Kinostart Lars Eidinger findet "Mackie Messer" frustrierend aktuell

Vor 90 Jahren feierte Brechts "Dreigroschenoper" mit der unsterblichen Musik von Kurt Weill am Berliner Theater Premiere. Sie wurde ein Welterfolg. Also kam die Filmindustrie zu Brecht und wollte den Stoff auch auf die Leinwand bringen. Aber daraus wurde nichts. Es gab ein totales Zerwürfnis zwischen Brecht mit seinen kompromisslosen Ideen und den Produzenten, denen der Erfolg an den Kassen wichtig war. Schließlich bringt Brecht die Produzenten sogar vor Gericht. Diese eher unbekannte Geschichte erzählt jetzt der Film "Mackie Messer" von Regisseur Joachim A. Lang mit Starbesetzung: Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Tobias Moretti. Und: Er versucht jenen Film zu machen, den Brecht vielleicht gemacht hätte.

von Ulf Kalkreuth, MDR KULTUR

Filmszene: "Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm"
Bildrechte: Wild Bunch Germany

Mo 10.09.2018 17:21Uhr 02:20 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-sonstige/trailer-mackie-messer-dreigroschenfilm100.html

Rechte: Wildbunch Germany

Filmszene: "Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm"
Bildrechte: Wild Bunch Germany

Mo 10.09.2018 17:21Uhr 02:20 min

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Video

Es funktionierte bei der Premiere zunächst einfach gar nichts – nicht mal der Leierkasten. Das Publikum schaute mit kalter Fassungslosigkeit zu, wie ein Haufen Verrückter eine scheinbar absurde Geschichte erzählte von Bürgern, die eigentlich Räuber sind und von organisierten Bettlerbanden. Abscheuliche Lieder wurden gesungen von Männern, die ihre eigenen Frauen zur Prostitution anbieten. Aber das alles war so frech, so dreist und so genial gemacht, und die Musik war so überwältigend einfach und dennoch so groß – es wurde ein Welterfolg. Brecht aber machte der Erfolg nachdenklich. Hatten die Zuschauer nicht gemerkt, dass sie in den eigenen Spiegel schauen? War von seinem Stück wirklich nur der eine Satz übriggeblieben: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral?

Lars Eidinger
Lars Eidinger mimt Bertolt Brecht. Sein Text besteht nur aus Originalzitaten Brechts. Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

Ich befürchte, ich werde in die Literatur eingehen als ein Mann, der den Vers geschrieben hat: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Bertolt Brecht im Spielfilm "Mackie Messer"

Filmproduzenten wollen Weltwirtschaftskrise und Massenelend nicht im Kino

Mit dem Erfolg meldeten sich Filmproduzenten. Jetzt sah Brecht die Chance, den Stoff härter und schärfer zu machen. Inzwischen herrschten Weltwirtschaftskrise und Massenelend. Und das wollte Brecht thematisieren. Aber das passte den Filmgeldgebern überhaupt nicht.

Es geht um die verborgenen Brutalitäten der Gesellschaft. Es geht um das, was man zunächst nicht sieht, die Machenschaften, die lautlos vor sich gehen. Es geht um einen hochpolitischen Stoff, um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich weltweit.

Joachim A. Lang, Regisseur

Die Londoner Bettelmafia.
Die Londoner Bettelmafia. Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

Regisseur Joachim Lang hat ein echtes Experiment gewagt: Er hat einen Film im Film gemacht. Wir sehen einerseits Bertolt Brecht im ständigen Streit mit seinen Filmproduzenten. Und wir sehen, wie jener Film entsteht, der Brecht vorschwebte, den er machen wollte. "Unser Film bricht mit Sehgewohnheiten, er versucht etwas Neues, etwas Radikales", so Lang. "Und ich setze da auf die Intelligenz des Publikums. Ich glaube, dass in unseren Filmen das Publikum immer wieder unterfordert wird. Wenn ich selber ins Kino gehe und ich weiß den Schluss von vornherein, dann macht's mir keinen Spaß."

Lars Eidinger spricht im Film in Brecht-Zitaten

Macheath (Tobias Moretti) mit seiner ehemaligen Geliebten Jenny (Britta Hammelstein).
Macheath (Tobias Moretti) mit seiner ehemaligen Geliebten Jenny (Britta Hammelstein). Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

Die scheinbar komplizierte Idee geht auf wunderbar einfache Weise auf. Lars Eidinger spielt Brecht als die Kunstfigur, die der Weltdichter auch selbst war: Zigarre, Ledermantel, kühl, ironisch und seiner Zeit immer voraus. Eidingers Filmrolle besteht ausschließlich aus Brechtzitaten, wie diesem: "Ich will Filme sehen, die ich gut finde, deshalb schreibe ich einen Film. Sorgfältig prüfe ich meinen Plan, er ist groß genug, er ist unverwirklichbar. Lest doch mal." Für Schauspieler Eidinger bestand dabei die Schwierigkeit darin, dass es nicht Texte waren, die Gesprächssituationen entstammen, sondern dass die Zitate teilweise auch aufgeschriebene sind. "Die jetzt so zu sprechen oder zu spielen, dass man das Gefühl hat, das sind Gedanken, die kommen jetzt gerade aus ihm heraus, das fand ich manchmal irrsinnig schwer."

Wer die Handlung nicht gleich begreift, braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie ist unverständlich. Wenn Sie nur etwas sehen wollen, was einen Sinn macht, müssen Sie auf das Pissoir gehen.

Bertolt Brecht im Spielfilm "Mackie Messer"

Claudia Michelsen, Hannah Herzsprung und Joachim Król als Familie Peachum.
Claudia Michelsen, Hannah Herzsprung und Joachim Król als Familie Peachum. Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

Regisseur Lang sagt zur Entstehung der Figur Bertolt Brecht im Film: "Wir haben in der Tat überlegt, wie man Brecht anlegt. Mir ging es nicht darum, Brecht zu imitieren, seine Arbeitsweise nachzustellen. Es ist durchaus in Ordnung, wenn man sagt: Lars Eidinger spielt Brecht. Das passt auch zum gesamten Konzept. Brecht ist eine Kunstfigur, er hat sich als solche gegeben, und so wird er auch im Film dargestellt."

Komponist Kurt Weill (Robert Stadlober) mit seiner Frau und Schauspielerin Lotte Lenja (Britta Hammelstein).
Komponist Kurt Weill (Robert Stadlober) mit seiner Frau und Schauspielerin Lotte Lenja (Britta Hammelstein). Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

In der Rolle des Jonathan Peachum erlebt man einen großartigen Joachim Król. Er herrscht über eine riesige Bettlerfabrik, von der aus die Elenden zum Betteln in die Stadt geschickt werden. Er hat auf Massenbetrieb umgestellt. "Peachum ist eine Rolle, die man nicht alle Tage spielt", erzählt Król. "Ich hab noch nie Brecht auf der Bühne gespielt und als wir dieses Set gesehen haben, da blieb mir erstmal die Spucke weg und ich dachte: Ja, das ist deins."

Hochaktueller Stoff

Es ist so, dass es mich eher frustriert, wie aktuell er ist. Und ich wünschte mir, wir wären politisch an einem anderen Punkt.

Schauspieler Lars Eidinger über den Film "Mackie Messer"
Tobias Moretti als Londoner Gangster Macheath, genannt Mackie Messer.
Tobias Moretti als Londoner Gangster Macheath, genannt Mackie Messer. Bildrechte: Wildbunch Germany/Stephan Pick

Das Großartige an diesem Film: Er zeigt Brechts Dreigroschenoper als das, was sie ist: Ein absolut heutiger Stoff. Am Schluss übernimmt die Bande des Gangsters Macheath (Tobias Moretti) die Bank. Und die Heerscharen der Armen ziehen in die Stadt ein. Willkommen in der Gegenwart! "Wir haben in dem Film eine immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich", kommentiert Schauspieler Joachim Król. "Wir haben den Aufmarsch der Ärmsten der Armen. Wir haben aufkommenden Nationalsozialismus. Das lässt sich alles anlegen auf das, was wir jeden Tag in der Tagesschau sehen."

"Wie sollen die, die ihre Lage erkannt haben, aufzuhalten sein?" – diesen Gedanken Brechts bringt der Film auf wunderbar unterhaltsame und bitter-ironische Art in Erinnerung.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 13. September 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 04:00 Uhr

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