Neues Sachbuch Wie Donald Trump die USA in eine Autokratie verwandelt

Masha Gessens "Autokratie überwinden" ist einerseits das Buch zur Stunde und wird zugleich schon wieder von den aktuellen Ereignissen eingeholt, ein Dilemma, dem Literatur immer wieder ausgesetzt ist, weil sie eben nicht so schnell sein kann wie Twitter oder die Tagesschau. Trotzdem kann ein Buch im Zweifel mehr leisten. Masha Gessen schreibt in "Autokratie überwinden" eindringlich über das Ende der Würde in der US-amerikanischen Politik. Die in Moskau geborene und in New York lebende Autorin, die bereits eine Biografie über Wladimir Putin geschrieben hat, kommt dabei natürlich an einem Mann nicht vorbei: Donald Trump.

Die "Washington Post" hat nachgezählt, dass der amerikanische Präsident Donald Trump während seiner bisherigen Amtszeit durchschnittlich dreizehn Lügen pro Tag verbreitet hat. Trumps bevorzugtes Medium hierfür ist seit mehr als drei Jahren Twitter. Vor Kurzem jedoch hat das Online-Netzwerk Tweets des Präsidenten erstmals mit Warnhinweisen versehen. Die Zeit der Vorzugsbehandlung und mithin unkommentierter Twitter-Tiraden scheint vorbei zu sein. Trump kündigte prompt an, die Kommentarbefugnisse sozialer Netzwerke zu beschneiden.

Momentaufnahme als Gesamtanalyse

Diese Auseinandersetzung hat keinen Eingang in das Buch von Masha Gessen gefunden. Der Autorin ist das nicht vorzuwerfen, die Arbeit am Manuskript hat sie im April abgeschlossen. Aber es zeigt eine Schwierigkeit des Essays, der nicht weniger beansprucht, als Trumps "Weg zu einer autokratischen Herrschaft" nachzuzeichnen und dazu zahlreiche Ereignisse der Präsidentschaft auflistet, die diese Entwicklung illustrieren sollen. Gessen kann naturgemäß lediglich eine Momentaufnahme liefern, aber es geht ihr ohnehin darum, die alltäglichen Nachrichten zu einer zwar vorläufigen, aber umfassenden Gesamtanalyse zu verdichten.    

Routine von unvorstellbaren Ereignissen

Masha Gessen "Autokratie überwinden"
Masha Gessen "Autokratie überwinden" Bildrechte: Aufbau Verlag

"Die Schwierigkeit, die Nachrichten zu begreifen, liegt teilweise in den Wörtern, die wir benutzen – sie haben es an sich, dass sie das Ungeheuerliche gewöhnlich erscheinen lassen", schreibt sie. "Wie kann man über eine Serie fast unvorstellbarer Ereignisse reden, die Routine geworden sind?" Um darauf Antworten zu finden, stützt sich Gessen auf die Arbeiten des ungarischen Soziologen Bálint Magyar, der versucht hat, die autoritären Tendenzen in den postkommunistischen Ländern nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zu analysieren. Doch trägt dessen Modell, das sich auf Länder mit anderen Traditionen bezieht, tatsächlich dazu bei, auch die US-amerikanische Entwicklung zu erhellen? Diese Frage erscheint umso dringlicher, da Gessen selbst formuliert: "Wie genau die autokratische Ermächtigung in den Vereinigten Staaten verlaufen könnte, ist noch unerforschtes Gebiet."

"Herrschaft der Schlechtesten"

Masha Gessen charakterisiert die gegenwärtige Regierung als "Herrschaft der Schlechtesten" gepaart mit einer Verachtung von Fachwissen. Sie diagnostiziert eine Neudefinition des Landes in nationalistischen Begriffen, verweist aber auch darauf, dass sich Donald Trump Gefühle von Furcht und Hass zunutze gemacht hat, die schon zuvor die amerikanische Gesellschaft vergiftet haben. Der Rekurs auf vermeintliche autoritäre Vorbilder, vor allem auf das Russland unter Putin, war für die in der Sowjetunion aufgewachsene Autorin aus biografischen Gründen vermutlich naheliegend. In ihrem aktuellen Buch weist sie jedenfalls gern auf Parallelen zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten hin; am eindrücklichsten sind dabei die Passagen, in denen sie zeigt, wie beide eine eigene Realität entwerfen und sich nicht darum kümmern, ob Tatsachen diesem Bild widersprechen: "Der wahren Realität entrückt, hat es der Autokrat nicht nötig, beständig zu sein. Vielmehr ist die Möglichkeit, seine Geschichte beliebig zu ändern, eine Demonstration seiner Macht."

Widerstandskräfte der Zivilgesellschaft

Die Trump-Regierung hat für Verdrehungen der Realität bekanntlich den Begriff der alternativen Fakten eingeführt. Wie Putin scheint Trump der Ansicht zu sein, dass er kraft seiner Macht sagen kann, was er will. Denn als Präsident ist er der Herrscher über die Realität. Gessens düsterer Essay legt nah, dass Donald Trump dabei ist, die US-Demokratie schrittweise in eine Autokratie zu verwandeln. Doch die engagierte Publizistin macht in dem lesenswerten Buch mit Nachdruck auch auf die anderen Möglichkeiten des Landes und die Widerstandskräfte der amerikanischen Zivilgesellschaft aufmerksam. Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten hat zuletzt einmal mehr den tief verwurzelten Rassismus der amerikanischen Gesellschaft offenbart, aber die darauf folgenden Proteste scheinen das Land auch aus einer von Masha Gessen beklagten Lethargie gerissen zu haben. Wenngleich die Autorin davon im April ebenfalls noch nichts wissen konnte.

Mehr zum Buch Masha Gessen: "Autokratie überwinden"
Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind und Karl-Heinz Dürr. Aufbau Verlag, 300 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-351-03854-0

Mehr zur Autorin Masha Gessen wurde 1967 in Moskau geboren und emigrierte mit ihrer Familie 1981 in die USA. Später kehrte sie als Journalistin nach Russland zurück. Gessen hat eine Biografie über Wladimir Putin geschrieben und die Entwicklung Russlands zu einem autoritären Staat analysiert. 2019 erhielt sie den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juni 2020 | 07:10 Uhr