Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen.
Lutz Hillmann wurde 1998 zum Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen berufen Bildrechte: imago images / lausitznews.de

Sachsen Wie sieht der neue Chef des Bühnenvereins die Theatersituation im Freistaat?

Lutz Hillmann ist der neue Vorsitzende des Deutschen Bühnenvereins Sachsen. Mit MDR KULTUR ist er im Gespräch zur Situation der Theater in dem Bundesland, in dem die AfD 25 Prozent der Wählerstimmen erhalten hat und Theatermacher regelmäßig angreift. Hillmann wendet sich gegen rechte und ideologisierte Haltungen. Die Theater sollten politisch sein, jedoch auch frei in ihren Bühnenentwürfen, die dann offen diskutiert werden sollten, so der Theatermacher.

Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen.
Lutz Hillmann wurde 1998 zum Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen berufen Bildrechte: imago images / lausitznews.de

Sind Heimat und Natur immer noch auch Themen des Theaters 2019

Natürlich. Umso mehr. Ich meine, man darf sich doch diese Begriffe wie Heimat nicht aus der Hand nehmen lassen. Und wir müssen die natürlich so deuten, dass sie unserem Bild von der Welt entsprechen: nämlich einem humanistischen, einem zukunftszugewandten, regional orientierten aber international nicht verschlossenen, europäisch nicht verschlossen Bild.

Wie schwer ist es mittlerweile, diese Themen zu verhandeln in diesem Spagat aus massentauglichen Publikumsmagneten und auch sogenannter großer Kunst?

Diese Herausforderung, die stellt sich ja jeden Tag neu. Die Zeiten, die hat es, glaube ich, noch nie gegeben, wo man sich auf irgendetwas – auch als Theater oder Orchester – ausruhen konnte. Wir müssen uns immer wieder neu erfinden, jeden Tag.

Die gesellschaftlichen Herausforderungen, […] die werden immer größer. Und die haben sich ja nun rasant verändert. Die Wahlergebnisse spreche hier eine deutliche Sprache.

Und da müssen sich die Theater und Orchester darauf einstellen. Die müssen auch versuchen, vielleicht keine Antworten zu finden, aber zumindest Angebote zu machen, die das etwas klarer machen, das Ganze, was wichtig ist, was nicht wichtig ist. Und auch, wo verschiedene Entwürfe mal durchdiskutiert werden und zwar offen, pluralistisch – und nicht mit Schaum vor dem Mund.

Und jetzt arbeiten Sie gerade in einem Bundesland, in dem eine Partei 25 Prozent der Wählerstimmen hat, die die Arbeit der Theatermacher regelmäßig angreift und Geld kürzen will. In Sachsen ist die AfD besonders stark. Wie ist die Situation gerade, also das Verhältnis der AfD zu den Theatern im Freistaat? Können Sie uns das beschreiben?

Lutz Hillmann, Intendant und Regisseur
Lutz Hillmann wurde 1959 in Bischofswerda geboren Bildrechte: Deutsch-Sorbisches Volkstheater

Wir haben auf unserer letzten Mitgliederversammlung, wo sich ja alle Rechtsträger der öffentlich geförderten Theater und auch die Intendanten zusammenfinden, darüber gesprochen. Eine richtige, belastbare Antwort können wir dazu jetzt noch nicht geben. Die meisten, auch Aufsichtsgremien der Theater, die ja ganz unterschiedlich organisiert sind, haben sich erst konstituiert – im Land und in den kommunalen Gremien, in Gemeinderäten und Kreistagen. Da wird man erst mal sehen. Das ist alles noch im Gange. Da gibt es noch keine klaren, belastbaren Aussagen, was sich da – auch regional unterschiedlich sicherlich – herausbilden wird.

Aber wir werden das, und das haben wir uns auch ausgemacht gegenseitig, sehr genau beobachten. Und dazu ist der Landesverband natürlich auch da, als Netzwerk sich darüber dann auszutauschen und dann auch vielleicht entsprechend zu reagieren.

Inwiefern wollen Sie sich dieses Themas auch als neuer Vorsitzender des Bühnenvereins in Sachsen annehmen? Werden sie sich auch proaktiv der Auseinandersetzung mit rechts stellen?

Natürlich! Also, wir müssen uns aber nicht nur der Auseinandersetzung mit Rechts stellen. Wir merken ja, dass es von verschiedenen Seiten – ich will das auch gar nicht definieren jetzt – ja eine sehr ideologisierte Diskussionsweise jetzt gibt. Und solche ideologisierten Haltungen versuchen natürlich immer irgendwie einzugreifen in die Kunstfreiheit, mit der wir ja arbeiten müssen und die unsere Grundlage sind. Also, da ist natürlich die Gefahr, die Sie beschreiben, erstmal ganz aktuell.

Aber das wird nicht die einzige Gefahr sein. Das kommt von allen Seiten, da wird jetzt sehr verbissen diskutiert. Wie gesagt, ideologisiert. Und das ist immer gefährlich für die Kunst.

Wird das Theater dann jetzt auch politischer? Man sieht es ja in den Medien, dass immer wieder die Themen von dieser "politischen Ideologisierung", wie Sie das sagen, auch vorgeschrieben werden. Sehen Sie diese Gefahr auch bei den Theatern, dass man gar nicht mehr so richtig frei denkt, sondern gleich politisch ist?

Die Theater müssen politisch sein, aber die Theater müssen natürlich auch frei sein in dem, was sie an Entwürfen auf die Bühne bringen. Das sind ja im Grunde genommen Vorstellungen von der Welt. Vorstellungen als Begriff, der ja auch doppeldeutig aufgefasst werden kann. Vorstellungen von der Welt, die wir auf die Bühne bringen. Und die müssen ganz offen diskutiert werden können. Und da müssen auch alle Vorstellungen möglich sein auf der Bühne.

Und da können wir uns nicht beeinflussen lassen, von welcher Seite auch immer. Und dagegen werden wir uns natürlich wehren, die Theater. Darüber sind sich alle Theaterleute in Sachsen ziemlich einig.

Das Interview führte Ben Hänchen für MDR KULTUR

Intendantenbefragung von MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2019, 21:09 Uhr

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