Gespräch Schriftsteller Uwe Tellkamp: "Ich muss mich ständig rechtfertigen"

Er ist einer der erfolgreichsten und umstrittensten deutschen Schriftsteller: Uwe Tellkamp. Der Erfolgsautor hat nach 14 Jahren einen Nachfolger zu seinem Roman "Der Turm" vorgelegt: "Der Schlaf in den Uhren". Das Buch wurde gespannt erwartet, doch dann fiel es bei den Rezensentinnen und Rezensenten weitestgehend durch. Der Dresdner Tellkamp bleibt eine politische und gesellschaftliche Figur, an der sich die Öffentlichkeit gerne reibt. Vladimir Balzer hat mit ihm gesprochen.

"Der Schlaf in den Uhren", das neue Buch von Uwe Tellkamp bekam viel Gegenwind aus der Literaturkritik, ja sogar Verrisse. Auf die Frage, wie er damit umgehe, meinte der Schriftsteller, dass er damit gerechnet habe, da er im Vorfeld auch als politischer Bürger im öffentlichen Diskurs stand. Er sagte im Gespräch im MDR KULTUR-Café: "Ich hatte den Eindruck, dass die politische Figur den Schriftsteller, den Künstler überformt, und die Trennung schwerfällt." Tellkamp vermied es deshalb auch, sich alle Kritiken zu seinem aktuellen Roman durchzulesen. Er bat Freunde, diese für ihn "vorzukosten" und ihm davon zu berichten. Komplett gelesen habe er nur zwei Kritiken.

Das zentrale Missverständnis über sein Buch sei, dass man davon ausgehe, es "wolle irgendetwas". Das sei nicht der Fall. Manche Kritiker schreiben, es wäre ihm um "Abrechnung" gegangen und sie würden "Hass und Ekel" lesen. Das stimme nicht, so der Schriftsteller. Wäre dem so, hätte er schon im Lektorat "eins auf die Finger gekriegt" und er habe ein gutes Lektorat gehabt.

Tellkamp sieht sich an den Pranger gestellt

Im Gespräch mit MDR KULTUR beklagt sich Tellkamp, er müsse sich immer wieder rechtfertigen für seine Meinung. Er sagte: "Ich kann mich wie mit Ihnen jetzt öffentlich äußern, dafür bin ich dankbar. Das ist aber nicht der Punkt, wenn es um den vielbeschworenen Gesinnungskorridor geht. Sondern für mich ist eher der Punkt, wie dann danach mit der Meinung umgegangen wird, was die Konsequenzen sind. Die Konsequenzen sind eben nicht nur ein Widerspruch, sondern Widersprüche nehmen inzwischen auch Formen an von Pranger, von Abwertung. Ich seh einfach in vielen Kritiken das Wort psychotisch aufscheinen, sehe mich konfrontiert mit dem Begriff 'Wahnsystem'".

Tellkamp wünscht sich misstrauischere Medien

"Wie viele Sendungen mit einem wie mir haben Sie denn?", fragt Tellkamp bei dem Thema öffentliche-rechtlicher Rundfunk. Seiner Meinung nach agiere dieser zu einseitig. Wenn er seine Meinung sage, werde er sofort als "Schwurbler" abgetan. Er wünsche sich, dass die Medien misstrauischer und zweiflerischer berichten würden und nicht so schnell in ihren Urteilen seien.

Überhaupt werde in Deutschland oft mit zweierlei Maß gemessen. Als Beispiel führte Tellkamp an, dass die Berliner Bürgermeisterin plagiiert hat und trotzdem im Amt bleiben dürfe. Und die Außenministerin und der Wirtschaftsminister könnten "Dinge ablassen, die auf keine Kuhhaut mehr gehen, die sie vielleicht dazu qualifizieren, dass sie ihre Berufe kriegen". Ein Landesbischof Carsten Rentzing aber, der im Alter von 20 Jahren winzige Artikel in einer obskuren Zeitschrift (Anm. d. Red.: Bei der Zeitschrift handelte es sich um die rechte Zeitschrift "Fragmente – das konservative Kulturmagazin") veröffentlicht habe, sei sofort von der Bildfläche verschwunden.

Alles eine Sache der Zuschreibung?

Die Frage, ob sich die AfD seiner Meinung radikalisiert habe, verneinte Tellkamp. Das sei eine Sache der Zuschreibung. Die AfD werde vom Verfassungsschutz beobachtet, weil dieser nun von Thomas Haldenwang geführt werde und nicht mehr von Hans-Georg Maaßen, der "gegangen wurde". Dass man Mitglieder der AfD Nazis nennen dürfe, hieße nicht, dass sie auch Nazis seien, so Autor im Interview.

An einer Stelle schließlich erklärt Tellkamp einen Teil seines Denkens. Er führt dazu das Leben in der DDR an. Er sehe, dass viele Menschen ein Grundvertrauen in Institutionen haben, in Demokratie, in demokratische Regulatorien, in die vierte Gewalt. Im Unterschied dazu hätten er und andere DDR-Bürger den Staat auch als Feind kennengelernt und eine Ahnung davon bekommen, was das bedeuten kann. Diese Herkunft habe ihn geprägt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juni 2022 | 12:00 Uhr

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