Millionen Klicks Wie man mit der Kirchenorgel auf Youtube erfolgreich wird

Orgelspieler gelten nicht oft als Influencer. Ludwig Martin Jetschke dagegen schon. Als "Lingualpfeife" begeistert er mit seinen Orgel-Stücken auf Youtube und Instagram Zehntausende. Zu seinen Followern gehören Studentierende genauso wie Pfarrer.

von Claus Fischer, MDR KULTUR

Ludwig Martin Jetschke sitzt an einer Orgel und spielt
Ludwig Martin Jetschke beim Orgelspiel in einem seiner Videos. Bildrechte: YouTube/ Lingualpfeife alias Ludwig Martin Jetschke

Ludwig Martin Jetschke ist vielen im Netz eher unter dem Namen "Lingualpfeife" bekannt, wo er erfolgreich Internet-Videos produziert. In einem der Videos sitzt der junge Mann mit dem freundlichen, manchmal verschmitzt lächelnden Gesicht und dem legeren Kapuzenpulli am Spieltisch der spätromantischen Orgel in der Bamberger Kirche St. Otto und erläutert die sogenannten "Prinzipalregister" – und wie eine Orgel im Wesentlichen ihren typischen Orgelklang hervorbringt.

Jetschkes Geschichte als Influencer "Lingualpfeife" begann vor acht Jahren. Damals bekam er eine Digitalkamera geschenkt. "Erstmal macht man natürlich Fotos und dann irgendwann denkt man: 'Oh, da kann man ja auch Videos machen!'", so Jetzschke. Dann habe er sich gedacht, die Videos ins Netz zu stellen. "Aber das war völlig naiv und blauäugig."

Eigene Lingualpfeife-Community

Ludwig Martin Jetschke spielt in einem seiner Videos Orgel
Mehr als 17 Millionen Mal wurden seine Videos auf YouTube schon abgerufen. Bildrechte: YouTube/Lingualpfeife - Christliche Online-Community

Im Internet hat sich der 31-Jährige seither eine eigene Gemeinschaft aufgebaut – die "Lingualpfeife-Community". Zu ihr gehört auch Lara, eine Physikstudentin aus Heidelberg. Sie erzählt, wie sie eine Orgelausbildung gemacht habe, aber keine Leute gefunden habe, die so Orgel spielten, wie sie das wollte. "Dann habe ich ganz viel von Ludwigs Videos geguckt und dann war der irgendwie mein Vorbild, der hat nämlich so gespielt, wie ich das auch gerne können wollte."

Für sie sei es damals kein eingestaubtes "Kirchenorganistinnen-Ding gewesen, was man so kenne, sondern sehr gute Musik, die sehr gut improvisiert sei – aber das mit einer Leichtigkeit verknüpft, berichtet die junge Frau.

Thematisch breit aufgestellt

Rund 2.500 Videos hat "Lingualpfeife" inzwischen ins Netz gestellt. Die Spannweite reicht von freien Improvisationen zum Einzug des Klerus bei einem festlichen Hochamt in der katholischen Kirche seines Heimatortes Würzburg-Heidingsfeld bis hin zu unzähligen Improvisationen über Kirchenlieder aus dem katholischen Gesangbuch "Gotteslob". Und die Zahl der Klicks steigt von Tag zu Tag.

Ludwig Martin Jetschke sitzt in einem Zimmer vor drei religiösen Bildern
Bildrechte: YouTube/Lingualpfeife alias Ludwig Martin Jetschke

Ich glaube, dass der Erfolg ein stückweit darin besteht, dass vielleicht viele von den Organisten sehen: OK, so krieg ich es vielleicht nicht hin, aber ich kann aus dem Video was rausziehen, was ich dann doch umsetzen kann.

Ludwig Martin Jetschke, Influencer

Bei aller Begeisterung über seinen Erfolg im Netz – der Orgel-YouTuber ist sich bewusst, dass er kein professioneller Konzertorganist oder gar Virtuose ist – das will er aber auch gar nicht sein. Er selbst gesteht: "Also wer da mit einer Formkritik ankommt, da geh ich gnadenlos baden!"

Zur Person

Ludwig Martin Jetschke ist 31 Jahre, Lehramtsstudent für Deutsch und katholische Religion in Bamberg und ehrenamtlicher Organist. Auf Facebook folgen ihm mehr als 3.400 Personen, bei Instagram ca. 2.600 Menschen und auf YouTube hat er mehr als 16.400 Abonnenten.

Hilfe für Theologen im Gottesdienst

Die viermanualige Walckerorgel in der Kathedrale von Zagreb.
Eine Orgel ist nicht das übliche Instrument, durch das Influencer bekannt werden. Bildrechte: imago/Pixsell

Nicht nur Hobby-Organisten und hauptamtliche Kirchenmusiker haben in den letzten Jahren von Ludwig Martin Jetschkes Aktivitäten im Netz profitiert, sondern auch Theologen wie Christian Würtz, Weihbischof im Erzbistum Freiburg und – wie er augenzwinkernd sagt – vor wenigen Monaten noch ganz normaler Gemeindepfarrer.

Würtz berichtet, wie er als Pfarrer Freitagnachmittags am Schreibtisch sitze und sich überlegt, was für Lieder die Gemeinde am Sonntag singen könne. "Und ich bin jetzt selber nicht so musikalisch, dass ich anhand des Notenbildes gleich sehe, wie sich das Lied anhört. Und dann gibt man halt im Internet die Titelzeile ein und immer häufiger kam dann eben „Lingualpfeife“. Daraufhin habe er sich dort immer wieder Lieder angehört, was sehr hilfreich für ihn gewesen sei, wie er selbst sagt.

Inspirierende Follower-Treffen

Er vor kurzem gab es ein Follower-Treffen des Orgel-Influencers in Freiburg – bereits das dritte innerhalb von anderthalb Jahren. Pfarrer Würtz freut das, da dort jetzt viele junge Leute seien, die auch wirklich Freude am Orgelspiel hätten "und das ist schon auch ganz wichtig, dass da immer wieder Nachwuchs kommt."

Solche Äußerungen freuen Ludwig Martin Jetschke natürlich. Die Resonanz auf seine Internet-Aktivitäten ist immens – und sie geht weit über die seiner Community hinaus. Er bekomme stapelweise Briefe und Mails, bei denen Leute ihm schreiben, dass sie wegen ihm angefangen hätten, Orgel zu spielen. Und noch mehr: "Bis hin zu solchen Sachen wie Ich bin wegen Dir wieder in die Kirche eingetreten, gehe wieder in den Gottesdienst oder 'hab mich taufen lassen'." Da zeige sich für Jetschke alias "Lingaulpfeife", dass man die Wucht gar nicht überreißen könne, was das Internet für Möglichkeiten bietet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2020 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2020, 10:48 Uhr

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