Interview mit Dr. Motte Gibt es bald wieder eine Loveparade in Berlin?

Dr. Motte ist der Erfinder der Loveparade, die 1989 zum ersten Mal in Berlin stattfand. Über die Jahre wuchs die Technoparade vom Straßenumzug zum Massenevent mit Millionen Besuchern an. Ab 2007 fand sie in verschiedenen Orten im Ruhrgebiet statt, zuletzt 2010 in Duisburg, wo es zum Unglück mit 21 Toten kam. Nun will der Techno-DJ Dr. Motte die Loveparade wiederbeleben. Dazu hat er die gemeinnützige Initiative "Rave the Planet" gegründet. Und mehr noch: Die elektronische Tanzmusikszene soll zum Immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO erklärt werden – und einen Feiertag erhalten. Im Interview erklärt er, warum.

Dr. Motte
Der am 9. Juli 1960 geborene Dr. Motte (bürgerlich Matthias Roeingh) wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Bildrechte: dpa
Dr. Motte 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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MDR KULTUR: Sie sind ein Berliner Urgestein. Jetzt spricht Berlin viel vom Clubsterben. Das liegt auch an fehlenden Locations. Und an den Hörern? Was für eine Szene sprechen Sie gerade an?

Dr. Motte: Wir sprechen alle an, die sich in der elektronischen Tanzmusik zu Hause fühlen, in ihrer gesamten Bandbreite, ob das jetzt nur Ambient ist oder Chill Out, Breakbeat, Techno, schnell, hart und so weiter. Wir möchten gerne als gemeinnützige GmbH "Rave the Planet" unsere Szene wieder darstellen. Wir wollen die Ziele zeigen, die wir haben, wie gut wir sind, was wir für eine Kultur haben, wie wir miteinander umgehen, was wir für eine Welt haben wollen in der Zukunft. Das kommt alles wieder zusammen. Und das soll eine schöne Parade werden, deshalb stellen wir auch die Frage in Berlin und im Internet: Wollt ihr eine neue Loveparade?

Zu Spitzenzeiten brachte die Loveparade in Berlin 1,5 Millionen Leute auf die Straßen. Denken Sie, das ist nochmal möglich?

DJ Dr. Motte alias Matthias Roeingh, 2002
Dr. Motte auf der Loveparade 2002 Bildrechte: dpa

Das ist ja so, dass ich im Internet immer und überall, wenn ich unterwegs bin, immer wieder höre: Wann kommt die Loveparade zurück? Also, ich glaube, dass wir da einen großen Bedarf decken und die Antwort kann eigentlich nur "Ja" sein. Wir versuchen, das herauszufinden, mithilfe von Spenden, die wir jetzt einsammeln. Und gucken halt, ob wir das finanziert kriegen.

Sie wollen auch die elektronische Tanzmusikkultur als Immaterielles Kulturerbe von der UNESCO anerkennen lassen. Was gibt es da für Hintergründe – außer natürlich Party feiern?

Auf der Strasse des 17. Juni, vom großen Stern bis hin zum Brandenburger Tor zieht sich 1997 in Berlin der lange Strom der Techno-Jünger während der Love Parade.
Massen feiern 1997 zu Technoklängen der Loveparade auf den Berliner Straßen Bildrechte: dpa

Naja, es ist ja nicht so, dass wir, wie bei Konzerten, Theateraufführungen und auch Opern, einfach nur dasitzen und das genießen. Sondern wir sind alle in dieser Kultur Teilhaber. Weil wir – mit dem Zeremonienmeister des DJs und Live Acts – uns quasi alle beteiligen. Weil wir Tänzer sind! Weil wir raven dazu. Und das ist das, was wir wollen.

Wir wollen diese Art von Kultur schützen, weil wir das seit 30 Jahren lieben. Und weil wir sehen, wie bedroht diese Kultur ist. Es ist immer noch so, dass Behörden, Polizei und Politik es eigentlich nicht verstehen. Und deshalb ist das für uns ganz wichtig, dass wir das anmelden als Immaterielles Kulturerbe in Deutschland. Ein Beispiel: die Schweiz hat in Zürich, im Kanton Zürich, die Technokultur als gelebte Kultur schon anerkannt. Und das sollten wir doch auch hinkriegen.

Was steht denn für ein ideeller Wert hinter dieser Kultur?

Der ideelle Wert ist die Freude an der Musik, das Ausleben der Musik, jeder für sich alleine, mit allen zusammen. Und wir lieben es, zu diesen Bässen, den Bassdrums, den Rhythmen und im Club mit allen gemeinsam diese Kultur zu leben. Es geht ja nicht um Geld. Es geht darum, dass wir einfach in unseren selbstgeschaffenen oder bereits existierenden Freiräumen uns freimachen und die Freiheit genießen wollen.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2020 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 04:00 Uhr

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