Publikation zum Jubiläum 40 Jahre "neues theater Halle": 40 persönliche Erinnerungen

Ein Buch gefüllt mit gelebtem Leben: Anlässlich des 40. Jahrestages der Eröffnung des neuen theaters in Halle veröffentlicht der Mitteldeutsche Verlag eine Jubiläumspublikation. 40 Frauen und Männer, die in den vergangenen Jahren am nt, dem "neuen theater Halle", gelebt und gearbeitet haben, erzählen von ihren Erlebnissen, schwelgen in Erinnerung, üben Kritik und äußern Wünsche. Mit "Die Wurzeln der Leute reichten bis zum Mittelpunkt der Erde" haben der Autor Michael Laages und die Fotografin Katrin Denkewitz eine gelungenes Werk über Theatergeschichte geschaffen.

Neues Theater 7 min
Bildrechte: Katrin Denkewitz

"Die Wurzeln der Leute reichten bis zum Mittelpunkt der Erde" – der Titel des Buches ist ein Zitat aus dem Gespräch mit der Regisseurin Claudia Bauer.

Sie erinnert sich an ihre Arbeit am neuen theater, wo sie seit 2005 unter dem neuen Intendanten Christoph Werner mehrfach inszeniert hatte. Das Ensemble sei damals noch stark von Peter Sodann geprägt gewesen, der das neue theater 1981 gegründet und fast 25 Jahre lang geleitet hatte. Bauer erlebte das Ensemble als so verwurzelt in Halle, mit der Stadt, mit Sodann, mit einer bestimmten Spielweise, dass die Wurzeln bis zum Mittelpunkt der Erde reichen würden. Der Satz ist natürlich doppeldeutig: ein Lob ob der ästhetischen Standfestigkeit einerseits; andererseits eine Kritik wegen mangelnder Beweglichkeit. Das trifft es ziemlich genau.

Die Wurzeln der Menschen reichten bis zum Mittelpunkt der Erde.

Regisseurin Claudia Bauer

40 Jahre "Kulturinsel" – 40 porträtierte Menschen

Michael Laages
Autor Michael Laages Bildrechte: Katrin Denkewitz

Claudia Bauer, die inzwischen zu den profilierten Regisseurinnen hierzulande gehört, und schon dreimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, ist eine von 40 Theatermenschen, die hier im Buch versammelt sind. Sie alle erinnern sich, erzählen ihre Geschichte. Michael Laages, Theaterkritiker und Kulturradiojournalist, hat diese Geschichten zusammengestellt, Interviews verschriftlicht, Texte redigiert. Zu den Texten kommen Porträtfotos hinzu. Dafür hat die Fotografin Katrin Denkewitz ihre Geburtstadt aufgesucht und die im Buch versammelten Theatermenschen porträtiert.

Warum das Haus mehr als ein Theater ist

Katrin Denkewitz
Katrin Denkewitz hat die 40 Erzählenden porträtiert. Bildrechte: Katrin Denkewitz

Es sind ja auch wirklich interessante Namen im Spiel: Neben Claudia Bauer sind es Schauspieler wie Katrin Sass, Reinhard Straube, Elke Richter oder Hilmar Eichhorn, die hier zu Wort kommen, Regisseure wie Frank Castorf, Herbert Fritsch und Wolfgang Engel. Die aktuelle Chefetage des Theaters ist mit Henriette Hörnigk und Matthias Brenner vertreten. Dazu kommt auch noch das Puppentheater mit Christoph Werner, René Marik und auch Rainald Grebe. Das gehört nämlich auch auf die "Kulturinsel", die hier in 40 Jahren entstanden ist. Ausgehend vom neuen theater kamen mit der Zeit ein Theatercafé, ein Biertunnel, eine Galerie, und eben das Puppentheater hinzu. Als Ersatz für ein Theater-Hotel, erzählt der Architekt Uwe Graul. Alles zusammen wurde dann ab Ende der 80er Jahre "Kulturinsel" genannt – bis heute.

Claudia Bauer
Regisseurin Claudia Bauer sagte in einem Interview den Titelsatz: "Die Wurzeln der Leute reichten bis zum Mittelpunkt der Erde" Bildrechte: Katrin Denkewitz

Geschichten aus gelebten Leben

Wer die 40 Geschichten liest, kommt den Erzählerinnen und Erzählern erstaunlich nahe, weil die Texte oft sehr persönliche Sichtweisen beinhalten. Eine große Stärke! Sabine Kirchner, Intendanzsekretätin, schreibt über ihre Stasitätigkeit und wünscht sich in ihrem Text, "dass die, die noch da sind aus der alten Zeit, mal an einem runden Tisch sitzen, Sodann, Straube, Eichhorn und alle, die noch leben" – es geht ihr wohl um Aussprache, um Schuld und Sühne, aber wohl auch um ein Stück gelebtes Leben. Wo der Wunsch nicht Wirklichkeit werden kann, wie Kirchner mutmaßt, ist das Buch hier mehr als ein Ersatz. Wie nebenbei gewinnt man auch einen Einblick in das Theaterleben der späten DDR und der Wende- und Nachwendejahre. Bemerkenswert, wie vernetzt man dann doch trotz aller Wurzeln unterwegs ist.

Peter Sodann polarisierte

Sodann, als langjähriger Intendant und "Kulturinsel"-Motor, steht oft im Zentrum. Für Regisseur Frieder Venus ist er "der Alleinherrscher, der Allesbestimmer, der Allesbesserwisser." Margit Lenk, Archivarin des Landestheaters, erinnert sich an eine "ausgesprochen soziale Ader". Aber: "Er konnte auch ein richtiger Miesling sein. Er flippte oft mal aus, wenn es ihm nicht schnell genug ging."

Peter Sodann vor dem neuen theater in Halle (Saale), das am 08.04.2016 sein 35. Jubiläum feierte.
Peter Sodann war viele Jahre Intendant des Neuen Theaters. Bildrechte: imago/Felix Abraham

Anne-Kathrin Gummich, Schauspielerin, spricht den Alkoholkonsum im Theater an. Der sei hoch: "Hier gibt es bereits am Morgen Bier in der Kantine." Derlei Erinnerungen sind manchmal zu viel des Guten. Opa erzählt vom Krieg – will man das alles noch einmal hören, was ja weithin kolportiert und bekannt ist? – Gut, wenn dann ein deutlich anderer Ton angeschlagen wird. René Marik, der Puppenspieler, der aus dem Westen kam, übt wohl die deutlichste Kritik, spricht von "verbrannter Erde", die Sodann hinterlassen habe, und kommt zu dem Schluss: "Ich habe das damals so wahrgenommen: als Gestrigkeit, so rückwärtsgewandt. Und das hat nichts mit Ost-West zu tun – ich finde es grundsätzlich falsch, die Augen im Hinterkopf zu haben und nur zu sagen, dass früher alles besser war. Das ist einfach eine Haltung, die ich nicht ertrage. Und dass man ein Haus so konserviert in Status und Struktur, das halte ich schon auch für fragwürdig."

Rene Marik
Puppenspieler René Marik übt Kritik an der Erinnerungskultur des Theaters. Bildrechte: Katrin Denkewitz

Zu Mariks Kritik passt der Text, der im Buch den Auftakt macht. Die junge Schauspielerin Aline Bucher, seit Beginn dieser Spielzeit erst im Ensemble, spricht das an, was ihr heute wichtig ist: Theater mit einem politischen Auftrag; Theater mit einer Haltung. Sie spricht den Klimawandel an und den Kapitalismus und fügt hinzu: "Ja, ich weiß, wir machen Kunst und keine Politik, aber ich hoffe, dass das Theater in den Menschen Leidenschaft entfachen kann, die Veränderung anregt und vorwärts bringt."

Es ist wichtig, der patriarchalen Kultur und der Unterdrückung von Gefühlen etwas entgegenzuhalten und Raum zu schaffen für Empathie und Emotionalität."

Aline Bucher, Schauspielerin am Neuen Theater

"Patriarchale Kultur" – da ist wieder der Patriarch, wie auch Peter Sodann einer gewesen sein muss, der König einer kleinen Insel, glaubt man den Erinnerungen der hier versammelten Theatermenschen. Hätte es die "Kulturinsel" ohne ihn gegeben? Wohl kaum. Das ist die andere Seite der Medaille.

Sodann: "Meine Äußerung ist der Bau des Theaters"

Übrigens: Peter Sodann äußert sich nicht. Stattdessen drei Schnappschüsse mittendrin im Buch und das knappe Zitat: "Meine Äußerung ist der Bau des Theaters." Ganz am Ende dann doch noch Sodann: Paul Sodann, der Enkel, der Schauspieler werden will und irgendwie die Gene des Großvaters geerbt hat, wenn er erklärt: "Ich habe keinen Plan B. Es ist ja schwachsinnig, wenn man nicht das macht, was man gerne macht und liebt."

40 Jahre neues theater sind ein guter Anlass für dieses Buch, das gut zusammengestellt und sehr lesenswert ist, und ein interessantes Stück Theatergeschichte erzählt.

Es ist das Cover des Buches "Die Wurzeln der Leute reichten bis zum Mittelpunkt der Erde. 40 Portraits zum 40. Geburtstag des neuen theaters" von Autor Michael Laages.
Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Mehr Informationen "Die Wurzeln der Leute reichten bis zum Mittelpunkt der Erde"
erscheint anlässlich des 40. Jahrestages der Eröffnung des neuen theaters am 08. April 2021.
mit Portraits von Thomas Bading, Claudia Bauer, Matthias Brenner, Frank Castorf, Hilmar Eichhorn, Herbert Fritsch, Rainald Grebe, Anne-Kathrin & Nina Gummich, Stefan Ludwig, René Marik, Katrin Sass, Paul Sodann, Peter Sodann, Reinhard Straube, Christoph Werner u.v.m.

Texte: Michael Laages u.a.
Bilder: Katrin Denkewitz
Mitteldeutscher Verlag Halle
200 Seiten, Flexocover, 220 × 240 mm, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-96311-477-9
Preis: 20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. April 2021 | 08:10 Uhr

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