Mario Vargas Llosa
Mario Vargas Llosa Bildrechte: dpa

Sachbuch Mario Vargas Llosa und seine "intellektuelle Autobiografie"

"Eine intellektuelle Autobiografie" nennt Mario Vargas Llosa sein Buch "Der Ruf der Horde" im Untertitel. Der Autor beschreibt darin seine geistige Entwicklung bis heute. So geht es um seine Begeisterung für den Kommunismus - und seine spätere Distanz zum selbigen, die u. a. durch eine Reise in die Sowjetunion ausgelöst wurde. Er erzählt, warum er sich dem Liberalismus zuwendete und porträtiert sieben Philosophen und Wissenschaftler, die für ihn den Grundgedanken der Freiheit verfechten: Freiheit als der höchste Wert der Gesellschaft.

von Ulf Heise, MDR KULTUR

Mario Vargas Llosa
Mario Vargas Llosa Bildrechte: dpa

"Eine intellektuelle Autobiografie" nennt Mario Vargas Llosa sein Buch im Untertitel. Der Autor beschreibt seine geistige Entwicklung bis heute. Anfangs glühte er für den Kommunismus und unterstützte das Regime von Fidel Castro. Während der 1960er-Jahre begann er sich in wachsendem Maße vom Marxismus zu distanzieren. Schritt für Schritt vollzog er eine totale politische Wende, an deren Ende er sich zum Liberalismus bekannte. Im Bann dieser Weltanschauung bekämpfte er 1987 die Verstaatlichung der Banken in seiner Heimat und trat 1990 als Spitzenkandidat des Bündnisses "Demokratische Front" im Präsidentschaftswahlkampf an. Er wollte Peru radikal reformieren und in eine Demokratie überführen, doch er scheiterte. Seine Wandlung gleicht der seines Kollegen Jorge Semprun, der im Alter betonte, es gäbe "keine einzige geschichtliche Situation, in der die sogenannte 'linke' Politik nicht Unheil über Unheil heraufbeschworen hätte".

Die Abkehr von der linken Ideologie

Vargas Llosas Abkehr von den Ideen des Sozialismus hat verschiedene Gründe. Vor allem zwei Dinge schockierten ihn. 1965 hörte er, dass Kubas Staatschef den Aufbau der sogenannten "UMAP" befohlen hatte. Offiziell galten diese Einrichtungen als militärische Einheiten zur Unterstützung der Produktion in den volkseigenen Industriebetrieben und in der Landwirtschaft. Doch in Wirklichkeit handelte es sich um Straflager, in denen Konterrevolutionäre sowie Homosexuelle interniert und gepeinigt wurden. Die zweite bittere Enttäuschung, die ihn zum Bruch mit der linken Ideologie bewog, brachte eine Reise in die Sowjetunion anlässlich einer Puschkin-Ehrung 1968. Über diesen Trip notiert Vargas Llosa rückblickend:

Dort wurde mir klar, dass ich als Russe in diesem Land ein Dissident gewesen wäre, ein Paria also, oder ich wäre im Gulag elend verreckt. Für mich war es eine traumatische Erfahrung.

Mario Vargas Llosa in ""Der Ruf der Horde"

Liberalismus erlaubt für Llosa Abweichung und Kritik

Vehement kehrte er sich damals auch von Jean-Paul Sartre ab, der das stalinistische Land als Hort des Fortschritts verherrlichte. Stattdessen ist Llosa vom Liberalismus fasziniert. Er verkörpert für ihn "eine Position, die keine Antworten auf alles hat, wie es der Marxismus für sich in Anspruch nimmt", sondern "Abweichung und Kritik" nicht nur erlaubt, sondern geradezu einfordert. Dieses Toleranzprinzip imponiert ihm zutiefst.

Freiheit ist für Llosa "weder teilbar noch in Teilen zu haben"

Er selbst verfügt lediglich über ein "kleines, aber unverkennbares Bündel an Überzeugungen". Im Mittelpunkt steht für ihn dabei "Freiheit" als "der höchste Wert" der Gesellschaft. Freiheit ist für ihn "weder teilbar noch in Teilen zu haben". Sie muss in allen Bereichen zum Ausdruck kommen, sowohl wirtschaftlich als auch politisch, sozial und kulturell. Daher bewundert er Philosophen und Wissenschaftler, die sich zu diesem Grundgedanken bekennen. Um sieben dieser Gelehrten kreist sein Buch. Die Koryphäen werden darin in prägnanten Aufsätzen porträtiert, die sehr flüssig geschrieben sind und in ihrer klugen Pointierung an die Essays von Aldous Huxley oder Arthur Koestler erinnern.

Adam Smith, Karl Popper oder Jose Ortega y Gasset als Vorbilder

Mario Vargas Llosa: "Der Ruf der Horde"
Cover des Buches Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Da ist zunächst Adam Smith, ein schottischer Moralphilosoph und Aufklärer des 18. Jahrhunderts, der als Begründer der klassischen Nationalökonomie gilt. Eine wichtige Rolle spielt daneben Friedrich August von Hayek, ein moderner österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph, dessen Werk "Der Weg zur Knechtschaft" für Vargas Llosa zur "Leib-und-Magen-Lektüre" wurde, genauso übrigens wie Karl Poppers Standardwerk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", aus dem beiläufig gesagt der Titel von Vargas Llosas Buch entlehnt ist. Sowohl Popper als auch Hayek waren wichtige Stichwortgeber für die von Vargas Llosa verehrte ehemalige englische Premierministerin Margaret Thatcher. Sie studierte Popper und holte sich bei Hayek Rat.

Besonders sympathisiert Vargas Llosa mit Jose Ortega y Gasset, der mit seinem 1929 erschienenen Buch "Der Aufstand der Massen" einen international noch immer populären Bestseller landete. Ortega y Gasset ist der bedeutendste spanische Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts und Vargas Llosa zitiert von ihm einen Satz, der auch auf ihn selbst und seinen Stil zutrifft. Er lautet: "Die Klarheit ist die Höflichkeit des Philosophen". An Ortega y Gasset hat Vargas Llosa einen Narren gefressen und das hängt damit zusammen, dass dessen Vita mindestens so viele Stolpersteine aufweist wie seine eigene. Überhaupt sticht ins Auge, dass Vargas Llosa sich zu Geistesgrößen hingezogen fühlt, deren Leben nicht geradlinig verläuft. Genau das macht ihn ungeheuer sympathisch.

Informationen zum Buch: Mario Vargas Llosa: "Der Ruf der Horde"
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Erscheint am 13. Mai 2019 bei Suhrkamp
316 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-518-42868-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Mai 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 04:00 Uhr