#wirsindbuchmesse Zwischen Einsamkeit und Leerstelle: Wie die Leipziger Autorin Isabelle Lehn den Lockdown übersteht

Der jüngste Roman der Leipziger Autorin Isabelle Lehn mit dem Titel "Frühlingserwachen" erschien bereits vor zwei Jahren und damit vor der Corona-Pandemie. Darin erzählte sie auf anhand eigener Erfahrungen, was es bedeutet, als Frau zu schreiben. Inzwischen hat sich ihr Arbeiten durch den Lockdown komplett verändert: Ihr fehlen Begegnungen und Lesungen, wie sie unter anderem zur Leipziger Buchmesse dazugehören.

Die Leipziger Autorin Isabelle Lehn organisiert ihren Alltag auch in normalen Zeiten um das Schreiben: Sie schläft lange, startet langsam in den Tag und bringt dann Sätze, die ihr am Vortag eingefallen sind, zu Papier. Obwohl dieses Arbeitsleben theoretisch auch in Corona-Zeiten möglich wäre, trifft die Krise auch die Schriftstellerin. "Ich erlebe die Krise als eine sehr einsame Zeit, weil meine Begegnungsorte wegfallen. Ich habe eben einen Tagesablauf, der mir schon viel Freiraum und Zeit mit mir allein, die ich auch nicht als Einsamkeit empfinde, zur Verfügung stellt. Aber abends muss ich dann raus, einfach um den Kopf wieder zu füllen, nachdem tagsüber alles rausgekommen ist. Das fehlt mir sehr", berichtet Lehn im Gespräch mit MDR KULTUR.

Zu diesen Begegnungsorten hätte auch die Leipziger Buchmesse gehört, die in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge ausfällt. "Für mich als Besucherin ist die Lücke groß", sagt Lehn. Gleichzeitig weist sie aber auch darauf hin, dass der Ausfall sie nur bedingt trifft: Ihren jüngsten Roman "Frühlingserwachen" veröffentlichte sie bereits im Jahr 2019, als noch Messen stattfinden konnten.

Isabelle Lehn
2019 konnte Isabelle Lehn ihren Roman noch in Lesungen vorstellen. Bildrechte: imago images / Christian Grube

Es tut mir leid für alle, die die Aufmerksamkeit der Buchmesse dringend bräuchten, weil ihr Debüt oder ein späteres Buch erscheint, die nur auf mediale Aufmerksamkeit oder soziale Medien zurückgreifen können.

Isabelle Lehn, Autorin

Die Arbeit wächst

Wie viel Energie das kostet, hat auch Isabelle Lehn erfahren: "Ich habe noch nie so viel organisiert – diese Termine, die dann wieder hinfällig werden, wo man dann wieder ausweichen muss. Alles, was sonst zwischen Tür und Angel im kurzen Gespräch geklärt werden kann, erfordert eine eigene E-Mail oder fünf eigene E-Mails. Also ich bin mit der Verwaltungsarbeit so beschäftigt wie vorher noch nie", erklärt Lehn. Dazu gehört auch, dass sie sich nun wesentlich mehr mit technischen Herausforderungen beschäftigen muss. Wie sie berichtet, reicht es nicht einfach nur in die Kamera zu schauen und zu lesen: Viele Veranstalter versuchen neue Formate zu finden, um einen bestmöglichen Ersatz zu bieten. "Das erfordert wieder mehr technisches Wissen."

Die angespannte Situation wirkt sich auch langsam auf die Arbeit aus, erklärt die Wahl-Leipzigerin: "Ich schreibe ganz anders als sonst. Es fällt mir sehr viel schwerer, kontinuierlich an an längeren Texten zu schreiben. Eine Kontinuität reinzukriegen, ungestört von äußeren Terminen, das ist gerade extrem schwer. Ich kenne es, dass man viel unterwegs ist für Lesungen, aber das lässt sich ganz gut planen. Aber gerade ist alles so unberechenbar, dass sich das auf die Konzentration auswirkt."

Corona vergessen wollen

Porträt Isabelle Lehn
Isabelle Lehn will Corona öfter mal vergessen. Bildrechte: A. Sophron

Eben weil diese Erfahrungen so bedrückend sind, würde Lehn das Thema Corona gerne komplett ausschließen: "Wenn ich über dieses Thema schreibe, kann eigentlich wieder nur über den Leerlauf, über die Anspannung schreiben. Viel erlebe ich auch nicht. Für mich würde es diesen Zustand noch verdoppeln, wenn er auch in meiner Literatur eine Rolle spielen soll", meint Lehn. Deswegen habe sie auch aufgehört, die Nachrichten allzu genau zu verfolgen. Um sich nicht psychisch zu belasten, habe sie zum Beispiel aufgehört, immer die neuesten Infektionszahlen zu lesen. "Ich gehöre zu denjenigen, die sich langsam gerne abwenden möchten. Ich bin zufrieden, wenn ich mich in meinen Innenraum zurückziehen kann, über meine Themen nachdenken kann, weil das Schreiben für mich auch eine große Fluchtmöglichkeit ist. Ich kann in Welten entkommen, in denen die Pandemie keine Rolle spielt, in denen ich einen Anflug von Normalität habe und wo ich mich dann wirklich auf ganz andere Themen konzentrieren kann", so Lehn weiter.

Ganz ausklammern kann sie das Thema jedoch nicht: Da wegen des Lockdowns zahlreiche Lesungen ausfallen müssen, fehlen der Autorin Einnahmequellen. Um das auszugleichen – und weil die Arbeit am nächsten Roman wegen der Situation erschwert ist –, übernimmt sie mehr Auftragsarbeiten. Und dabei soll es eben vor allem um das Leben in Corona-Zeiten gehen. Lehn zeigt sich zwiegespalten: "Einerseits eine willkommene Einnahmequelle, aber ich bin auch froh, dieses Thema einfach mal wieder von mir weisen zu können."

Literaturszene und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Mai 2021 | 11:05 Uhr

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Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei