65. Geburtstag Warum Marianne Rosenberg die emanzipierteste Schlagersängerin ist

In den 70er-Jahren war sie die Prinzessin des deutschen Schlagers, heute verkörpert sie eine unnahbare Diva: Marianne Rosenberg, deren Stimme sie berühmt machte – Lieder wie "Marleen" oder "Er gehört zu mir" sind Pop-Klassiker. Jetzt wird Marianne Rosenberg 65 Jahre alt. Die Geschichte einer Frau, die sich die Freiheit nahm, ganz über sich selbst zu verfügen.

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Der Anfang vom Neinsagen war der Tag, an dem Marianne Rosenberg ihrem Produzenten Joachim Heider Widerworte gab: dem Mann, der sie entdeckt, der ihre Hits geschrieben, sie letztlich erfunden hatte. Doch nun konnte Marianne Rosenberg, 21 Jahre alt, sich nicht mehr wiedererkennen: in der Kindfrau mit dem Sehnsuchtssopran, dem von Heider kreierten Erfolgsprodukt.

Ich war im Urlaub, und Marianne rief mich an und sagte: 'Ich singe Marleen nicht.' Ich sage: 'Wieso singst du Marleen nicht?' - 'Ich sing doch keine andere Frau an.' Ich sage: 'Marianne ... wie?'

Joachim Heider, Produzent

Deutschlands erfolgreichste Sängerin

Die erste Identitätskrise hatte Rosenberg bereits 1970 durchgemacht, als der jüdischstämmige Juror Paul Simon bei einem Talentwettbewerb in Brasilien verkündete, dass er einer Deutschen keine Punkte geben würde; eine Art nachträgliche Abstrafung für den Holocaust. Dabei war ein Großteil von Marianne Rosenbergs Familie in Auschwitz umgekommen. Sie selbst verschwieg eisern, dass sie eine Sinteza war, auch aus Angst um ihre Karriere; und wenn Joachim Heider ihr sagte, dass er eine neue Nummer für sie habe, musste sie womöglich manchmal an die Nummer denken, die die Nazi-Schergen ihrem Vater im Lager auf den Arm tätowiert hatten: Z6084 lautete sie.

Marianne Rosenberg
Schlagerprinzessin der 70er: Marianne Rosenberg Bildrechte: IMAGO

Mitte der Siebziger vereinnahmt Deutschlands Hetzblatt Nummer eins einmal mehr die ganze megalomane Nation: "Marianne, du bist für uns die Größte!", lautet die Schlagzeile, und tatsächlich ist Rosenberg zu diesem Zeitpunkt Deutschlands erfolgreichste Sängerin: Keine Disco, keine Tanzschule ohne "Fremder Mann", "Marleen", "Ich bin wie du" und selbstredend "Er gehört zu mir", mit dem sie nicht zuletzt zur Übermutter der Schwulenszene wird. Der Schauspieler Georg Uecker: "Die allererste Single, die ich mir selber gekauft habe, war 'Lieder der Nacht', und ich habe diese Single rauf und runter gespielt, und habe dazu damals natürlich auch getanzt und mit einer Kleiderbürste gesungen."

Bizarre Kostüme in den Achtzigern

Doch in den Achtzigern ist Schluss mit Fönfrisur und Kehlkopfknechtschaft – und Zeit für die Marianne Horror Picture Show; so mag es jedenfalls mancher Fan gesehen haben, wenn die erwachsen gewordene Frau Rosenberg ihr neues Image in teils bizarren Kostümkreationen auslebte, irgendwo zwischen Peter Gabriel, Latex-Shop und der berühmten Sentenz des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud: "Ich ist ein Anderer." Ihr ehemaliger Hitparaden-Kollege Peter Maffay: "Ich glaube, den Mut kann man nur entwickeln, wenn man dort herkommt, wo sie herkommt. Die Vergangenheit prägt diese Widerstandskraft, die da gefragt ist, immens. So eine Stehaufmännchen-Mentalität, die kommt, weil man weiß, wie’s unten aussieht. Ich sage immer: Wer sich nicht bückt, weiß nicht, wie sich der Boden anfühlt."

Marianne Rosenberg
Marianne Rosenberg im Jahr 2018 Bildrechte: imago/Tinkeres

Keine deutsche Schlagersängerin hat sich so emanzipiert wie Marianne Rosenberg. Der Witz war, dass Joachim Heider zuvor den deutschen Schlager emanzipiert hatte – mit ihr, seinem Kunstprodukt, das er 1969, erst 14-jährig, bei einem Wettbewerb in Berliner Europacenter entdeckt hatte. Mit Heiders streichergesättigten Phillysound-Geniestreichen schrammte der deutsche Dancefloor nur Millimeter an internationaler Credibility vorbei. In ihrer Autobiografie schrieb Rosenberg, dass sie lange Jahre einseitig in Heider verliebt gewesen sei. Aber womöglich hatte sie sich gar nicht in den Mann, sondern in seine wahrlich nicht kleine Kunst verknallt: die Gabe, noch im flüchtigsten Ahaha-Moment einen Ausdruck universaler Gültigkeit zu finden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2020 | 06:40 Uhr

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