Verabschiedung in den Ruhestand Markus Bauer: Gründungsdirektor des Schlesischen Museums Görlitz geht in Ruhestand

Schlesien – die Bezeichnung für das Land beidseits der oberen und mittleren Oder: ein Wort, das mehr auslöst als es geografische Namen üblicherweise tun. Die bewegte Geschichte dieses historisch bewegten Gebiets darzustellen, ist seither das zentrale Anliegen des Schlesischen Museums in Görlitz. Dessen Gründungsdirektor Markus Bauer verabschiedet sich nun in den Ruhestand. Anlass für MDR KULTUR, zurückzublicken.

Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz, 2011
Markus Bauer Bildrechte: dpa

Schlesien – die Bezeichnung für das Land beidseits der oberen und mittleren Oder: ein Wort, das mehr auslöst als es geografische Namen üblicherweise tun. In der DDR waren Erinnerungen an das historisch weitgehend von Deutschen geprägte, aber auch von anderen Nationalitäten bewohnte Gebiet, das im Ergebnis des 2. Weltkrieges dem polnischen Staat zuerkannt wurde, unerwünscht. Die Flüchtlinge aus Schlesien hießen Umsiedler, im Westen waren das die Vertriebenen. Sie fanden schnell eine politische Lobby, beförderten - manchmal aggressiv und anmaßend - die Erinnerungen an die alte Heimat. Die Idee, die Kulturgeschichte dieses Vergangenheitslandes Schlesien darzustellen, griff man im Westen immer wieder auf, versuchte verschiedene Sammlungsansätze.

Museum am Ort des historischen Geschehens

Nach der Wende gab es die Möglichkeit, mit einem Museum geografisch der schlesischen Landschaft näher zu kommen. Görlitz, die Stadt an der Neiße, die im Gefolge der Napoleonischen Kriege seit 1815 zu Schlesien gehörte, bot sich an. Dort entstand das Schlesische Museum. Gründungsdirektor ist der aus Frankfurt am Main stammende Markus Bauer, der jetzt nach 22-jähriger Tätigkeit in den Ruhestand geht.

Glasvitrine mit unterschiedlichen Vasen und Figuren - Ausstellungsstücke im Schlesischen Museum in Görlitz
Glasvitrine mit unterschiedlichen Vasen und Figuren - Ausstellungsstücke im Schlesischen Museum in Görlitz Bildrechte: IMAGO / Stefan Hässler

Wie Markus Bauer zum Schlesischen Museum kam

Nach Sachsen kam der promovierte Historiker Markus Bauer Mitte der Neunziger.  Für das Landesamt für Archäologie erforschte er die Geschichte der Dörfer in der Lausitz, die dem Kohleabbau weichen mussten, war dann für die so erfolgreiche erste Sächsische Landesausstellung "Zeit und Ewigkeit" im Kloster Marienstern tätig und wurde 1999 Gründungsdirektor des Schlesischen Museums. Zu jenem Zeitpunkt bestand es, aus erklärter politischer Absicht von Bundesrepublik, dem Freistaat Sachsen, der Stadt Görlitz und der Landsmannschaft Schlesien, aus einer Ansammlung schlesischen Kulturguts -vom Bund finanziert und über die Museen in Westdeutschland verteilt. Vor Ort war so gut wie nichts.

Als ich als frischgebackener Museumsdirektor meine Schätze bewundern wollte, war da ein großer Schrank. Und der war halb leer. Und da war die Sammlungs des Schlesischen Museums versammelt.

Markus Bauer, Gründungsdirektor des Schlesischen Museums Görlitz

Markus Bauer erinnert sich noch gut an seinen ersten Arbeitstag: "Als ich als frischgebackener Museumsdirektor meine Schätze bewundern wollte, wurde ich in so ein Gelass geführt, eine Art Kellerraum. Da war ein großer Schrank und der war halb leer und da war die Sammlung des Schlesischen Museums versammelt."

Bestandwachstum dank Feingefühl

Schlesisches Museum Görlitz
Der Eingang zum Schlesischen Museum Görlitz Bildrechte: IMAGO / Torsten Becker

Das änderte sich schnell. Die Sammlungsschränke füllten sich, zumal das vom Bund und Freistaat finanzierte Museum über Ankaufsmittel verfügte. Offerten kamen vor allem von einst hier Beheimateten. Es waren oft persönliche Erinnerungsstücke, an denen Geschichte und Geschichten hingen. Sie zu präsentieren und zu kontextualisieren, verlangte viel Gespür und Fingerspitzengefühl.

Markus Bauer gewann den Eindruck, und habe ihn immer noch, erzählt er, dass wahrscheinlich alle alten Schlesier Sammler seien. Das habe wahrscheinlich auch mit dem Schicksal zu tun, das sie erlitten hätten. "Jemand der alles verloren hat, der wird im weiteren Leben die Dinge eher zusammenhalten, als so freigiebig damit umgehen."

Jemand der alles verloren hat, der wird im weiteren Leben die Dinge eher zusammenhalten, als so freigiebig damit umgehen.

Markus Bauer, Gründungsdirektor des Schlesischen Museums Görlitz

Auch zu Sammlern mit hochkarätigen Beständen wie z.B. zum Glassammler Dietmar Zoedler oder zur Familie von Donnersmarck wurden unter Markus Bauer Verbindung und Vertrauen aufgebaut.

Gemischte Resonanz auf Museums-Eröffnung

Eröffnung war am 13. Mai 2006: Rund 1.000 Objekte auf 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche im ältesten und einem der schönsten Renaissancehäuser von Görlitz am Untermarkt erwarteten die Besucherinnen und Besucher – alle Texte und Beschriftungen zweisprachig deutsch und polnisch. Trotzdem stieß das neue Museum bei den Nachbarn zunächst auf wenig Begeisterung. Markus Bauer erinnert sich an den Tag der Eröffnung: "Wir hatten überhaupt keine Vertreter aus der Politik aus Polen. Die einzigen polnischen Würdenträger, die auf unsere Einladung, die weit gestreut war bis in die Wojewodschaft, kamen, waren kirchliche Vertreter."

Modell des Rathauses von Krakau im Schlesien-Museum in Görlitz
Modell des Rathauses von Krakau im Schlesien-Museum in Görlitz Bildrechte: IMAGO / Stefan Hässler

Zunehmende Offenheit von polnischer Seite

Aber schnell sprach sich herum, dass das Museum die Geschichte und Kultur dieser umkämpften und umworbenen Landschaft ohne revisionistischen Anspruch erzählt. Bald wurde die Zusammenarbeit mit polnischen Museen selbstverständlich, Vertreterinnen und Vertreter des Nachbarlandes sitzen mittlerweile im Stiftungsrat und anderen Gremien. Vor 20 Jahren sei das noch ein schwieriges, kontroverses Thema gewesen, merkt Markus Bauer an, das tendenziell zwischen Polen und Deutschland gestanden habe. Mittlerweile werde es - auch auf polnischer Seite - eher als etwas Verbindendes verstanden. "Vielleicht hat es nicht mehr die Intensität, die aus der Kontroverse damals gekommen ist. Es ist alltäglicher geworden, es ist nichts mehr Besonderes, über Schlesien zu sprechen. Aber es ist etwas Positives, was mit der Identität der Region beidseits der Grenze zu tun hat. Das ist eine wunderbare Entwicklung.

Es ist alltäglicher geworden, über Schlesien zu sprechen. Aber es ist etwas Positives, was mit der Identität der Region beidseits der Grenze zu tun hat. Das ist eine wunderbare Entwicklung.

Markus Bauer, Gründungsdirektor des Schlesischen Museums Görlitz

Attraktivität erhalten

Neben der Dauerausstellung lohnten auch die Sonderausstellungen immer wieder den Besuch im Schönhof - etwa jene zur Kunst der Moderne im Umkreis der Breslauer Akademie oder - parallel zur dritten Sächsischen Landesausstellung - jene zu Lebenswegen ins Ungewisse, also freiwilligen und erzwungenen Wanderungsbewegungen. Die Sorge, dass mit dem Ableben der Erlebensgeneration - wer als Zehnjähriger im Flüchtlingstreck die Neiße überquerte, ist jetzt im fortgeschrittenen Alter, weit über achtzig -  die Besucherzahlen weniger werden, hat sich nicht bestätigt. Eher das Gegenteil. Bei vielen gibt es noch eine, wenn auch sehr vage, familiäre Bindung an Schlesien.

Und dann gebe es noch eine andere Besuchergruppe, hat Markus Bauer beobachtet; eine, die Schlesien als ein interessantes Reiseland kennenlernen möchte, ganz ohne familiäre Beziehungen zu der Region. "Die waren schon in der Toskana, die waren auch schon im Elsass und in anderen Kulturlandschaften. Und Schlesien ist immer noch so ein Geheimtipp.

Ruhestand und Ruhesitz

Markus Bauer wird in Görlitz bleiben und seiner Nachfolgerin auf Wunsch mit Rat zur Seite stehen. Mit dem Polnisch lernen hat es in all den Jahren nicht so recht  geklappt, da ist ihm  Agnieszka Gasior, die aus Zielona Góra gebürtige  Kunsthistorikerin, die am 1. Mai sein Amt übernehmen wird, voraus.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2021 | 10:15 Uhr

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