Sachbuch der Woche "Die verdrängte Zeit": Marko Martin erzählt gutgelaunt von der Kultur in der DDR

Warum spielt die Kultur bei der Einheit von Ost und West so selten eine Rolle? Diese Frage stellt sich Marko Martin in seinem neuen Buch "Die verdrängte Zeit". Während die für die Bundesrepublik prägenden Autorinnen, Filmemacher, Musikerinnen fester Teil des kulturellen Gedächtnisses sind, haftet ihren Pendants aus der DDR oft ein Hauch von Ostalgie an. Marko Martin versucht, diesem Dilemma mit einem provokant gutgelaunten sowie anspruchsvollen Panorama der Kultur des Ostens zu begegnen.

30 Jahre Deutsche Einheit – das löst nochmal eine Welle der Perspektivwechsel auf den Osten Deutschlands aus. Seltsam genug, dass das Land scheinbar immer noch geteilt ist und nun jede Menge Schlauberger meinen, man hätte viel mehr auf den Osten schauen und mitnehmen müssen. Das ist natürlich so arrogant, wie bevormundend.

Auch darum ist es schön, wenn es solche selbstbewussten Bücher wie "Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens" gibt. Marko Martin erzählt hier nochmal die Geschichte der DDR aus der Sicht der (Gegen-)Kultur, deren Vielstimmigkeit bis ins Heute reicht und die nicht wenig mit der Sozialisierung der "Ossis" zu tun hat – sich aber nach der Wende umso schwerer behaupten konnte. Das ist der Ansatz des Autors.

Vom Verschwinden der Ost-Kultur

Pannach (links) und Kunert (rechts) im April 1987 in Berlin.
Das Duo Pannach und Kunert bei einem Auftritt 1987 in Berlin Bildrechte: imago images / Peter Homann

Martin beginnt mit der wunderbaren Zeit der begleiteten Anarchie zwischen November 1989 bis zur Wiedervereinigung im Oktober 1990 und dem Verschwinden von Ostbüchern, Ostrock-Schallplatten und DEFA-Filmen aus den Kinos. Martin hat den genauen Blick auf das, was der Osten eben auch war, "dass die faszinierendsten seiner Kulturleistungen nicht wegen des Parteiregimes oder dagegen, sondern trotz dessen strangulierender Wirkung zustande gekommen waren – als Bücher, Filme, Songs, Gemälde oder Fotografien. Viele davon sind heute zu Unrecht vergessen oder waren bereits in der DDR verboten und hatten deshalb nie eine Chance, Teil des kollektiven Gedächtnisses zu werden: DEFA-Filme, die man verstümmelt hatte, ehe sie im Giftschrank landeten, verbotene Lieder, zensierte Bücher, deren Autoren ins Gefängnis kamen oder zum Verlassen des Landes gedrängt wurden. Bilder, die zerstört worden waren oder in Depots verrotteten; ausgesondert: eine vierzig Jahre währende staatliche Amputation nach Plan, die noch heute sprachlos macht."

Dem Schriftsteller geht es nicht um das Ausspielen des Ästhetischen gegen das Politische. Der Akt des Wiederentdeckens ist für ihn kein Moment moralischer Wiedergutmachung, sondern einer der Entdeckerfreude. Es ist Neugier statt nachgetragenem Ranking, kein richtiger Stolz auf das Falsche.

Was aber wäre dann das Richtige? Sagen wir besser: Das Interessante. Sagen wir: ein Film und dessen Vor- und Nachgeschichte. Schauspieler und Schauspielerinnen auch jenseits von Bühne und Leinwand, inklusive ihrer (nicht immer erfolgreichen) Wege von Ost nach West. Sagen wir: die Musik und wer sie machte. Wer sie verbot und wer sich dem Verbieten entgegenstemmte – von Wolf Biermann und den Blues-Sängern bis zu den jungen Ostberliner Hinterhof-Punks. Immerhin ist es nicht ganz unwesentlich fürs Werk, ob jemand parallel dazu Berichte für Erich Mielkes Ministerium schrieb oder sich dem verweigerte. Oder diese zwar schrieb, doch dann die Kraft und den Weg fand, auszusteigen – wie Helga M. Novak oder Brigitte Reimann.

aus: "Die verdrängte Zeit" von Marko Martin

Dissidenten und Nicht-Dissidenten

Schriftsteller Ulrich Plenzdorf  (Foto von Oktober 1989)
Der Autor Ulrich Plenzdorf Bildrechte: imago images / epd

Es geht bei Martin natürlich um Stasi-Verpflichtungen und Verweigerung, um zerstörte Lebensläufe und amtliche Verbote, aber auch um all das, was sich trotz des Unrechtsstaates an Kunst durchgesetzt hat. Es geht um die Dissidenten genauso wie um die Kunstschaffenden, die keine waren. Marko Martin (Jahrgang 1970) bettet seine Erzählung gekonnt in die eigene Biografie ein: seine Kriegsdienstverweigerung und das daraus folgende Hochschulverbot spielt natürlich eine Rolle bei seinem Blick auf Kultur. Da wundert es nicht, dass Autoren wie Jürgen Fuchs und Ulrich Plenzdorf, die Musiker Pannach und Kunert, seine frühen Inspirationen sind. Plenzdorfs Figur des Edgar Wibeau aus "Die neuen Leiden des jungen W." zieht sich als Topos sogar durch Martins Buch – nur dass Martin eben nicht immer wieder mit dem Luftgewehr auf Womackas Bild "Paar am Strand" zielt wie sein Held Edgar Wiebau.

Szene aus Die neuen Leiden des jungen W.
Szene aus "Die neuen Leiden des jungen W." nach Ulrich Plenzdorf Bildrechte: imago images / United Archives

Dabei genügt es Martin nicht, sein riesiges Wissen zu nutzen, um sich an den Namen abzuarbeiten, die vor der Lektüre bei einem kurzen Blick ins Register die Vorfreude steigern. Immer wieder kommt der Autor mit Ideen und Theorien, die keine alten Hüte, sondern die Pfade es Wiederentdeckers sind: "Christa Wolfs melancholisches, ja passagenweise geradezu verzweifeltes 'Kein Ort. Nirgends' durfte 1979 im Ostberliner Aufbau-Verlag erscheinen, doch genau in diesem Dürfen liegt auch die Krux. Wie viel Parabelhaftigkeit und Zwischen-den-Zeilen-Andeuten hält ein Prosastück aus, und was macht eine schweigende Lesererwartung, dergleichen doch bitte auch in den folgenden Büchern zu liefern, mit einer Autorin?"

Den Ostwurzeln nachspüren

"Die verdrängte Zeit"
Das Cover von "Die verdrängte Zeit" Bildrechte: Klett-Cotta

Solche Fragen machen die Lektüre auch für ein Publikum spannend, das vielleicht die meisten der Diskurse, Skandale, Höhen- und Tiefflüge der Ost-Kultur verfolgt hat. Der Rezensent konnte noch einmal einen Großteil seiner persönlichen Ost-Kultur-Sozialisation auffrischen, wobei sich Marko Martin vor allem auf die Literatur konzentriert – Musik, Film und Bildende Kunst kommen etwas kurz –, aber alles ist sehr gut erzählt, gebündelt und ins Heute reichend. So finden wohl alle Leserinnen und Leser ein paar überraschende Hintergründe, die einen neuen Blick auf die Protagonisten ermöglichen. Natürlich ist das Buch auch ein Dokument der bedrückenden Schwere des Überwachungsstaates: Ängste und Triumphe, Verrat und Vertreibung, trotziges Dableiben und Widerstehen. Ob Nachgeborene das Buch lesen werden, um wirklich die Wurzeln ihrer Ost-Eltern zu verstehen, ob Nicht-Ossis der kulturellen Sozialisation ihrer Landsleute nachspüren wollen, bleibt fraglich. Es wäre aber absolut wünschenswert.

Mehr zum Buch Marko Martin: "Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens"
Tropen, 426 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-608-50472-9

Rückblick auf die Wende

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2020 | 08:10 Uhr