsein der Flüchtigkeit eines späten Glücks mit Frau und Kind, schreibt er keine Theatertexte mehr. Dafür Gedichte, prägnante Miniaturen, die einen anderen Ton anschlagen:

"Im Spiegel mein zerschnittener Körper. In der Mitte geteilt vor der Operation, die mein Leben gerettet hat. Wozu? Für ein Kind, eine Frau, ein Spätwerk. Leben lernen mit der halben Maschine. Atmen, essen, verboten die Frage 'wozu?', die zu leicht von den Lippen geht. Der Tod ist das einfache. Sterben kann ein Idiot."

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2020 | 06:40 Uhr