Flaschenpost aus der DDR Tagebuch aus einem Land in Selbstauflösung: "Das letzte Jahr"

Martin Gross hat 1990, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, ein literarisches Tagebuch geschrieben. "Das letzte Jahr" berichtet von den letzten Monate der DDR, von einer melancholischen Stimmung und Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Eine authentische Reise in die jüngste Zeitgeschichte, die auch deshalb spannend ist, weil das Jahr 1990 – im Gegensatz zum Mauerfalljahr 1989 – kaum im Fokus der Aufmerksamkeit steht.

Tag der Währungsunion Deutschland, Berlin, 01.07.1990, Mann mit D-Mark und DDR Ausweis. 5 min
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Am 30. September 1990 tut Martin Gross das, was er bereits das ganze Jahr über getan hat. Er fährt durch die DDR. Viel hat er bereits gesehen und gehört. Doch sein Blick auf dieses untergehende Land ist immer noch nicht getrübt. Und so notiert er eine vielsagende Petitesse vom Wegesrand: "Im Vorüberfahren sehe ich ein Werbeplakat, das zur Feier der deutschen Einheit ein 'großes Schlachtfest' ankündigt. Abgebildet ist ein Schwein in Frauenkleidern, es hebt den Rock und präsentiert die Schenkel, 'saustark' heißt es dazu und: 'lecker, lecker, lecker!' In drei Tagen ist es soweit."

Literarisches Dokument der Wiedervereinigung

Gross hat sein Buch "Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land" genannt. Und obwohl es wie eine Tatsachen-Chronik daherkommt und jeder Eintrag mit einem Datum versehen ist, will er es doch als literarisches Dokument verstanden wissen. Deshalb tauchen auch keine echten Namen auf und dass die Stadt, in der er sich bewegt, Dresden ist, kann man nur ahnen.

Doch auch stilistisch ist das Buch kein reines Wesen. Es changiert zwischen Reportage, Tagebuch und Reflexion und nimmt damit den Rhythmus des Autors auf, der sich auf eine entschlossen unentschlossene Art treiben lässt.

Ein Land, das sich aufgegeben hat

Die Aufzeichnungen beginnen am 5. Januar 1990. Und schon die ersten Zeilen fangen diese seltsam melancholische Stimmung ein, die die Euphorie der ersten Wochen nach dem Mauerfall abgelöst hat. So heißt es: "Ich gehe in diesem Land herum wie in einem stillgelegten Bahnhof. Unter dem Glasgewölbe hindurch, an den Fahrplänen und Schaltern vorbei, viel Staub, viel Licht und viel Stille. Dort hinten noch ein paar Leute, die auf den Bus warten. Das unbeschwerte Gehen durch ein Land, das sich aufgegeben hat. Was ich jetzt sehe, ist nicht mehr gültig – oder höchstens noch eine Weile. Unangefochten geht man umher, das Geld, das man ausgibt, die Gebote, die man übertritt, das alles hat nichts mehr zu sagen, es geschieht nur scheinbar. Nur man selbst gehört zur Wirklichkeit und zur Zukunft. Aber ich weiß, auch das ist nur Schein."

Gebrauchtwagenmarkt in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) im März 1990
Gebrauchtwagenmarkt in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) im März 1990 – die Autoträume von damals sind heute längst in der Schrottpresse gelandet Bildrechte: dpa

Die Gewinner wohnen nicht im Osten

Martin Gross ist schonungslos. Er hat nicht die Absicht, den Leuten irgendetwas vorzumachen, er glaubt nicht an blühende Landschaften und schreibt damit gegen eine irre Hoffnung an, die den Menschen 1990 in der DDR ins Herz gepflanzt wird, jedenfalls bis zu den letzten Volkskammerwahlen, jedenfalls bis zur Währungsunion. Dass alles bald besser und schöner wird, dass die Bundesrepublik ein Sehnsuchtsort ist, diese Mär löst sich jedoch schnell in Luft auf und auch die, dass die Gewinner im Osten wohnen.

Merkwürdig ist jedenfalls, dass das Aufatmen vor allem im Westen stattfindet, dort schlägt das Bedürfnis nach neuen Chancen so plötzlich über die Stränge, dort hat sich ein enormer Bedarf an Goldrausch aufgestaut. Im Osten dagegen ist man schon froh, wenn der Salat ein bisschen billiger wird.

Martin Gross in seinem Buch

Liest man Martin Gross’ "Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land" heute, im 30. Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung, wundert es einen nicht, dass es 1992, als das Buch das erste Mal in einem kleinen Berliner Verlag erschien, niemand lesen wollte. Da waren doch alle noch mit sich selbst beschäftigt und die Suche nach neuen, gemeinsamen Wahrheiten musste er noch beginnen.

Bauerndemo am 10.7.1990 in Leipzig
Bauernproteste am 10. Juli 1990 in Leipzig Bildrechte: ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler

Ein Buch wie eine Flaschenpost

Und so wirkt das Buch tatsächlich wie die Flaschenpost, als die es Gross im Vorwort zur Neuausgabe bezeichnet. Eine literarisch fein formulierte Flaschenpost mit lauter schmerzhaften Nachrichten, die aber von großer Einsicht und Weitsicht zeugen. So schreibt Gross bereits am 6. April 1990: "Die deutsche Vereinigung, so sehr sie sich auch beeilen mag, Leser und Zuhörer haben sie bereits zu den Akten gelegt (man streitet sich höchstens noch ums Datum). Inzwischen überlässt man die historisch einmalige Entwicklung ihrem stillen Selbstlauf. 'Ist das denn nicht bald vorbei?' wird man irgendwann rufen. Und wahrscheinlich interessiert man sich frühestens in zwanzig Jahren wieder dafür, was damals (also heute) eigentlich los war."

DDR-Ministerpraesident Lothar de Maiziere, Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Finanzminister Walter Romberg und Bundesfinanzminister Theo Waigel beim unterschreiben des Staatsvertrags zwischen BRD und DDR
DDR-Ministerpraesident Lothar de Maiziere, Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Finanzminister Walter Romberg und Bundesfinanzminister Theo Waigel beim unterschreiben des Staatsvertrags zwischen BRD und DDR am 18. Mai 1990 Bildrechte: imago images/sepp spiegl

Eine echte Entdeckung

Nicht zwanzig, sondern dreißig Jahre hat es gedauert. Plötzlich ist vom neuen Selbstbewusstsein, von Empowerment und Integration der Ostdeutschen die Rede. Denn es müssen dringend Ursachen für politische Verwerfungen und Missverständnisse gefunden werden, die nicht nur, aber auch, im Anfang der neuesten deutschen Geschichte begründet liegen, die Gross so eindrücklich beschreibt. "Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land": Die Neuausgabe dieser klugen und durchaus nicht immer todernsten literarischen Reise durch die zerfallende DDR ist eine echte Entdeckung und unbedingt zu empfehlen.

Martin Gross, Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land
Das schlichte Cover des Buches "Das letzte Jahr" Bildrechte: Spector Books

Informationen zum Buch Martin Gross: "Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land"
368 Seiten, gebunden
ISBN: 9783959054232
Spectorbooks Leipzig

30 Jahre Deutsche Einheit

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. September 2020 | 08:10 Uhr