Psychologie Tonkunstforschung: Was Musik im Gehirn bewirkt

Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ist ein akademischer Koloss: Rund 350 Mitarbeiter stehen hier im Dienst der Spitzenforschung. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Erforschung der Musik. Woher kommt unsere Sehnsucht nach schönen Tönen und welche Kräfte setzen sie in uns frei? Auf der Suche nach Antworten hat MDR KULTUR denen auf die Finger geschaut, die anderen ins Gehirn schauen.

von Felicitas Förster, MDR KULTUR-Reporterin

Ein Neurowissenschaftler und Musikforscher sieht sich mit einem Magnetresonanztomographen aufgenommene Bilder von Hirnströmen an. 61 min
Prof. Tom Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erforscht die Wirkung von Musik auf das Gehirn Bildrechte: dpa

Woher kommt unsere Sehnsucht nach schönen Tönen und welche Kräfte setzen sie in uns frei? Auf der Suche nach Antworten hat MDR KULTUR denen auf die Finger geschaut, die anderen ins Gehirn schauen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 19.02.2019 22:00Uhr 61:29 min

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Tom Fritz wippt von einem Bein aufs andere, links, rechts, links, rechts. Der Stepper unter seinen Füßen wippt brav mit und erzeugt dabei einen treibenden Samba-Rhythmus. Je kräftiger Tom Fritz tritt, desto intensiver die Musik. "Jymmin" nennt sich dieses einzigartige Sportprogramm – musizierende Fitnessgeräte. In seiner Werkstatt stehen an die zwanzig Stück davon. Gefragt nach ihren Effekten verfällt der Professor – immer noch auf dem Stepper – in einen Redeschwall: "Man empfindet das sportliche Training nach sechs Minuten als nur halb so anstrengend im Vergleich dazu, wenn wenn man dieselbe Menge an Training macht und die Musik nur passiv hört."

Leistungsschwimmer seien nach dem Jymmin schneller und selbst Alzheimer-Patienten fänden an dem Musiksport Freude. Und dann war da noch der Versuch mit einer Wachkoma-Patientin. Ihr haben sie den Jymmin-Sensor um den Fuß gelegt, woraufhin sie diesen bewusst bewegt hat:

Das war dann schon sehr erhebend, wenn man dann sieht, dass man da durchdringt - mit der Musik - zu jemandem, wo eigentlich jeder Draht verloren geglaubt ist.

Prof. Dr. Tom Fritz

Für Freud war die Musik ein Rätsel

Was bewegt Musik in unserem Kopf? Diese Frage ist so alt wie die Psychologie selbst. Doch ausgerechnet der Ur-Vater der Psychoanalyse misstraute der rätselhaften Tonkunst. "Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage, sträubt sich in mir dagegen, dass ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin und was mich ergreift“, notierte Sigmund Freud 1914. Als Begründer der Musikpsychologie gilt heute der Berliner Carl Stumpf, der sich noch mit wächsernen Tonwalzen und anderen mechanischen Apparaten behelfen musste.

Gebäudeansicht des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig Bildrechte: MPI CBS

Und so wäre er beim Anblick heutiger Messgeräte wohl vor Neid erblasst. "Da kann es einem die Schuhe anheben; da ist ja häufig Metall drin", erzählt Radiologie-Assistentin Sylvie Neubert und meint damit die hochauflösenden Magnetresonanztomographen, mit denen sie am Max Planck Institut arbeiten, deren Stärke man manchmal noch im Vorraum spüren könne. Gerade liegt ein Pianist in einem der Geräte. Er spielt auf einem Mini-Klavier, und zwar im Duett mit einem zweiten Pianisten. "Es geht dabei darum zu schauen, wie sie sich synchronisieren", erklärt Doktorandin Natalie Kohler, die diesen aufwendigen Versuch erdacht hat.

Ein weites Forschungsfeld

Ob zur Behandlung von Sprechstörungen oder zur Eingliederung autistischer Kinder – für ihre Erkenntnisse sehen die Forscher eine ganze Reihe an Einsatzmöglichkeiten. Es dürften in Zukunft sogar noch mehr werden, folgt man dem Neurologen Stefan Kölsch: "Wir haben bis jetzt, glaub ich, erst an der Oberfläche gekratzt und gesehen, wie groß das Potenzial tatsächlich ist." Es gäbe keinen Teil des Gehirns, der nicht durch Musik beeinflusst werden könne.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 04:00 Uhr

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