Alter Mann mit Strohhut.
Mit seinem einzigartig melancholischen Blick beamt Stanton selbst die kleinste Nebenrolle in den Filmhimmel. Bildrechte: Alamode Film

Harry Dean Stantons letzter Film "Lucky" - Der König der Nebendarsteller endlich in der Hauptrolle

Zum Abschluss steht er dann doch noch einmal im Mittelpunkt: Der König der Nebenrolle, Harry Dean Stanton, spielt in seinem letzten Film "Lucky" mit 90 Jahren die Hauptrolle. "Hinreißend, herzbeglückend" – so die internationalen Kritiken. Die Premiere hat er nicht mehr erlebt, Stanton starb am 15. September 2017. Bei der deutschen Premiere hat Regisseur Wim Wenders an seinen legendären Freund erinnert. Eine liebevolle Würdigung.

von Petra Dorrmann, MDR KULTUR

Alter Mann mit Strohhut.
Mit seinem einzigartig melancholischen Blick beamt Stanton selbst die kleinste Nebenrolle in den Filmhimmel. Bildrechte: Alamode Film

In einem Kaff in der Wüste, irgendwo im Südwesten der USA. Hier lebt Lucky allein in einem kleinen Haus und genießt die Freiheit des Alters. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Erst etwas für die Lunge, dann Yoga-Übungen für die Bewegung und Feinripp-Wäsche. Anschließend geht's ins Diner frühstücken. Der alte Lucky lebt allein, fühlt sich aber nicht einsam. Nachdem er einen Schwächeanfall hatte, fängt er jedoch an, über das nahende Lebensende nachzudenken. Der alte Mann beginnt sich zu fragen, was er dem Tod entgegensetzen kann.

Seine Karriere begann und endete mit einer Hauptrolle

Alter Mann in weißer Feinrippunterwäsche und Cowboystiefeln, steht mit dem Rücken zu gewandt neben einem Kaktus.
Stilvoll im Alter: Lucky Bildrechte: Alamode Film

Harry Dean Stanton spielt Lucky mit der zähen Zerbrechlichkeit eines 90-jährigen. Es ist die zweite Hauptrolle seines Lebens, seine erste spielte er in "Paris, Texas" für Wim Wenders. Seitdem waren sie Freunde, erzählt Wenders vor der Premiere von "Lucky", die nur zufällig mit Handy festgehalten wurde. Es ist eine warmherzige, sehr persönliche Erinnerung: "Er ist ein ganz rührender Mensch gewesen, voller Ängste und unglaublich liebevoll. Dass alle Schauspieler ihn so geliebt haben, obwohl er immer nur die Nebenrollen gespielt hat – warum das so ist, das merkt ihr an dem Film", erzählt Wenders vor der Premiere.

Es ist kein Dokumentarfilm, es ist ein Spielfilm. Aber ich glaube, ein Dokumentarfilm über Harry, der sähe genauso aus.

Wim Wenders, Regisseur und Freund von Harry Dean Stanton

"Lucky" ist ein kleines Filmwunder. Lässig, selbstironisch erzählt er von alten Freundschaften und vom Abschiednehmen. Der Film zeichnet die Hauptfigur als Einzelgänger. Einer, der an nichts glaubt und Wahrheiten ungeschönt ausspricht; dafür war auch Stanton berüchtigt, sagt Wenders.

Zwei Männer sitzen in einem amerikanischen Diner. (links Harry Dean Stanton, rechts Ron Livingston)
Lucky mit seinem Anwalt Bildrechte: Alamode Film

Szene aus "Lucky" Lucky: "Wir kommen allein auf die Welt und allein gehen wir auch wieder."
Anwalt: "Allein ist ein trostloses Wort."
Lucky: "Es ist wunderschön, du Sack."

Zwei alte Männer sitzen in einer Bar. (links David Lynch, rechts Harry Dean Stanton)
David Lynch und Stanton in "Lucky" Bildrechte: Alamode Film

Solch borstige Lebensweisheiten tauschen Lucky und sein Anwalt (Ron Livingston) im Diner und in der Bar aus, aus den Zufallsbekannten von einst sind längst Freunde geworden. Dazu zählt auch der sonderbare Howard, gespielt von David Lynch, dessen 100-jährige Schildkröte Roosevelt heißt und leider abgehauen ist.

Lynch, Nicholson und Brando - Stantons berühmter Freundeskreis

Der ruhige Harry Dean Stanton konnte Zeit seines Lebens große Schauspieler zu seinen engsten Freunden und Unterstützern zählen: Stundenlange Telefonate führte er etwa mit Marlon Brando, der ihm Shakespeare-Monologe beibrachte. Als es Jack Nicholson schlecht geht, nistet er sich zwei Jahre lang bei Stanton ein.

Harry ist auch in 1.000 Filmen vorgekommen, weil sie alle gesagt haben: Wenn ich mitspiele, spielt Harry auch mit. Jack Nicholson hat ihn, glaube ich, in 20 Filme mit reingebracht.

Wim Wenders

Wim Wenders gab ihm die erste Hauptrolle

Travis (Harry Dean Stanton) wird in der texanischen Wüste sprach - und erinnerungslos aufgefunden.
Harry Dean Stanton in "Paris, Texas". Bildrechte: IMAGO

Mit seinem einzigartig melancholischen Blick beamt Stanton selbst die kleinste Nebenrolle in den Filmhimmel. Aber eine Hauptrolle? Zögernd gibt Wenders ihm 1983 die Chance – und wird mit der Goldenen Palme belohnt. Für "Paris, Texas“. Doch der Weg dahin war lang und entbehrungsreich: "Vom ersten bis zum letzten Tag habe ich jeden Abend Harrys Hand halten müssen", erzählt der Regisseur. "Und Harry saß in Stockstarre auf seinem Zimmer und zitterte und sagte: 'Ich schaff das nicht, ich schaff das nicht. Kuck sie dir doch an: Nastassja! Sie ist 24! Kuck, wie schön sie ist.'“

Drei Tage hat Stanton teilweise für eine Szene geprobt; seine Ängste und Unsicherheit leben mit in "Paris, Texas." Nie, sagt Wenders habe er mehr Film verbraucht als für Harry und jeden Abend dann musste die Crew Harry beim Singen zuhören. Vom Singen hat er auch gelebt, in den zehn Jahren nach "Paris, Texas", als keine Hauptrolle mehr kam und die Nebenrollen ihm nicht genügten. Zwei Hauptrollen hat Stanton gespielt, beide spielen in der Wüste, wo wenig ist und die Menschen schweigsam sind.

Szene aus "Lucky" Lucky: "Was uns bleibt, ist nur das Nichts. Das ist alles was noch da ist."
Bardame: "Und wie gehst du damit um?"
Lucky: "Lächeln."

Trost, das Glück finden im Nichts ... vielleicht ist ihm das am Ende tatsächlich gelungen. Im Herbst letzten Jahres ist Harry Dean Stanton mit 91 Jahren gestorben. Es bleibt sein letzter, großer Auftritt, sein Lächeln in diesem wunderbar weisen Film.

Alter Mann in Freinrippunterwäsche steht allein im dunkelgetäfelten Wohnzimmer vor einem braunen Sofa.
Ein Blick in Luckys Behausung. Harry Dean Stanton spielte "Lucky" im Alter von 90 Jahren. Bildrechte: Alamode Film

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour | 01. März 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2018, 00:00 Uhr