Szenenbild aus Macbeth am DNT Weimar
Spezielle Bilder und Kostüme wurden für das Stück angefertigt Bildrechte: Candy Welz

Auftakt vom Kunstfest Weimar "Macbeth" in Weimar: Corinna Harfouch mit Hitler-Exkurs

von Michael Laages, MDR KULTUR-Kritiker

Szenenbild aus Macbeth am DNT Weimar
Spezielle Bilder und Kostüme wurden für das Stück angefertigt Bildrechte: Candy Welz

Mächtig Mühe gegeben haben sich alle beim Weimarer Team mit diesem "Macbeth" – schon die Übertragung, besser: die Nachdichtung oder Überschreibung, die Heiner Müller 1972 gefertigt hat, ist ein wirklich starkes Signal. Denn wo schon Shakespeares letzte Tragödie sehr finster ist, wird sie von Müllers schmerzhafter Sprache mühelos überfinstert – blutiger, hoffnungsloser als bei Müller geht’s nicht.

DDR-Küche und Öfen für Vernichtungslager

Julia Oschatz hat Müllers Höllenritt auf der Bühne spezielle Weimarer Bilder beigegeben. Auf Kulissen gemalt in leicht expressionistischer Verzerrung zeigen diese Bilder lokale Zimmer-Ansichten: aus Goethes Weimarer Haus, aus einer typischen Wohnküche, Marke DDR, aus den Wohn-Entwürfen des Bauhauses. Bad und (ein fleißig benutztes) Klo kommen hinzu; und im Untergeschoss dieses bühnenhohen Hauses lauern Öfen, wie sie die Erfurter Firma Topf & Söhne für Vernichtungslager wie das in Buchenwald baute. Mörder-König Macbeth lässt zudem auch Hitler sprechen – und einen virtuellen Weimarer von heute, der in Buchenwald nur etwas "aus dem Ruder laufen" sah … dieser Grusel-Macbeth soll ganz von hier und heute sein.

Monster mit Geschlechtsmerkmalen

Jens Dohle hat sogar Musik für ein von Bläsern dominiertes kleines Ensemble geschrieben, in der Müllers ohnehin schon stark lyrischer Text fast zu Arie und Rezitativ veredelt wird – das ist noch eine der vielen Attraktionen dieses Abends. Aber alle historischen Verweise haben einen schweren Stand gegen die Kostüme – Lane Schäfer hat jeden und jede im Ensemble aufgeblasen mit Unmengen von Polstern und Kissen, auch mit allerlei äußeren Merkmalen beiderlei Geschlechts, die an den Monstren herumbaumeln. Jeder kann hier alles sein. Ob Mann oder Frau agiert, spielt keine Rolle mehr im Angesicht von Mord und Macht - so werden sie alle in Christian Weises Inszenierung zu Schreck-Gestalten wie aus Alfred Jarrys grober Farce um den wilden Wüstling "König Ubu".

Schauerliches Finale

Portrait Corinna Harfouch
Schauspielerin Corinna Harfouch Bildrechte: Candy Welz

An und für sich ist auch das eine starke Entscheidung – speziell im ersten Teil aber dominiert die Farce extrem stark die historischen Verweise, deckt sie fast zu. Hier, zu Beginn, ist Susanne Wolff noch Macbeth und Corinna Harfouch die Lady, die den Gemahl quasi zum Jagen tragen muss, das heißt: zum Königsmord. Nachdem etwa zur Hälfte auch Banquo beseitigt ist, der zu Beginn noch an der Seite vom Feldherrn-Kollegen Macbeth im Angesicht der Weissagung der Hexen zu sehen ist, wechseln Wolff und Harfouch die Rollen – und für das kalte schauerliche Finale (mit Krieg und Tod über das Familien-Morden hinaus) bringt Harfouch die nötige Müller-Kälte mit; Wolff zu Beginn war eher (und sehr grandios!) Ubu.

Ubu-Schreckensfarce

Harfouch bleibt auch der Exkurs hin zu Hitler und über ihn und Buchenwald hinaus zu AfD-artigen Verharmlosern von heute vorbehalten – und so sehr das zum Müller-Bild von der plan- und visionslosen Gier nach Macht passt, so spürbar angestrengt wird auch dieser Themen-Schwerpunkt noch ins Spiel gezwängt. Den Gesamt-Eindruck aber beschädigt das nur bedingt:

Die grobe Ubu-Schreckensfarce wird Müller und Macbeth zu gleichen Teilen und sehr kraftvoll gerecht.

Kritiker Michael Laages

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR Kultur am Morgen | 20. August 2018 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 18:24 Uhr