Margaret Atwood, 2006
Schriftstellerin Margaret Atwood steht mit "Die Zeuginnen" auf der Shortlist für den Booker Prize 2019. Bildrechte: IMAGO

Dystopie "Die Zeuginnen" – Margaret Atwoods Fortsetzung von "Der Report der Magd"

1985 veröffentlichte die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood "The Handmaid's Tale" ("Der Report der Magd"). Volker Schlöndorff verfilmte den Stoff 1990, 2000 kam eine Oper heraus und vor drei Jahren erweckte eine amerikanische Fernsehserie, mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle, die Geschichte wieder zum Leben. Der jetzt bald 80-jährigen Schriftstellerin hat es gefallen, noch einmal in den Staat Gilead zurückzukehren und eine Fortsetzung zu schreiben: "The Testaments" ("Die Zeuginnen"). Der Roman, den Atwood im Oktober auch auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird, steht auf der Shortlist für den Booker Prize 2019.

von Ulrike Sárkány, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Margaret Atwood, 2006
Schriftstellerin Margaret Atwood steht mit "Die Zeuginnen" auf der Shortlist für den Booker Prize 2019. Bildrechte: IMAGO

Margaret Atwood sind die Ideen nicht ausgegangen; soviel sei schon mal vorausgeschickt. Anfangs fällt es jedoch schwer, sich mit den drei Erzählerinnen zurechtzufinden, weil das Konstrukt des haarsträubend bigotten Unrechtsstaats, der auf einem Teil des ehemaligen US-Territoriums errichtet wurde und aus dem die Frauen, wenn sie können, nach Kanada flüchten, ja erst einmal wieder präsent gemacht werden muss. Und natürlich erwartet man, wenn man "Der Report der Magd" gelesen hat, der Hauptfigur von damals wieder zu begegnen. Stattdessen ist die erste Ich-Erzählerin deren frühere größte Peinigerin, die sogenannte "Tante" Lydia:

Ausschnitt aus "Die Zeuginnen": Nur Tote dürfen Denkmäler haben; ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen. Schon jetzt bin ich versteinert. Dieses Denkmal sei ein kleines Zeichen der Anerkennung für meine zahlreichen Verdienste, hieß es in der Würdigung, die von Tante Vidala vorgetragen wurde. Unsere Obrigkeit hatte sie dazu verpflichtet, was bei ihr nicht gerade auf Gegenliebe stieß.

Diese ältere Frau, die als Tutorin der Mägde einige Macht im Staat Gilead erlangt hat, ist die interessanteste Figur, wohl auch, weil Margaret Atwood ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst gegeben hat. Sie versteckt ihre Tagebuchaufzeichnungen in einem alten Buch mit dem Titel "Apologia Pro Vita Sua", und sie verteidigt tatsächlich ihr eigenes Leben. Als Richterin wurde sie von den Putschisten mit dem Tod bedroht und nach langer Folter zu dieser neuen Rolle als "Tante" gezwungen. Ihrem Scharfsinn ist es zu verdanken, dass sie mittlerweile so ziemlich jeden Machthaber in ihrer Hand hat.

Buchcover - Margaret Atwood: "Die Zeuginnen" 4 min
Bildrechte: Berlin Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.09.2019 12:10Uhr 04:10 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buchcover - Margaret Atwood: "Die Zeuginnen" 4 min
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Schauspielerinnen der Serie "Handmaid's Tale stehen in einer Reihe, L.A. Times Festival of Books/
Szene aus der Serie "Handmaid's Tale" Bildrechte: Imago-Stock

Ausschnitt aus "Die Zeuginnen": Es war mein sechzehnter Geburtstag, angeblich. Am meisten freute ich mich auf meinen Führerschein. Ich fühlte mich zu alt für eine Geburtstagsparty, wobei Melanie immer Torte und Eis für mich besorgte und mir Daisy Bell vorsang, ein altes Lied, das ich als Kind geliebt hatte, inzwischen aber peinlich fand. Die Torte bekam ich dann später: Schokoladentorte, Vanilleeis, meine Lieblingssorten - bloß konnte ich davon nichts mehr essen. Da war Melanie schon nicht mehr am Leben.

Die zweite Erzählerin ist Daisy. Sie führt das normale Leben eines kanadischen Teenagers, bis ihre vermeintlichen Eltern ermordet werden und sie erfährt, dass sie als Baby aus Gilead herausgeschmuggelt wurde und dort als "die kleine Nicole" nach wie vor aus den Klauen Kanadas befreit werden soll. Die dritte Ich-Erzählerin, Agnes Jemima, nur wenig älter als Daisy, ist in der Familie eines der Kommandanten Gileads aufgewachsen.

Ausschnitt aus "Die Zeuginnen": Für die Beerdigung meiner Mutter kriegte ich ein schwarzes Kleid. Einige der anderen Kommandanten nebst Ehefrauen kamen und unsere Marthas. Im geschlossenen Sarg lag die irdische Hülle meiner Mutter, und mein Vater hielt eine kurze Rede darüber, was für eine gute Ehefrau sie gewesen war und dass sie immer zunächst an andere und dann erst an sich selbst gedacht habe, ein Vorbild für alle Frauen von Gilead, und dann sprach er ein kurzes Dankesgebet, dass der Herr sie von ihren Schmerzen erlöst habe, und alle sagten Amen. Bei der Beerdigung von Frauen wurde in Gilead kein großes Aufhebens gemacht, nicht mal von hochrangigen Frauen.

Drei rasante Heldinnen stürzen das Regime

Buchcover - Margaret Atwood: "Die Zeuginnen"
Buchcover - Margaret Atwood: "Die Zeuginnen" Bildrechte: Berlin Verlag

Das junge Mädchen muss erleben, wie eine neue Ehefrau ins Haus kommt und eine Magd einen Stammhalter für den Kommandanten austrägt und durch den Kaiserschnitt stirbt. Als sie selbst mit dreizehn Jahren verheiratet werden soll, zieht sie es vor, sich zur "Tante" ausbilden zu lassen. Dass ihre wahren Eltern zur Widerstandsgruppe "Mayday" gehören, die von Kanada aus operiert, wird sie im Lauf der Romanhandlung erfahren.

Margaret Atwood hat drei rasante Heldinnen erschaffen, deren furchtloser Einsatz zum Fall des giftigen Regimes führen wird.

Etwas weniger Melodramatik, dafür eingehendere Beschreibungen der Widerstandsaktionen – und ein paar mehr liebenswerte männliche Akteure – hätte man sich gewünscht, aber die Inszenierung eines rundum menschenfeindlichen, heuchlerischen, intriganten Systems ist ihr mal wieder perfekt gelungen.

Informationen zum Buch Margaret Atwood: "Die Zeuginnen"
Übersetzung: Monika Baark
Erschienen im Berlin Verlag
576 Seiten, 25 Euro
Erscheinungstermin: 10.09.2019
ISBN: 978-3-8270-1404-7

"Die Zeuginnen" als Hörbuch | Mit Leslie Malton, Eva Meckbach, Inka Löwendorf, Vera Teltz und Julian Mehne
Erschienen bei OSTERWOLDaudio
2 CDs 788 Minuten, 25 Euro
Erscheinungstermin: 13.09.2019
ISBN: 978-3-86952-433-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 12:00 Uhr

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