Wettbewerb Kulturhauptstadt 2025: Über Magdeburgs Chancen als Außenseiter

Breite Straßen, leere Plätze, ein architektonisches Sammelsurium von Nachkriegsbauten, 90er-Jahre-Zweckbauten und Investoren-Träumen des vergangenen Jahrzehnts – was Magdeburg fehlt, ist eine Identität. Die Hoffnung ist, sie auf dem Weg der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 zu finden. Ein Gespräch mit den Akteuren.

Magdeburg 2025
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Woran denkt der Nicht-Magdeburger, wenn er an Magdeburg denkt? Womöglich erst mal an gar nichts und wahrscheinlich nicht an Kultur – dabei gibt es hier unter anderem vortreffliche Museen und ein Puppentheater von internationalem Ruf. Tamás Szalay, Leiter des Bewerbungsbüros "Magdeburg 2025" beschreibt das Identitätsproblem der Stadt so: "Wenn man entscheidet, dass sie sich bewirbt, da muss sie sehr ehrlich zu sich sein. Die Stadt hat eine sehr problematische Identität. Die wurde öfter mal fast völlig ruiniert, zerstört, und die Stadt hat immer nach neuer Identität gesucht für sich. Und diese Brüche und Neuanfänge, alle stecken in der DNA der Stadt."

Magdeburg an der Elbe aus der Luftperspektive 54 min
Bildrechte: Hanns-Georg Unger
Magdeburg an der Elbe aus der Luftperspektive 54 min
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Sport- und Fankultur nutzen

Die Mannschaft des FCM feiert mit ihren Fans.
Fankultur: Aufstiegsfeier des FC Magdeburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Magdeburger selbst haben ein ganz eigenes Kulturverständnis, zu dem auch der Sport zählt, wie Kerstin Hartinger, Projektmanagerin "Magdeburg 2025" meint: "Wir haben auch einen ganz starken Bezug zur Sport- und Fankultur. Magdeburg mit FCM und SCM ist eine sehr sportbegeisterte Stadt. Und da ist auch ganz viel identitätsstiftendes Material über den Sport." Das auf die Kultur zu übertragen, sei die Vision.

Aus einem städtischen Vakuum heraus

Kerstin Hartinger und Tamas Szalay
Kerstin Hartinger und Tamas Szalay vom Bewerbungsbüro "Magdeburg 2025" Bildrechte: MDR/Kalina Bunk

"Out of the Void – aus der Leere heraus", das war das Motto des ersten Bewerbungsbuches. Selbstironisch, meinten manche, selbstverleugnend, empörten sich andere. Aber die Leere auf den Straßen und den Plätzen, sie ist nicht nur einem schwül-heißen Sommertag oder dem auf der Lauer liegenden Virus zu verdanken. Dass der bald anstehende Besuch des Bewerbungsgremiums Corona-bedingt virtuell stattfinden muss, könnte fast als Vorteil begriffen werden angesichts des städtischen Vakuums. Den Menschen die Dimensionen einer Stadt in einem Livestream zu zeigen, sei eine besondere Herausforderung, meint Kerstin Hartinger.

Defizite, die im Analogen charmant sein mögen – im digitalen Raum können sie schnell peinlich werden. Magdeburgs Außenseiter-Status bei der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 wird dadurch eher noch verstärkt. Was hat diese Stadt zu bieten, was die vier Mitbewerber nicht haben? Das neue Motto "Force of Attraction" – Kraft der Anziehung – ist ja auch erst mal nur eine Behauptung.

Die Bewerbung bündelt Energien

Der Oberbürgermeister Lutz Trümper betont die Vorteile der Bewerbung: "Da hat man über Jahre die Chance, die Bevölkerung, die Kulturschaffenden der Stadt zu motivieren, sich hinter einem gemeinsamen Thema zu versammeln. Wie kriege ich das hin – und das ist das Entscheidende bei der europäischen Bewerbung – da Projekte zu machen mit europäischen Partnern."

Um eines klarzustellen: Europäische Kulturhauptstadt wird nicht, wer mit Kultur schon reich gesegnet ist. Die Verleihung des Titels wäre eine Art Stipendium für Magdeburg, 60 Millionen Euro, die in kulturelle, soziale und ökologische Projekte fließen würden, fünf Jahre lang, bis 2025.

Leerstellen als Chance

In genau dem Jahr, so will es der Zufall, soll auch die Renovierung des Studiokinos in der Neuen Neustadt abgeschlossen sein. Leiter des Kinos und der Filmkunsttage Sachsen-Anhalt ist der Magdeburger Frank Salender, der ein strukturelles Problem erklärt: "Der Magdeburger per se hat das Problem, dass wir nicht eine Bürgerschaft in der Stadt haben, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Das heißt, wir haben diese Kriegszerstörung, und wir haben sehr viele Menschen, die von außen kommen und die Stadt dann, das kann man nachweisen, wieder bevölkern. Das heißt, den Magdeburger, der über Jahrhunderte hier vielleicht ein Ladenlokal betreibt oder so, den muss man wirklich suchen."

Magdeburg aus der Vogelperspektive mit der Elbe, der historischen Hubbrücke und dem Dom
Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt mit Ecken und Kanten: Magdeburg Bildrechte: dpa

Die Widerständigkeit der Stadt, ihre rauen Ecken und Kanten, die vielen Leerstellen – all das könnte ja tatsächlich eine Chance sein. Die kreative Szene, Startups – sie alle brauchen bezahlbare Räume. Der historische Handelshafen wird gerade zum Wissenschaftshafen umgewandelt. Als Kulturhauptstadt wäre Magdeburg ein Jahr lang Ziel für Kulturinteressierte. Wer weiß, vielleicht legt der eine oder andere hier an. Muss Magdeburg den Wettbewerb also gewinnen?

Frank Salender betont die positive Entwicklung, die bereits mit der Bewerbung verbunden ist: "Ich glaube, dieses Muss muss man unbedingt streichen. Ich glaube, das muss man nicht werden. Aber was fehlt, ist der Gedanke, wo soll es denn hingehen. Also, so ein Kulturentwicklungsplan, der mir sagt, 2025, wie ist das kulturelle Selbstverständnis in dieser Stadt. Und da versetzt das Kulturhauptstadtjahr, also die Bewerbung dazu, eigentlich Berge. Das heißt, der Bürger und die kommunale Verwaltung machen sich gerade bewusst, wer sind wir eigentlich, wo wollen wir eigentlich hin."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | artour | 27. August 2020 | 22:05 Uhr