Buchcover - Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie
Buchcover - Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Sachbuch "Wo wir zu Hause sind" Wenn Familiengeschichte wie ein Pendel zurückschwingt

Der Journalist und Schriftsteller Maxim Leo beneidete schon als Kind andere für ihre großen Familien. Dann erzählte ihm seine Mutter von Nina und Hanan in Israel, von Ilse, Heinz und Susi in Wien, von André in London, Hilde in Chicago. Leos Familie war auf der Flucht vor den Nazis in alle Winde zerstreut worden. In "Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie" begibt sich Leo nach seinem Bestseller "Haltet euer Herz bereit" erneut auf Spurensuche und lernt Kinder und Enkel kennen - und spürt eine ungeahnte Nähe.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Buchcover - Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie
Buchcover - Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Ilse, Hilde und Nina, drei Frauen aus der Generation seiner Großeltern sind es, deren Leben Maxim Leo in "Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie" nachspürt. Drei Frauen aus einer weitverzweigten Berliner Familie, deren Mitglieder in den 30er-Jahren in alle Windrichtungen verstreut werden, nach Israel, England, Österreich und in die USA. In Berlin bleibt von Familie Leo nur ein schmaler Zweig übrig und schon früh bemerkt Maxim Leo, dass ihm etwas fehlt.

Auszug aus "Wo wir zu Hause sind" Als Kind habe ich Menschen mit großen Familien beneidet, alles schien so warm und selbstverständlich zu sein, wie ein Nest, aus dem man nicht herausfallen kann. Meine eigene Familie kam mir dagegen zerbrechlich vor. Meine Mutter erzählte mir manchmal von den anderen, von Nina und Hanan in Israel, von Ilse, Heinz und Susi in Wien, von André in London, Hilde in Chicago. Ich fragte, warum sie denn alle so weit weg wohnen. Meine Mutter sagte, früher habe unsere ganze Familie in Berlin gelebt, aber dann seien die Nazis gekommen und hätten alle vertrieben, die jüdisch oder kommunistisch waren. Vom Kommunismus hatte ich schon gehört, schließlich lebten wir in der DDR. Aber was waren Juden?

Hilde führt ein schillerndes Leben wie in "Babylon Berlin"

Da ist zum Beispiel Hilde, sie führt von allen Leos wohl das schillerndste Leben, eines, das leicht Platz hätte in "Babylon Berlin". Als junge Frau spielt sie Theater, tummelt sich in der Berliner Bohème und verliebt sich in den bekannten Nervenarzt Fritz Fränkel. Der experimentiert mit Drogen, ist der beste Freund des Philosophen Walter Benjamin und dazu ein glühender Sozialist. Als Fränkel vor den Nazis flieht, folgen ihm Hilde und ihr kleiner Sohn André nach Paris, das längst zum Dreh-und Angelpunkt deutscher Exilanten geworden ist:

Auszug aus "Wo wir zu Hause sind" "Walter Benjamin, der rechts neben Arthur Koestler lebt, kann nur nachts schreiben, weil ihn am Tag das Licht und die Geräusche der Stadt stören. Gegen fünf Uhr morgens badet Benjamin, was Hilde oft aus dem Schlaf schrecken lässt, da das Abflussrohr durch ihr Schlafzimmer führt und es sich jedes Mal so anhört, als würde das ganze Haus weggespült. Tagsüber schläft Walter Benjamin sehr lange, und wenn Hilde ihn manchmal gegen Mittag im Treppenhaus trifft, sieht er in seinem rostroten Bademantel, mit den wirren Haaren und den geschwollen Augen wie ein Zeitreisender aus. Die anderen Hausbewohner nennen ihn 'den Waldgeist'."

Nina wagt den Neuanfang in Palästina

Hilde wird es später nach London und noch später nach Chicago verschlagen. Ihr Sohn André wird in Oxford studieren und ein anerkannter Wissenschaftler werden, der jedoch noch im hohen Alter davon spricht, dass in ihm immer ein Rest Heimatlosigkeit geblieben ist. Ganz anders Hildes Schwester Nina, die mit ihrem Mann Hans früh nach Palästina ausreist, um sich dort mit bloßen Händen eine neue Existenz aufzubauen. Es ist Ninas Tochter Michal, die hier die Brücke zwischen den Generationen schlägt.

Auszug aus "Wo wir zu Hause sind" "Zwei Tage bevor ich nach Israel fahren wollte, starb Michals Tochter Yael an Krebs. Ich überlegte, die Reise zu verschieben, weil ich die Familie nicht in ihrer Trauer stören wollte. 'Blödsinn', sagt Michal mit ihrer rauen Stimme am Telefon, 'da sieht man mal wieder, dass ihr Jeckes aus Berlin nicht die geringste Ahnung vom Judentum habt.' Sie erklärte, als Verwandter müsse man gerade jetzt kommen, um Schiwa zu halten. 'Du willst doch deine Familie kennenlernen, Komm!'"

Ilse schließt sich der Résistance an

Und schließlich ist da Ilse, eine Cousine von Hilde und Nina. Sie durchlebt das französische Internierungslager Gurs, schließt sich der Résistance an und lebt später in Wien. Doch, das sei betont, Maxim Leos Impuls, sich seiner Familiengeschichte zu widmen, ergibt sich gerade nicht nur aus Erinnerungen und Reisen. Denn während Ilse, Hilde und Nina nie nach Deutschland zurückgekehrt sind, tun das nun ihre Enkel, manche nur für kurze Zeit, andere um zu bleiben, und Maxim Leo erlebt bei sich und ihnen eine ungeahnte Nähe.

Die Geschichte meiner Familie scheint wie ein Pendel zu sein, das langsam zurückschwingt.

Maxim Leo in "Wo wir zu Hause sind"

Eine Brücke zwischen den Generationen

Maxim Leo
Maxim Leo Bildrechte: Paulus Ponizak

Mit viel Einfühlungsvermögen und Wärme erzählt Maxim Leo von den unterschiedlichen Lebenswegen seiner Vorfahren und lässt doch auch die dunklen Stellen nicht aus, die Traumata der vor den Nazis Geflohenen, ihre Ruhelosigkeit und Verlorenheit, die sich auch in den folgenden Generationen zeigt. Dieses Thema der transgenerationalen Epigenetik ist natürlich nicht neu. Doch das erzählerische Talent von Maxim Leo macht es in seinem Buch besonders leicht zugänglich. So kann man "Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie" durchaus auch als Aufforderung verstehen, sich einmal selbst auf Spurensuche zu begeben, die Geschichte und Geschichten der eigenen familiären Vergangenheit zu erkunden, um ihre Gegenwart besser zu verstehen.

Informationen zum Buch Maxim Leo: "Wo wir zu Hause sind. Die Geschichte meiner verschwundenen Familie"
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
368 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-462-05081-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 13. Februar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 04:00 Uhr

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