Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian: Von Meinungsfreiheit und Straßenkampf um Demokratie

Autorin und Journalistin Valerie Schönian wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. In ihrer Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" bei MDR KULTUR reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation. Diesmal geht es um Meinungsfreiheit und die Debattenkultur in Deutschland und was das mit der DDR zu tun hat.

Neulich hatte ich ein richtig gutes Gespräch. Das kommt ja gefühlt kaum noch vor, nicht nur wegen der Pandemie, deswegen möchte ich das gern mit Ihnen teilen. Stellen Sie sich vor: zwei Frauen, zwei Bier, ein Tisch, Abstand natürlich. Und eine Vertrautheit, die sich einstellt, wenn man merkt, dass man das Wort "Sozialismus" sagen kann, ohne dass einer aufspringt und panisch Kreise läuft. Meine Gesprächspartnerin ist ein paar Jahrzehnte älter als ich, in der DDR aufgewachsen, hat diesen Staat mit niedergerungen. Lange lebte sie noch im Osten, mittlerweile nicht mehr, sie ist viel unterwegs und engagiert sich nebenher in einer Partei, die dem linken Meinungsspektrum zugerechnet wird. Das sage ich, um zu erklären, warum mich Folgendes so überraschte.

Wir sprechen irgendwann über die Debattenkultur in Deutschland. Sie findet, man müsse mittlerweile sehr aufpassen, was man sagt, um nicht in eine falsche Ecke gestellt zu werden. Und dann: Dass sie das an die DDR erinnere. Denn: Da habe man auch nicht alles sagen dürfen. Ich: Muss ordentlich schlucken, und das liegt nicht am Bier.

Mein inneres Stop-Schild

Der Satz triggert mich. Nicht unberechtigt. Triggern, das bedeutet "auslösen". Es meint, dass man durch bestimmte Dinge auf eigene Erinnerungen zurückgeworfen wird; auch wenn es nicht unbedingt die gleichen sind. Was dieser Satz bei mir eben auslöst: Erinnerungen an all die Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme oder mittlerweile auch manche Querdenker, die unsere liberale Demokratie mit der DDR vergleichen; einer Diktatur also. In meinem Kopf geht krachend die Schublade auf, in die ich allen Humbug packe, den diese Leute erzählen. Gefährliche Vergleiche, Lügen, Menschenfeindlichkeit. Dinge, die kein Gespräch tatsächlich voran bringen, sondern untergraben, auf was unsere Gesellschaft baut – die liberale Demokratie. Deswegen steht draußen auf der Schublade in großen Lettern "Stop" – als Erinnerung daran, mit den Leuten, von denen der Humbug kommt, definitiv kein Bier mehr zu trinken.

Valerie Schönian 23 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Aber ich mag sie ja. Deswegen stelle ich mein inneres Stop-Schild zwar bereit, aber bevor ich in den Kampfmodus gehe, atme ich erstmal tief ein und aus – und frage, wie sie es gemeint hat. Sie erklärt, dass sie nichts politisch Falsches sagen will und sich bemühe. Aber sie habe ständig Angst von Leuten geächtet zu werden, deren Meinung sie ja schätzt. Im Zweifel sage sie dann lieber mal gar nichts. Und das sei wie damals. Ich erkläre, warum das nicht das Gleiche ist. Einmal übt der Staat Druck aus, einmal Einzelne aus der Gesellschaft, deren Meinung genauso frei ist. Wir reden eine Weile und sie versteht meinen Punkt schnell. Was aber ebenso passiert: Ich verstehe auch ihren, ein bisschen zumindest.

Wer einmal erlebt hat, dass man nicht frei reden kann

Das ist ihr Trigger-Punkt. Es ist gut und wichtig – gerade weil Meinungsfreiheit herrscht – wenn wir alle auf unsere Worte achten. Aber es leuchtet mir in dem Moment ein, dass das bei ihr etwas anderes auslöst als bei mir. Wer einmal erlebt hat, dass man nicht frei reden kann – der reagiert feinfühliger, reagiert überhaupt, bei dem Gefühl, es sei wieder so. Selbst wenn man an sich weiß, dass es sich um zwei verschiedene Sachen handelt.

Sie und ich haben da beide, glaube ich, ein bisschen mehr voneinander verstanden. Und ein bisschen Verständnis füreinander ist nötig, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Aber nicht nur deswegen war ich froh um das Gespräch. Sondern ich habe gemerkt – es bringt etwas, nicht gleich in den Kampfmodus zu wechseln. Man kann auch einfach erstmal kurz durchatmen. So schafft man es, zuzuhören – und auch, dass einem zugehört wird.

Kurz vor dem Straßenkampf

Das Gespräch tat mir aber auch so gut, weil ich coronabedingt viele Debatten gerade nicht persönlich führe, sondern im Internet verfolge, bei Twitter und Facebook. Da werden die manchmal so heftig und einseitig geführt, dass man das Gefühl bekommen kann, wir befänden uns bereits mitten im Straßenkampf um unsere Demokratie. Alle Seiten bauen so hohe Barrikaden voreinander auf, dass ein Gespräch unmöglich wird.

Nicht falsch verstehen: Es ist wichtig zu kämpfen, wenn unsere Demokratie auf dem Spiel steht. Aber wenn man fast jede Meinungs- oder Wahrnehmungsverschiedenheit in einem Kampfmodus führt, als ob sich genau daran jetzt die Demokratie entscheidet, dann macht das ein Gespräch nicht gerade leichter. Aber im Gespräch bleiben ist, glaube ich, eine gute Taktik um den Straßenkampf noch eine Weile zu verhindern.

Eine Kolumne von Valerie Schönian.

Die Kolumne "Bei uns heißt das Polylux"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 29. September 2020 | 06:00 Uhr