Opernkritik "Lohengrin" in Erfurt: missraten und schade um die Zeit

Am Theater Erfurt hatte die romantische Oper "Lohengrin" von Richard Wagner Premiere. Musikalisch geleitet vom Generalmusikdirektor des Hauses, inszeniert von einem Gastregisseur, der dieser Tage für Schlagzeilen sorgte: Hans-Joachim Frey, Veranstalter des Dresdner Semperopernballs. Sein parallel inszenierter "Lohengrin" missglückte vollkommen.

Szenenbild aus "Lohengrin"
Hatten sich nicht viel zu sagen: Lohengrin und Elsa Bildrechte: Lutz Edelhoff

Hans-Joachim Frey ist der Chef-Organisator des Dresdner Semperopernballs, der am 7. Februar in der Semperoper stattgefunden hat. Nur einen Abend danach hatte der "Lohengrin", immerhin eine Vier-Stunden-Oper, in Erfurt Premiere. Eine Opernregie erfordert volle Konzentration – wie man just in der Endprobenzeit noch einen Opernball stemmen kann, einschließlich all der selbstverschuldeten Schadensbegrenzung ob einer peinlichen Ordensvergabe (und Wiederaberkennung), das verstehe, wer will. Ganz zu schweigen von den sehr nationalistischen Tönen eines Sängers, der bei diesem Ball eine Sängerin aus "Feindesland" – beide stammen aus nicht mehr befreundeten ehemaligen Sowjetrepubliken – nicht neben sich dulden wollte. Immerhin gab es Schlagzeilen.

Rampentheater mit reichlich viel Aufwand

Das Resultat, der Erfurter "Lohengrin", fühlt sich an wie vergeudete Zeit. Wenn man einen Theaterabend verlässt, der einem so gar nichts gegeben, der einen im Gegenteil nur peinlich berührt hat, dann ist es wirklich schade um die Zeit. Eine derart verunglückte Produktion, die muss man erst mal hinbekommen. Eine vielleicht sogar missratene Produktion: Rampentheater, keine Personenbezüge, kaum Personenführung; der Sinn dieser Inszenierung verschließt sich – aber das alles mit reichlich viel Aufwand.

Szenenbild aus "Lohengrin"
Kräftige Buhs für Regie und Ausstattung: "Lohengrin" in Erfurt Bildrechte: Lutz Edelhoff

Die Bühne wurde künstlich verkleinert, da stehen sich zwei ineinander verschränkte Schrägen gegenüber, vor und auf denen alles stattfindet. Oder eben auch nicht. Dahinter flimmert wie ein riesiger Bildschirmschoner das Gewühl einer Megacity – eine Anleihe bei Fritz Langs "Metropolis" und jeder Menge anderer Utopia-Filme. Ein Video mit Hochhäusern, dazwischen auf mehreren Ebenen Schnellstraßen voller Verkehr. Zwischen den Häusern und über den Straßen ständig irgendwelche Fluggeräte – so hat man sich in den 60er-, 70er-Jahren vielleicht mal die Zukunft vorgestellt. Daran hätte heute allenfalls der Bundesverkehrsminister noch seine Freude.

Was hat das mit "Lohengrin" zu tun?

Szenenbild aus "Lohengrin"
Anne Derouard als Ortrud und Máté Sólyom-Nagy als Telramund Bildrechte: Lutz Edelhoff

Wenn man wüsste, was es mit Wagners "Lohengrin" zu tun hat. Mit einiger Ironie könnte man ja noch sagen, das ist ganz großes Kino gewesen. Aber der Abend war absolut ironiefrei. Da gibt es keinen Bezug zu Lohengrin, dem Schwanenritter, außer, dass er aus einer anderen Welt kommt, um mit einem sogenannten Gottesurteil die Unschuld von Elsa zu beweisen, der vorgeworfen wird, ihren kleinen Bruder ermordet zu haben. Diese Vorgeschichte der Oper wird aber schon im Vorspiel hinter einem durchsichtigen Vorhang gezeigt; danach hätte man eigentlich gehen können.

Als Lohengrin tatsächlich ankommt, steigt er aus einem Raumschiff, kommt die Gangway runter und ist plötzlich da. Sein Flugzeug, wie ein riesiges Ufo kreist es dann noch lange über der Szene – als ob klar ist, dass er gleich wieder verschwindet. Oder um davon abzulenken, dass es eine wirkliche Szene quasi nicht gibt. Lohengrin und Elsa und die Gegenspieler Telramund und Ortrud haben sich außer staubigen Gesten kaum was zu sagen. Das eine Paar weiß, das andere schwarz, klassisches Klischee, auch nicht König Heinrich und sein Heerrufer, schon gar nicht der Chor, der wie eine starre Masse, mit Frisuren wie diese Playmobil-Figuren, als Staffage die Bühne füllt.

Ganz und gar eigener Geschmack

Ich war und bin ehrlich entsetzt, wie einem zu diesem Stück so gar nichts anderes einfallen kann. Zum Optischen gehört noch dazu, dass die sperrigen Kostüme – ebenso wie das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer entworfen – Bewegung und Körperkontakt verhindern. Lohengrin wirkt wie ein weiß-silbriges Riesenbaby mit irgendwelchen Plastikapplikationen, die einfach nur albern aussehen, Elsa erst ganz in Weiß, zur Hochzeitsszene dann von oben bis unten wie ein goldener Weihnachtsengel; also das zeugt schon von ganz und gar eigenem Geschmack.

Szenenbild aus "Lohengrin"
Uwe Stickert als Lohengrin Bildrechte: Lutz Edelhoff

Zwei Regie-Einfälle aber gab es dann doch: Als Elsa die verbotene Frage stellt, wer Lohengrin ist und woher er kommt, wird der Verkehr auf dem Videohintergrund weniger und hört dann ganz auf, als Lohengrin seine Gralsherkunft verrät. Und wie ein Zeichen von Hoffnung nimmt er Elsa im Schlussbild dann mit auf die Reise, also mit auf die Gangway in irgendein Nirgendwo.

Mehr für die Ohren als für Herz und Verstand

Der Erfurter Generalmusikdirektor Myron Michailidis hat sich sehr ins Zeug gelegt. Nach ein paar falschen Tönen und noch nicht ganz ausgewogener Dynamik (vielleicht wegen des Premierenfiebers) wurde das Orchester immer besser, im zweiten und dritten Aufzug oft richtig glanzvoll. Ebenso der Chor, sehr kraftvoll, bis auf wenige Wackler auch sehr homogen, nur das Quartett der vier Edlen fiel dagegen sehr ab.

Szenenbild aus "Lohengrin"
Musikalisch durchwachsen: "Lohengrin" in Erfurt Bildrechte: Lutz Edelhoff

Anders aber die Hauptpartien: Margrethe Fredheim als Elsa war für mich der Lichtblick des Abends, eine ungemein starke und strahlende Stimme, ihr Lohengrin Uwe Sickert mit einem fast knabenhaft hellen Tenor schien wirklich wie von einem anderen Stern. Dagegen gewollt dunkel Máté Sólyom-Nagy als Telramund und anfangs mit heftigem Vibrato Anne Derouard als finstere, kraftstrotzende Ortrud. Kakhaber Shavidze als König Heinrich war solide, ein ungerührter Machthaber mit vollem, runden Ton. Sein Heerrufer Siyabulela Ntlale agierte mit einer Powerstimme, der es hier und da an Feinschliff fehlte. Insgesamt also auch musikalisch eher durchwachsen.

Froh, als es vorbei war

In Punkto Zeitkritik wurde in den beiden Pausen die Brechstange angesetzt. Zumindest, wenn man die vier Edelknaben in ihren verklemmt sexistischen Kostümen nicht als Beitrag zur MeToo-Debatte ansehen will. Aber in den Pausen wurden große Texttafeln auf die Leinwand projiziert, erst ein Brief von Adolf Hitler, neben einem entlarvenden Tweet von Björn Höcke, in der zweiten Pause dann ein Zitat aus dem "Untertan" von Heinrich Mann, in dem Diederich Heßling einen "Lohengrin"-Besuch beschreibt und ganz angetan ist von den Bannern und der deutschen Eiche, "man hätte mitspielen mögen", sagt er da.

Ich bin wirklich froh wie nur selten gewesen, als dieses Spektakel nach mehr als vier Stunden endlich vorbei war. So ging es offenbar auch großen Teilen des Publikums: Viele Bravo-Rufe für Chor und Orchester, vor allem für die Solisten. Kräftige Buhs für Regie und Ausstattung, vielleicht war man darauf vorbereitet, denn ein "Bravo, Hajo" wurde tapfer dagegengehalten.

Angaben zur Aufführung "Lohengrin", Oper von Richard Wagner am Theater Erfurt

Musikalische Leitung: Myron Michailidis
Inszenierung: Hans-Joachim Frey
Ausstattung: Hartmut Schörghofer

Premiere: 8. Februar 2020
Kommende Termine: 26. Februar, 1. und 14. März, 5. und 17. April und 3. Mai 2020

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2020 | 13:15 Uhr

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