Peter Handke und Olga Tokarczuk auf einer Collage.
Die Ausgezeichneten Peter Handke und Olga Tokarczuk. Bildrechte: IMAGO/Agencia EFE/ZUMA Press

Höchste literarische Auszeichnung Peter Handke und Olga Tokarczuk bekommen den Literaturnobelpreis

Korruptionsvorwürfe, sexueller Missbrauch und eine abgesagte Preisvergabe 2018. Nach den Skandalen im vergangenen Jahr um das Literaturnobelpreiskomitee der Schwedischen Akademie werden in diesem Jahr mit Peter Handke und Olga Tokarczuk gleich zwei Menschen mit der höchsten Literaturauszeichnung geehrt.

Peter Handke und Olga Tokarczuk auf einer Collage.
Die Ausgezeichneten Peter Handke und Olga Tokarczuk. Bildrechte: IMAGO/Agencia EFE/ZUMA Press

Olga Tokarczuk und Peter Handke sind mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Das gab Mats Malm, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, am Donnerstag in Stockholm bekannt. Wegen der abgesagten Preisverleihung 2018 werden gleich zwei Menschen ausgezeichnet. Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk ist die Preisträgerin der 2018 ausgefallenen Auszeichnung, der österreichische Autor Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019.

Die Schwedische Akademie ehrt Tokarczuk für ihre erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstelle. Handkes Arbeit wird als einflussreich benannt, die mit sprachlicher Originalität Randgebiete und Besonderheiten menschlicher Erfahrungen erkundet habe.

Olga Tokarczuk ist eine der bekanntesten polnischen Autorinnen. Ihr Werk "Die Jakobsbücher" thematisiert die multikulturelle Geschichte Polens. Mit seinen Theaterstücken und Romanen gilt Peter Handke als einer der einflussreichsten Schriftsteller der europäischen Nachkriegszeit.

Die Wahl ist "typisch Nobel"

Nach Einschätzung von MDR KULTUR-Literraturredakteurin Katrin Schumacher ging es in diesem Jahr weniger um die Überraschung, als um einen Neustart bzw. eine Re-Definition des Literaturnobelpreises. Wenn es bei dem Nobelpreis für Literatur vorrangig um die Güte ginge, ließe sich das mit einer politisch hyperkorrekten Entscheidung nur zufällig vereinbaren. Die gewählten Preisträger seien nun zwei europäische, weiße, gediegene Dichter; die Vergabe gehe an unserem Diversitätsdiskurs, abgesehen von dem fifty-fifty der Geschlechter, total vorbei.

Handke und Tokarczuk stehen in absoluter Traditionslinie zu vorigen Preisträgern und Preisträgerinnen. Da sind wir eben wieder bei 'typisch Nobel' gelandet.

MDR KULTUR-Literraturredakteurin Katrin Schumacher

Skandale beschädigen Ansehen des Literaturnobelpreises

Der Doppelauszeichnung ist ein skandalreiches Jahr der Schwedischen Akademie vorausgegangen. Sexueller Missbrauch und Korruption hatten letztlich zur Absage der Preisverleihung 2018 geführt und man hatte sich entschieden, die Auszeichnung nachzuholen und zusammen mit dem Literaturnobelpreis 2019 zu verkünden.

Im Zentrum des Skandals stehen Jurymitglied Katarina Frostenson und ihr Ehemann Claude Arnault. Ende 2017 hatten 18 Frauen Arnault sexuelle Belästigung und Übergriffe vorgeworfen. Inzwischen ist er wegen Vergewaltigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er und seine Ehefrau Frostenson hätten zudem gegen die Geheimhaltungspflicht der Akademie verstoßen und Literaturnobelpreisträger vorab verraten.

Im Zuge der Diskussionen um den Ausschluss von Jurymitglied Frostenson verließen mehrere Mitglieder die Akademie, darunter auch die damalige Akademie-Chefin Sara Danius, sodass die Organisation zwischenzeitlich nicht mehr beschlussfähig war. Statute mussten teilweise mit königlichem Beschluss geändert werden, mittlerweile ist das Gremium wieder vollzählig und auch darüber hinaus erneuert.

Erneuerte Akademie

Mats Malm, neuer ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie
Mats Malm, neuer Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie Bildrechte: dpa

Im Nachgang der Krise sei an der Transparenz gearbeitet worden, sagte der neue Akademie-Chef Malm. Viele neue Mitglieder sind in die Schwedische Akademie berufen. Zwar immer noch mit hohem Altersdurchschnitt und einem geringen Frauenanteil von 33 Prozent, doch ist die Organisation erstmals seit 30 Jahren wieder vollzählig. Außerdem besteht das Nobelkomitee, das die Preisträgerinnen und Preisträger auswählt, nun zur Hälfte aus Akademiemitgliedern und zur anderen aus externen Mitgliedern.

Die höchste literarische Auszeichnung

Der Literaturnobelpreis wird jährlich von der Schwedischen Akademie in Stockholm verliehen. Die 18 Mitglieder sind Sprachforscher, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Historiker. Die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger trifft mit der Erneuerung der Akademie in diesem Jahr ein neues Nobelkomitee. Dabei sind fünf Mitglieder auch Akademiemitglieder, die anderen fünf externe Experten. Die Auszeichnung ist mit umgerechnet etwa 830.000 Euro dotiert.

Die Nobelpreise wurden von dem schwedischen Unternehmer und Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel (1833-1896), gestiftet. Er interessierte sich für Literatur und versuchte sich in seinen letzten Lebensjahren selbst am Schreiben. Verliehen werden alle Nobelpreise an seinem Todestag, dem 10. Dezember. Bislang hat die Akademie 113 Preisträger gekürt.

Die zehn vergangenen Ausgezeichneten

  • 2017: Kazuo Ishiguro (Vereinigtes Königreich, geboren in Japan)
  • 2016: Bob Dylan (Vereinigte Staaten)
  • 2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
  • 2014: Patrick Modiano (Frankreich)
  • 2013: Alice Munro (Kanada)
  • 2012: Mo Yan (China)
  • 2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
  • 2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)
  • 2009: Herta Müller (Deutschland, geboren in Rumänien)
  • 2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich/Mauritius)

Peter Handke und Olga Tokarczuk auf einer Collage. 7 min
Bildrechte: IMAGO/Agencia EFE/ZUMA Press
Peter Handke und Olga Tokarczuk auf einer Collage. 7 min
Bildrechte: IMAGO/Agencia EFE/ZUMA Press

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur kompakt | 10. Oktober 2019 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 13:57 Uhr

Abonnieren