"Überall Verwüstung. Abends Kino" Reisetagebuch einer Bauhaus-Künstlerin – mit dem Fahrrad durch die Nachkriegszeit

Ré Soupault war eine deutsch-französische Künstlerin, die nach ihrer Ausbildung am Bauhaus in Weimar zur europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts zählte. 1951 fuhr sie mit einem Velosolex, einem motorisierten Fahrrad, durch das vom Krieg zerstörte Süddeutschland. "Überall Verwüstung. Abends Kino" lautet der Titel des Reisetagebuchs dieser außerordentlich mutigen Frau und beeindruckenden Künstlerin, das nun veröffentlicht wurde.

Es ist das Jahr 1951. Der Zweite Weltkrieg steckt den Menschen noch in den Knochen. Die Verheerungen, die er angerichtet hat, sind noch immer sichtbar, auch die verborgenen im Inneren. Die moralische Schuld wiegt bei vielen weniger, es ist vielmehr das eigene Leid, das bedrückt. "Saarbrücken, das ich streifte, schien mir furchtbar traurig, wie überhaupt das ganze Saarland von unerträglicher Missstimmung scheint", schreibt Ré Soupault damals.

Mit dem Vélosolex durchs vom Krieg zerstörte Süddeutschland

Soupault, 1901 in Pommern geboren, aber nach vielen Jahren in Paris sich längst als Französin fühlend, reist im September und Oktober 1951 von Basel aus durch Süddeutschland: Mit ihrem Velosolex – einem schicken Fahrrad mit Hilfsmotor und immerhin 0,4 PS – legt sie Hunderte von Kilometern zurück.

Ein altes Velosolexmofa
Auf einem ähnlichen Modell legte Soupault mehr als 1.500 Kilometer zurück. Ihr wichtigstes Gepäckstück: ihre Reiseschreibmaschine. Bildrechte: imago images/UIG

Es geht Richtung Trier, sie wohnt einige Tage bei Verwandten in Wittlich, weiter fährt sie nach Stuttgart und München, Landsberg und Oberstdorf und schließlich nach gut fünf Wochen zurück nach Basel. Die Traurigkeit, die ihr im Saarland auffällt, begegnet ihr auch an anderen Orten. Und natürlich herrscht ein bitterlicher Mangel. "Gott, sind die Menschen hier arm. Besonders nach der Schweiz ist das erschreckend."

Ré Soupault: Die faszinierende Biografie einer Künstlerin

Die Straßen sind schlecht, die Trümmer prägen vielerorts noch das Stadtbild. Kalt kommt Ré Soupault dieses Land vor. Dem Leben in Deutschland fehle jegliche Kontur. Es gibt starke Ressentiments gegenüber den französischen Besatzern – und die wiederum sind nicht gut auf die Boches zu sprechen. Die Grenzgängerin Soupault ist geradezu prädestiniert, diese atmosphärischen Spannungen aufzuspüren. Auf Dauer, stellt sie fest, würde sie es in ihrer alten Heimat nicht aushalten können.

Bei einem Spaziergang über die Höhen von Stuttgart notiert Ré Soupault lapidar: "Überall Verwüstung. Abends Kino". So lautet auch der Titel des Reisetagebuchs, das Manfred Metzner, Verleger des Heidelberger Wunderhorn-Verlags und Nachlassverwalter Soupaults, nun herausgegeben hat. Es ist ein weiteres Puzzleteil zur faszinierenden Biografie einer Künstlerin, die sich in den letzten Jahren dank Metzner nach und nach erschlossen hat – in Ausstellungen, Fotobänden und Büchern.

Ré Soupault
Das Reisetagebuch von Ré Soupault ist eine Zeitkapsel einer Reise durch das vom Krieg zerstörte Elsass, Saarland und Süddeutschland. Bildrechte: Verlag das Wunderhorn GmbH

Am Bauhaus Weimar mit Kandinsky, Schlemmer und Gropius

Im Reisetagebuch lernen wir Ré Soupault in einer für sie ungewissen Zeit kennen. Sie muss sich neu sortieren. Mehrere Leben hat sie in dieser Phase bereits hinter sich: 1921 geht sie ans Bauhaus, ihre Familie ist darüber wenig glücklich. Es ist die große Gründungszeit der Kunstschule. Zu ihren Lehrern zählen Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und der Bauhaus-Gründer Walter Gropius selbst. Johannes Itten beeindruckt sie nachhaltig. Später spricht sie davon, wie er seine Schüler befreit habe: "Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken, und zugleich lernten wir uns selber kennen."

Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius, 1925/26, Eingang zum Bauhausgebäude
Von 1921 bis 1925 studierte Ré Soupault am Bauhaus in Weimar. Bildrechte: Stiftung Bauhaus Dessau

Mitte der 1920er wird sie Filmassistentin beim schwedischen Avantgarde-Regisseur Viking Eggeling, für ihn lässt sie sich vom Bauhaus beurlauben. Hals über Kopf heiratet sie den dadaistischen Maler Hans Richter, hält es mit ihm aber nicht lange aus. Unter dem Namen Renate Green avanciert sie in Paris zur avantgardistischen Modeschöpferin mit eigenem Atelier, und sie tummelt sich im Kreise der angesagtesten Künstler. Journalistin, Fotografin und angeschlossenes Mitglied der Surrealisten ist sie obendrein, und schließlich auch noch Exilantin und Überlebenskünstlerin.

"Überall Verwüstung. Abends Kino": Eine erkenntnisreiche Reise in die Nachkriegszeit

Nach dem Krieg trennt sie sich von ihrem zweiten Mann Philippe Soupault, von dem sie aber doch nicht lassen kann. Sie versucht zunächst, in New York Fuß zu fassen, kehrt dann nach Europa zurück, lebt eine Weile in Basel. Die Reise mit ihrem geliebten und auch eigensinnigen Vélosolex hat nicht nur den Zweck, Verwandte und Freunde zu besuchen. Sondern vor allem will die nun als Übersetzerin und Feature-Autorin Fuß fassende Soupault Kontakte zu Verlagen und Rundfunkanstalten knüpfen.

Soupaults "Carnet de route" hält sprachlich gewitzt viele kleine Beobachtungen fest, Flüchtiges und Kurioses, Begegnungen und Eigenheiten ihrer deutschen Landsleute. Das Tagebuch ist aber vor allem der aufmerksame, sensible Versuch, eine Zwischenzeit zu dokumentieren – eine Übergangsphase in ihrem eigenen Leben, aber auch die eines besiegten Landes, dessen wirtschaftswunderliche Auferstehung erst noch bevorsteht. Soupault gelingt die Neuerfindung. Ihr selbstgewählter Vorname sagt es schon: In Ré sind Wiederkehr und Erneuerung enthalten. Eine tolle Entdeckung ist dieses Buch, eine erkenntnisreiche Reise in die Nachkriegszeit.

Angaben zum Buch

Ré Soupault: "Überall Verwüstung. Abends Kino. Reisetagebuch"
Herausgegeben von Manfred Metzner
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 2022, 124 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juli 2022 | 18:40 Uhr

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