Filmszenen aus "Lord of the Toys" von Pablo Ben Yakov
Szene aus dem Film "Lord of the Toys" von Pablo Ben-Yakov Bildrechte: Filmakademie Baden-Württemberg

Gespräch mit "Lord of the Toys"-Macher "Dass wir das verschweigen, verhindert ja nicht, dass das real ist"

Beim DOK Leipzig ging der Preis für besten deutschen Dokumentarfilm an in diesem Jahr an "Lord of the Toys". In dem Film wird eine Clique von Dresdner Youtubern gezeigt, die sich offen rassistisch, frauenfeindlich und antisemitisch äußert. Die Entscheidung der Festival-Jury rief heftige Proteste hervor. Im Gespräch mit MDR KULTUR erläutern die Macher des Films, Regisseur Pablo Ben-Yakov und Kameramann André Krummel, ihre Herangehensweise und warum sie es wichtig finden, gerade bei solchen Erscheinungen mit der Kamera dabei zu sein.

Filmszenen aus "Lord of the Toys" von Pablo Ben Yakov
Szene aus dem Film "Lord of the Toys" von Pablo Ben-Yakov Bildrechte: Filmakademie Baden-Württemberg

MDR KULTUR Am Anfang des Films sieht man dieser Clique beim Saufen zu, beim Rülpsen und Pöbeln und Filmen. Bis einer mit Deospray besprüht wird mit den Worten "Ich vergase dich." Wenn ich da lange Minuten zuschaue, geht es bei mir durchaus bis an die Ekelgrenze. Was haben Sie damit beabsichtigt?

Pablo Ben-Yakov: Ich denke, dass dieser, wenn auch anstrengende Blick sich aber trotzdem lohnt. Das, was hier stattfindet, findet ja nicht in einem ganz abgeschlossenen kleinen Mikrobioskop statt, sondern das ist eben ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das uns alle letztendlich betrifft. Max Herzberg folgen etwa 350.000 Subscriber, viele davon so in einem Alter zwischen 12 und 20. Und ich glaube, dass das, was wir dargestellt haben als Phänomen nicht sehr weit bekannt ist - und wir uns aber alle damit auseinanderzusetzen haben, weil das letztendlich - ja, so pathetisch das klingt - unsere Kinder, unsere Zukunft sind, um die es da geht. Und ich glaube, da haben wir alle ein Interesse dran, was wir teilen können.

Wenn es um diese Stichworte geht, Rassismus und Antisemitismus, Pablo Ben-Yakov, Sie haben ja einen jüdischen Hintergrund, warum gehen Sie da bewusst bis vielleicht auch an die eigene Schmerzgrenze?

Gesichter der beiden FilmemacherAndré Krummel und Pablo Ben-Yakov
André Krummel (l.) und Pablo Ben-Yakov Bildrechte: DOK Leipzig 2018

Pablo Ben-Yakov: Weil ich glaube, dass dadurch, dass wir das verschweigen, das verhindert ja nicht, dass das real ist. Das sind ja Dinge, die tatsächlich passieren und von denen wir den Eindruck hatten, dass das unterm Radar passiert. Und das ist ja das eigentlich gefährliche.

André Krummel: Das Phänomen gibt es ja auch nicht erst seit gestern. Max hat ja schon seit einigen Jahren diesen Youtube-Kanal und da werden natürlich bestimmte Szenen, wie die von Ihnen angesprochene, gar nicht gezeigt, weil die von Youtube zensiert werden. Unser Film kann das aber zeigen. Das kann das Kino leisten, weil wir eben nicht diese Zensur betreiben. Und es ist ja gerade wichtig, auf sowas auch hinzuweisen. Also, wir machen durch den Film Zusammenhänge deutlich, die sonst nicht deutlich werden.

Im Vorfeld dieser Weltpremiere gab es ja durchaus auch heftige Kritik. Der Film sei affirmativ und distanzlos hieß es zum Beispiel. Vermisst wurde da eine Kommentarebene im Film, die dieses eben teils rechtsextreme Verhalten und Verbalisieren einordnet. Warum haben Sie das bewusst nicht kommentiert?

Pablo Ben-Yakov: Weil wir davon ausgehen, dass ein Publikum im Stande ist, sich das, was wir so offensichtlich zeigen, selbst zu erschließen. Ich glaube, es wird Niemanden klarer, dass hier Grenzüberschreitungen passieren, dadurch, dass wir mit einem Sprechertext jedes Mal eingegriffen hätten um zu sagen "Hier passiert gerade wirklich eine Grenzüberschreitung". Sie haben das ja auch eindrucksvoll anfangs beschrieben, dass das bei Ihnen Ekel und Bedrückung ausgelöst hat. Und das war natürlich genau die Intension.

Eine junge Frau aus dem Publikum in Leipzig meldete sich mit der Frage, wie man denn solchen Typen eine Plattform bieten könne. Ganz falsch, die Frage?

Pablo Ben-Yakov: Nein, die ist natürlich nicht ganz falsch. Ich glaube, die muss man sich, bei dem, was wir machen, auch jedes Mal neu stellen. Also immer dann, wenn man sich mit problematischen Inhalten filmisch befasst, ist das eine absolut berechtigte Frage, die diskutiert und jedes Mal wieder neu beantwortet werden muss. Ich finde es in diesem speziellen Fall aber auch wichtig, sich auf der anderen Seite zu fragen, welche Plattform ist denn die gefährliche. Wir porträtieren hier ja was und bringen es dann in der Tat wieder auf eine neue Bühne, was ja aber die Bühne einer Bühne einer Bühne zeigt, sozusagen. Ich glaube, diese Gedanken muss man sich auf ganz vielen Ebenen in diesem speziellen Fall machen.

Am Ende von "Lord of the Toys" ist die Gewalt nicht nur verbal sondern auch real. Zu Besuch auf einem Oktoberfest geraten die Jungs mit einer Gruppe von sogenannten "Fidschis" aneinander. Und dann ist es wohl so: die Kamera wackelt und geht aus. Teile des Publikums waren entsetzt. Das Leipziger Aktionsbündnis "Leipzig nimmt Platz" hatte im Vorfeld schon, wahrscheinlich ohne den Film gesehen zu haben, zu Protesten aufgerufen. Wie ging es Ihnen insgesamt mit diesen Aktionen?

Pablo Ben-Yakov: Ich fand es, auch wieder als Phänomen betrachtet, eigentlich sehr, sehr spannend, weil letztendlich wir ja die dunklen Ecken des Netzes beleuchten und das relativ eindeutig zeigen: hier gibt es Kommunikationsprobleme. Hier findet eigentlich eine Dekommunikation statt und gipfelt in einer Sprache, die tatsächlich gefährlich ist und die aggressive Grundstimmung kreiert.

Filmszenen aus "Lord of the Toys" von Pablo Ben Yakov
Auch der Alkohol spielt im Leben der "Lord of the Toys"-Protagonisten eine entscheidende Rolle Bildrechte: Filmakademie Baden-Württemberg

Und ganz ähnlich, vielleicht auf einem anderen Level, haben wir das hier aber auch erlebt. Dass im Vorfeld auf sozialen Netzwerken von Menschen, die unseren Film überhaupt nicht gesehen haben konnten, heftige Statements geäußert wurden. Dass sich tatsächlich eine aggressive Grundstimmung gegen uns, gegen den Film, vor allen Dingen auch traurigerweise gegen das DOK-Fest breit machte - die ich in dem speziellen Fall am Ende auch sehr aufschlussreich und zielführend fand.

Sie sind also mit der Kamera hier wirklich sehr weit rangegangen, bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Wie konnten Sie aber sicher sein, dass die Jungs sich nicht eigens für Sie inszenieren, also auch Sie ein Stück weit benutzen?

Pablo Ben-Yakov: Da konnten wir natürlich nicht sicher sein. Und das sind Fragen, die wir uns während des Drehs auch immer wieder gestellt haben. Was wir aber auch wahnsinnig spannend fanden insofern, als dass - auch wenn unsere Kamera da nicht ist - tatsächlich immer, oder in den allermeisten Situationen, mehrere Kameras dabei sind.

Das heißt für uns, und diese Frage lässt sich eben abschließend überhaupt nicht ganz beantworten, aber für uns war es tatsächlich eine Frage: Haben diese Jungs eigentlich noch Off-Camera-Charaktere? Persönlichkeiten, die quasi nicht öffentlich stattfinden? Und in welchem Maß verschwimmen da eigentlich Privatheit und Öffentlichkeit im Leben dieser Teenager.

Das Interview führte Alexander Mayer für MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 07:26 Uhr

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