Scheinbücher Warum sich in der Anna Amalia Bibliothek Weimar Bücherattrappen befinden

Wer ein besonderes Versteck in den eigenen vier Wänden sucht, kann sich von historischen Bücherattrappen inspirieren lassen. Denn im 17. Jahrhundert wählte man bevorzugt Bücher aus, um darin alles Mögliche zu verstauen: Giftfläschchen, Alkohol, aber auch Pistolen oder Liebesbriefe. Beispiele einer solch illustren Sammlung beherbergt die Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Denn auch zur Zeit der Herzogin waren diese "Scheinbücher" – wie sie offiziell heißen – absolut in Mode.

Dr. Arno Barnert von der Klassik Stiftung Weimar hält ein Buch mit Augenlöchern.
Scheinbücher gibt es bis heute: Der mexikanische Künstler Victor Manuel del Moral Rivera hat Anfang 2020 Ausgaben von Goethe, Schiller und Nietzsche zu Masken umfunktioniert. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Arno Barnert befindet sich auf dem Weg in die Galerie oberhalb des Rokoko-Saales der historischen Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Normalerweise sitzen hier an kleinen Tischen Wissenschaftler und arbeiten mit historischen Büchern, derzeit ist alles verwaist. Das alte Holzgeländer in der Mitte erinnert mit den dick verkohlten Resten an den Brand der Bibliothek im Jahr 2004

Arno Barnert kam einst vom Literaturarchiv Marbach zur der Klassik Stiftung. Seit fünf Jahren ist er hier Abteilungsleiter und eines liegt ihm auch am Herzen: Jene Bücher, die eigentlich gar keine sind.

Man sieht zunächst einen ganz gewöhnlichen Ledereinband aus dem 17. Jahrhundert, der in einer alten Bibliothek – wie hier in Weimar – überhaupt nicht auffallen würde. Wenn man die Attrappe aufklappt, erscheint eine Giftapotheke.

Dr. Arno Barnert, Klassik Stiftung Weimar

Ein sogenanntes Scheinbuch der Klassikstiftung Weimar. Die Buchattrappe enthält eine Giftapotheke.
Im Inneren dieser Buchattrappe aus dem 17. Jahrhundert befindet sich eine Giftapotheke. Der vordere Einbau enthält zehn kleine Schubfächer, z.B. für Tabak, Schierling und Schlafmohn. In der Mitte befindet sich ein Hirschkäfer und ein geschnitzter Schädel als Memento mortis – eine Aufforderung, sich der eigenen Sterblichkeit zu vergewissern. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Diese ist einsortiert in filigrane Kästchen, Schubfächer und Gläschen. Ein Totenkopf in der Mitte macht klar: Das hier ist kein Spaß. Schierling, Schlafmohn und andere Giftkräuter konnten hier unbemerkt aufbewahrt werden. Im hinteren Teil des Buches war außerdem Platz für zwei kleine Fläschchen, die passgenau in einer Kuhle Platz fanden und von einer Kette gehalten wurden.

Bücher als raffiniertes Versteck für Liköre, Waffen oder Schmuck

Derzeit bewahrt man in Weimar etwa 20 Objekte dieser Art auf. Auf den ersten Blick, von außen, Bücher. Doch im Inneren befindet sich manchmal auch ein heimlicher Alkoholvorrat, wie Arno Barnert an einem weiteren Beispiel illustriert – einem gut getarnten Holzkasten: "Diese Attrappe aus dem 18. Jahrhundert hat die Form eines liegenden Bücherstapels, die Einbände sind mit goldgeprägten Leder überzogen, und auf dem Rücken stehen erfundene religiöse Titel und wenn man die aufklappt, dann erscheint eine kleine geheime Likörbar – mit einer Flasche und vier Gläsern." So viel weiß man: Dieses Buch muss einst in einer französischen Bibliothek für Wohlbefinden gesorgt haben. 

Einer, der Scheinbücher ebenso faszinierend findet, und sie privat sammelt, ist Armin Müller aus dem schweizerischen Winterthur. Vor kurzem hat er ein neues Scheinbuch auf einer Auktion erstanden: ein Etui in Form von zwei zusammenklappbaren, vergoldeten Büchern. Armin Müller ist pensioniert und leitete früher die Buchbinderei der Zentralbibliothek von Zürich. Er dürfte eine der größten Sammlungen von Scheinbüchern haben. 1.500 Stück – und die Leidenschaft dafür sei ungebrochen, ab und zu kaufe er mal ein schönes Objekt.

Dr. Arno Barnert von der Klassik Stiftung Weimar mit mit einer Auswahl an historischen Scheinbüchern der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Für den Philologen Arno Barnert sind Buchattrappen die geheimen Sammelbehälter der Moderne. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Und so sind es diese raffinierten Hüllen, die nie dazu geschaffen wurden, Lesestoff zu halten – sondern Artikel aller Art – von der Pistole bis zum Liebesbrief, dem heimlichen Gift oder gut aufbewahrten Schluck Alkohol. Eines haben fast alle gemeinsam: Sie mussten von außen so unscheinbar wie möglich sein, um in einem Buchregal möglichst nicht aufzufallen, sagt Arno Barnert aus Weimar, sie würden so viel über den jeweiligen Zeitgeschmack verraten. Und über die Buchbinder, die diese Buchattrappen erst möglich machten. 

Nichts, was es nicht gibt

Noch heute gibt es, ob in Marbach oder Weimar, etliche Raritäten dieser Art und auch Armin Müller sucht noch etwas ganz Besonderes.

Es handelt sich um eine historische Holzbibliothek, entstanden ist sie im 18. Jahrhundert. Es handelt sich um hohle Holzbücher mit der entsprechenden Rinde des Baumes als Rücken – im Inneren sind Blätter, Samen, Früchte oder auch Schädlinge des jeweiligen Baumes enthalten.

Armin Müller, ehemaliger Leiter der Buchbinderei der Zentralbibliothek von Zürich und Privatsammler

... also nichts, was es nicht gibt bei oder vielmehr in den Scheinbüchern. Und manch eine Rarität lässt sich in den Sammlungen von Marbach, Weimar oder in Winterthur bestaunen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. März 2021 | 13:40 Uhr

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