Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian in der Corona-Quarantäne: Du beknacktes Virus!

Autorin und Journalistin Valerie Schönian wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. In ihrer Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" bei MDR KULTUR reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation. Diesmal erzählt sie davon, wie sie ihre Corona-Quarantäne zwischen Bücherregal ordnen und Meditations-Apps überstanden hat.

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Die Mitbewohnerin ist positiv auf Corona getestet, Valerie Schönian in selbst auferlegter Quarantäne und stellt fest: Es ist gar nicht so leicht, sich selbst einzusperren, Bücherregal umräumen inklusive.

MDR KULTUR - Das Radio Do 12.11.2020 08:00Uhr 04:10 min

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Die zweite Welle erwischt mich vor ein paar Wochen im Goethepark in Weimar. Ich bin zum Kurzurlaub in der Stadt und gerade spazieren, zwischen Herbstbriesen und Herbstniesern, als die Nachricht von meiner Mitbewohnerin ankommt: "Hey", schreibt sie in unsere Berliner WG-Gruppe, "ich bin leider positiv getestet."

Schnelltests und Flugzeugabstürze

In dem Moment ziehen vor meinem inneren Auge alle berührten Türklinken und Menschen der vergangenen Tage vorbei. Mein Herz hält die Luft an, aus Angst dabei meine Omas zu entdecken, weil diese Angst den Umstand verdrängt, dass ich sie seit Wochen nicht gesehen habe. Dann rufe ich meine Mitbewohnerin an, die schon dabei ist, alle Menschen durchzutelefonieren, die an ihrem inneren Auge vorbei gezogen sind. Sie hat nur Angst, jemanden angesteckt zu haben. Ich muss fragen, wie es ihr geht. An den Egoismus dieser jungen Leute in Berlin glaube ich nicht mehr.

Es geht ihr gut, aber sie muss zwei Wochen in Quarantäne, die sie bei ihrem Freund verbringt, der auch positiv getestet ist. Unsere Wohnung lässt sie desinfiziert zurück. Weil ich meine Mitbewohnerin vor meinem Urlaub zum Abschied gleich dreimal gedrückt habe, hole ich mir einen Mietwagen für 130 Euro, fahre damit zurück nach Berlin, mache einen Schnelltest für 40 Euro und frage mich, was ich tun würde, wenn ich das Geld nicht hätte.

Die 20 Minuten bis zum Ergebnis fühlen sich an wie im Flugzeug sitzen: Man hängt in der Luft, hat auch irgendwie Angst vor dem Absturz, aber rechnet eigentlich nicht wirklich damit.

Mein Test ist dann negativ. Ich bin wahnsinnig erleichtert und denke gleichzeitig: Mensch, bist du wieder dramatisch, grübelst über Flugzeugabstürze, ist doch alles gut gegangen. Selbst jetzt fühlt sich Corona noch seltsam weit weg und irgendwie unglaublich an. Ich muss mir aktiv in den Kopf hämmern, dass es das nächste Mal anders ausgehen kann, wenn wir nicht aufpassen. Fühlt sich ein bisschen an wie nach der Abwahl des AfD-gestützten Ministerpräsidenten in Thüringen.

Valerie Schönian 23 min
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Meine Oma sagt immer: Es muss.

Ich gehe trotzdem in Quarantäne, wenn auch beruhigt. Zwar ruft mich niemand vom Gesundheitsamt an, aber ich bin eben Kontaktperson ersten Grades. Eigenverantwortung ist wichtig, wenn die Behörden überlastet sind. Aber man muss festhalten: So leicht ist es dann auch nicht, sich selbst einzusperren, wenn das niemand von einem persönlich explizit verlangt. Eine Stimme in meinem Kopf fragt mich ständig, ob das alles nicht übertrieben ist. Ich mag die Stimme an sich. Sie hält mich davon ab, mehr als eine Packung Klopapier zu kaufen. Aber diesmal höre ich nicht auf sie, denn – so steht es auch auf der Seite des Robert-Koch-Instituts – Kontaktpersonen sollen in häusliche Isolation, Test hin oder her.

Ich merke auch, wie privilegiert ich bin. Freundinnen wollen für mich einkaufen gehen. Meinen Job kann ich von Zuhause erledigen. Kinder habe ich nicht. Ich ordne mein Bücherregal neu, mein Zimmer um, koche fast jeden Abend und nicht immer Nudeln. Ich ignoriere Corona-Nachrichten konsequent und rede mir ein, dass ich meinen Urlaub einfach in den eigenen vier Wänden verlängert habe. So gehts. Meine Quarantäne ist schon nach einer Woche um, weil der Kontakt mit meiner Mitbewohnerin länger her ist. Die Zeit vergeht schnell und ich bin so froh, als sie vorbei ist.

Als ich wieder raus darf, befinden wir uns im Lockdown light. Keine Theater, keine Bars, keine Omas. Privilegiert hin oder her, nichts daran ist leicht. Aber es wird schon. Meine Oma sagt immer: Es muss.

Denn ich habe in dieser Woche auch gemerkt, was sich in den vergangenen Wochen verändert hat. Hätte ich während der ersten Welle eine Woche allein Zuhause bleiben müssen, hätte ich das ziemlich sicher nicht so gut gestemmt. Ich wäre zu überfordert gewesen, um mein Bücherregal aufzuräumen, hätte eher mein Bett nicht verlassen, nur "Gilmore Girls" geschaut und wäre in jedem Moment außerhalb von Stars Hollow unglücklich gewesen.

Wir lernen schnell

Aber ich bin besser darin geworden in einer Pandemie zu leben. Ich mache jeden Morgen mein Bett, schaue erst nach dem Frühstück auf Twitter und habe eine Meditations-App, um zu lernen, mich voll und ganz auf die Frage zu konzentrieren, ob ich das "Tribute von Panem"-Buch ins Regal stelle oder doch lieber verstecken sollte. Um zu lernen, im Moment zu bleiben. Der Unsicherheit keinen Raum zu geben. Nicht für die Selbstoptimierung, sondern gegen die Angst.

Das klappt nicht immer, aber immer öfter. Denn Viren mögen ja gut darin sein, sich den Umständen anzupassen und dazu zu lernen. Aber wir Menschen haben vollautomatische Kaffeeautomaten und kabellose Kopfhörer erfunden. Wir lernen schneller, du beknacktes Virus.

Eine Kolumne von Valerie Schönian

Die Kolumne "Bei uns heißt das Polylux"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. September 2020 | 06:00 Uhr