"Sigrid Damm – Gespräche und Texte über Werk und Weggefährten" Autorin Sigrid Damm aus Gotha: Neues Buch gibt Einblicke in Leben und Werk

Sigrid Damm ist vor allem für ihre Schriften über die Weimarer Klassiker Goethe, Schiller, Herder und Wieland bekannt. Der neu erschienene Band "Sigrid Damm – Gespräche und Texte über Werk und Weggefährten" widmet sich dem bemerkenswerten Leben der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichneten gebürtigen Gothaerin. In dem Buch wirft Herausgeber Ulrich Kaufmann einen Blick auf ihr Frühwerk und lesenswerte Betrachtungen zur DDR-Literatur. Zudem enthält es bislang vergessene oder schwer zugängliche Texte über Kollegen, Freunde und bildende Künstler sowie zahlreiche, teils erstmals veröffentlichte Fotos.

Sigrid Damm
"Sigrid Damm – Gespräche und Texte über Werk und Weggefährten" versammelt brandaktuelle Interviews und teils unveröffentlichte Fotografien Bildrechte: Quintus Verlag

Für Bestseller wie "Christiane und Goethe" sowie "Goethes letzte Reise" bekam die in Gotha geborene und heute in Berlin beheimatete Sigrid Damm bedeutende Literaturpreise. Trotzdem blieb die Klassik-Expertin die Bescheidenheit in Person. Bis 2010 geizte sie konsequent mit Informationen über sich. Damals veröffentlichte der Insel-Verleger Hans-Joachim Simm eine Dokumentation, in der die Autorin erstmals bereitwillig Selbstauskünfte erteilte. Das jetzt unter dem Titel "Sigrid Damm – Gespräche und Texte über Werk und Weggefährten" erschienene Buch von Ulrich Kaufmann verkörpert eine Fortführung dieses Projektes. Man entdeckt darin etliche brandaktuelle Interviews.

Das jüngste stammt von 2021 und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Pandemie: "In dieser Corona-Zeit habe ich zum Beispiel Tolstois Krieg und Frieden wieder gelesen, zum dritten oder vierten Mal. In der Abgeschiedenheit des Lockdowns habe ich eine weitere neue Lektüre entdeckt, ich lese Shakespeares Dramen, vornehmlich die im Deutschen Taschenbuch Verlag erscheinenden zweisprachigen Ausgaben mit dem großen Anmerkungsapparat, der einem die Übersetzungen und ihre Schwierigkeiten zugänglich macht. Ein aufregendes Kopftheater!"

Blick auf Gotha. Auf einem Berg über der Stadt steht das Schloss Friedenstein
Sigrid Damm wurde am 7. Dezember 1940 im thüringischen Gotha geboren. Bildrechte: MDR/Thomas Fettien

Sigrid Damm: Wissenschaftlerin mit künstlerischem Talent

Von Haus aus ist Sigrid Damm zwar Germanistin, doch ihr Werk besitzt zugleich künstlerische Züge, denn es bezeugt sowohl ein feines Händchen für die Komposition von Prosa als auch stilistische Raffinesse. Diese Vorzüge stachen dem Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld bereits ins Auge, als die deutsche Teilung noch existierte. Nach dem Mauerfall warb er die Autorin sofort beim Ostberliner Aufbau-Verlag ab. Obwohl Sigrid Damm zunächst zögerte, den Vertrag mit ihm zu unterzeichnen, schlug damals die Geburtsstunde ihrer Freundschaft. Es wundert daher kaum, dass sie 1999 zu den Gästen bei der Feier seines 75. Geburtstags in Venedig gehörte.

Sigrid Damm
Die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Sigrid Damm 2018 in Erfurt Bildrechte: imago images / VIADATA

Von den Eindrücken berichtet sie in einer Unterredung: "Es war ein traumhaft schönes Fest. Unseld machte mich dort unter anderem mit Amos Oz und Louis Begley bekannt, zwei große Schriftsteller, die äußerst bescheidene und sympathische Menschen sind. Unselds Fähigkeit, Verbindungen, Freundschaften zu stiften, war groß. Er hatte eine Begabung, seine Autoren zusammenzuführen. Entweder durch Würdigung nicht mehr Lebender oder durch Feste zu seinen eigenen runden Geburtstagen."

Protegiert vom Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der SWR-Sendung - Literatur im Foyer - in Mainz.
Der als "Literaturpapst" bezeichnete Marcel Reich-Ranicki zählte zu den Förderern von Sigrid Damm. Bildrechte: imago/Rau

Mit leicht ironischen Untertönen schildert Sigrid Damm, wie sie durch Siegfried Unseld den gefürchteten Marcel Reich-Ranicki kennen lernte. Der Kritikerpapst musterte sie bei dem Treffen überheblich und arrogant. Daher befürchtete sie, er werde ihre Arbeiten verreißen. Doch das Gegenteil trat ein. Dank der Loblieder, die er in seiner Kultsendung "Das literarische Quartett" auf sie anstimmte, entwickelte er sich zu einem ihrer Förderer.

Sigrid Damm erzählt außerdem noch von anderen Weggefährten, denen sie wesentliche Anregungen schuldet: "Jürgen Teller hat mich sehr unterstützt, wir waren in seiner Zeit, als er Cheflektor bei Reclam war, und später, als er nach Weimar zu den Klassik-Stätten ging und noch später, als er im Insel Verlag Leipzig tätig war, eng befreundet. Ebenso hat mich Franz Fühmann ermutigt. Beiden bin ich äußerst dankbar dafür."

Essays über Weggefährtinnen wie Christa Wolf und Sarah Kirsch

Sogar Details ihres Privatlebens gibt Sigrid Damm im Dialog mit Ulrich Kaufmann preis. Das fiel ihr nicht schwer, denn bei dem Befrager handelt es sich um den Sohn ihres Doktorvaters Hans Kaufmann, auf den sie große Stücke hält. Unter anderem umreißt sie Details ihrer glücklichen Beziehung mit Hans J. Wiedemann, der bis zur Pensionierung an der Berliner Beuth Hochschule arbeitete:

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Der Band beinhaltet auch Essays über Damms verstorbene Freunde, wie zum Beispiel Christa Wolf. Bildrechte: imago images / epd

"Hans J. Wiedemann hat mir bereits in den Jahren, da er noch berufstätig war, Literaturverzeichnisse erstellt und mich 2006 erstmals zu einer Lesung begleitet. Wir hatten für Juli eine Einladung auf Schloss Elmau in Oberbayern. Auf der Rückfahrt besuchten wir das Franz Marc Museum in Kochel und das Gabriele Münter-Haus in Murnau. Seit 2019 ist er berentet und hilft ausschließlich mir, recherchiert, schreibt die Manuskripte ab, debattiert das Entstehende mit mir. Eine Luxussituation für mich."

Neben vielen Gesprächen mit Sigrid Damm finden sich in dem Band etliche ihrer Essays, die sich um tote Freunde wie Christa Wolf und Sarah Kirsch drehen, oder um lebende wie Wieland Förster und Volker Braun. Alle entpuppen sich als Spielarten der autobiografischen Reflexion in sehr unkonventioneller Form.

Sigrid Damm
Bildrechte: Quintus Verlag

Angaben zum Buch Ulrich Kaufmann:
"Sigrid Damm – Gespräche und Texte über Werk und Weggefährten"
Erschienen im Quintus Verlag
352 Seiten
26 Euro
ISBN: 978-3969820261

Mehr Literaturtipps

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Januar 2022 | 11:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren