Ein Elch kreuzt Europastraße E6
Ein Elch kreuzt die Europastraße E6 Bildrechte: dpa

Sachbuch "Über alte Wege" Geschichte und Geschichten rund um die Europastraßen

500 km lang ist z. B. die E 50. Sie führt in Ost-West-Richtung einmal quer durch Europa - vom französischen Brest bis ans Schwarze Meer. Die Europastraßen - man erkennt sie an den grünen Schildern mit weißer Schrift - wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Die Verantwortlichen waren beseelt von der Idee, dass grenzüberschreitende Verkehrswege auch die Verständigung innerhalb des Kontinents voranbringen könnte. In Zeiten, in denen die Abschottung in Europa wieder zunimmt, lohnt es, sich dieses idealistische Projekt in Erinnerung zu rufen. Der niederländische Schriftsteller und Radiojournalist Mathijs Deen hat sich mit seinem Buch "Über alte Wege" auf die Suche gemacht.

von Eva Gaeding, MDR KULTUR

Ein Elch kreuzt Europastraße E6
Ein Elch kreuzt die Europastraße E6 Bildrechte: dpa

Auf einmal geht alles ganz schnell. Nicht nur wird Coenraad Nell, der schmächtige Bauernsohn aus dem niederländischen Wassenaar, ganz plötzlich zum Militärdienst eingezogen, auch die Fahrt nach Leiden ist in erstaunlich schnell bewältigt. Kein Wunder auf dieser schönen, neuen Straße. Vor Kurzem erst ist der sandige Feldweg, der bislang Haarlem und Den Haag verband, unter Napoleon gepflastert worden. Für Coenraad Nell ist diese Neuerung von zweifelhaftem Nutzen: "Auf dem Bock des Fuhrwerks erkannte Coenraad, dass die nagelneue, bequeme Straße, auf der sie fuhren, an diesem Frühlingsmorgen zu nichts anderem diente, als ihn, Coenraad, möglichst schnell vom Bauernhof zur Kaserne zu bringen."

Straßen, kreuz und quer durch Europa

Um Straßen geht es in Mathijs Deens zweitem, jetzt auf deutsch erschienenem Buch "Über alte Wege". Straßen, kreuz und quer durch Europa. Und um die Geschichten einiger Menschen, die auf diesen Straßen unterwegs waren. Freiwillig oder, wie im Fall von Coenraad Nell, gezwungenermaßen: "Wohin würde er wohl von dort aus geschickt werden? Die gepflasterte Straße war auf jeden Fall so breit, dass darauf ganze Bataillone ohne Verzögerungen in Gott weiß welchen Krieg marschieren konnten."

Deen rekonstruiert die Geschichte seines Ur-Ur-Urgroßonkels Coenraad

Es ist das Schicksal seines Ur-Ur-Urgroßonkels, das der Schriftsteller und Radiojournalist Mathijs Deen hier anhand einiger Fakten und viel Fantasie rekonstruiert hat. Der niederländische Rekrut musste mit der napoleonischen Grande Armée bis nach Russland ziehen und kehrte, als einer von wenigen, auch wieder zurück. Für Deen ist sein Lebensweg exemplarisch für das Leben in Europa, einem Leben immer in Bewegung.

Geht man in der Zeit nur weit genug zurück, sind alle Europäer aus anderen Gegenden der Welt gekommen. Nicht nur die Menschen, die ihre Fußabdrücke am Strand von Happisburgh hinterlassen haben, sondern auch die Heidelbergmenschen, die Neandertaler und die modernen Menschen. Sie sind nach Europa gelangt, weil ihre Vorfahren auf Reisen gegangen waren.

Aus "Über alte Wege" von Mathijs Deen

Der Autor reiste zu den Fundorten der ersten menschlichen Überreste in Europa

Buchcover - Mathijs Deen: "Über alte Wege - Eine Reise durch die Geschichte Europas"
Das Cover von "Über alte Wege" Bildrechte: Dumont Verlag

Und nicht nur nach, sondern auch innerhalb Europas waren und sind zu allen Zeiten Menschen unterwegs. Eigentlich eine Binsenweisheit. Doch Mathijs Deen macht sie konkret. Acht historisch verbürgte Figuren hat er für "Über alte Wege" ausgewählt. Um von deren Reisen berichten zu können, ist er selbst auf Reisen gegangen. Zu den Fundorten der ersten menschlichen Überreste auf dem europäischen Kontinent, entlang von Elbe und Donau auf den Spuren der Kimbern und ihrem Anführer Boiorix. Beim Anblick eines Gebirgspasses in den Pyrenäen, über den im 17. Jahrhundert Spanier jüdischen Glaubens vor der Inquisition flohen, notiert Deen:

Diese Aussicht, auf das Land dort untern oder, wenn ich mich umdrehe, auf das anfallende Waldland im Norden, ruft heftige Emotionen wach. Ich hatte erwartet, Erleichterung und Hoffnung zu spüren, doch die Aussicht überfällt mich mit dem Gegenteil.

Aus "Über alte Wege" von Mathijs Deen

Eine Mischung aus Reportage und Poesie, ein Geschichts- und Geschichtenbuch

Das Buch ist eine Mischung aus Reportage und Poesie, ein Geschichts- und Geschichtenbuch, durchmischt mit viel Persönlichem. Deen schreibt bildreich und voller Einfühlungsvermögen. Auf den Reisen, die seine Figuren unternehmen, reist der Leser unwillkürlich mit. Und damit - ganz wie es der Titel verheißt - auch auf alten Routen durch die Geschichte des Kontinents.

Unter jedem Fußabdruck auf europäischem Boden liegt ein noch älterer. Unter jeder Straße liegt ein Weg, ein Pfad, den Vorfahren ausgetreten haben, ob als Händler oder Eroberer.

Aus "Über alte Wege" von Mathijs Deen

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte zumindest mit dem Erobern Schluss sein. Der Bau der Europastraßen - ein rund 50.000 km langes Straßennetz - war Ausdruck eines länderübergreifenden Verständigungswillens.

Seit seiner Besiedlung durch Menschen war Europa ein Kontinent voller Konflikte. Wenn die Europäer Artgenossen begegneten, gerieten sie schnell aneinander. Der Gedanke, dass es möglich sein müsste, Konflikte innerhalb Europas zu entschärfen oder sogar zu vermeiden, indem man die verschiedenen Territorien mithilfe guter Verkehrswege füreinander öffnet, erscheint daher beinahe rührend naiv.

Aus "Über alte Wege" von Mathijs Deen

Für Deen auch der Grund, warum dieses asphaltgewordene Ideal eines europäischen Gedankens so wenig populär ist - heutzutage -  vergleicht man es mit nationalen Mythen wie der Route 66 oder der Panamericana. Stattdessen erzählt Deen in seinem Buch vor allem Geschichten von Raub, feindlicher Landnahme und Flucht. Das könnte man einen skeptischen Blick nennen. Vielleicht aber möchte uns der Autor auch einfach dazu animieren mit seinem Buch "Über alte Wege" neue Wege zu finden.

Informationen zum Buch: Mathijs Deen: "Über alte Wege" - Eine Reise durch die Geschichte Europas
Übersetzt von Andreas Ecke
Erschienen im Dumont Buchverlag
416 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 24 Euro
ISBN 978-3-8321-8383-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 08. Mai 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2019, 04:00 Uhr