Gespräch Michael Maul fühlt sich in verstaubten Archiven lebendig

Michael Maul
Michael Maul, Musikwissenschaftler und Bachfest-Intendant Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum fühlt sich Michael Maul in verstaubten Archiven lebendig? Weil er dort Entdeckungen macht. Wie damals, als er 2001 Johann Sebastian Bachs Arie "Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn" in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar entdeckte. Da war die Aufregung groß: Er musste das erste Interview seines Lebens geben, gleich für die Tagesschau, und immer wieder seine Entdeckung für die Fernsehsender aus aller Welt nachspielen. Und dann bekam er eine Stelle im Bach-Archiv Leipzig. Maul entdeckte noch weitere unbekannte Notenhandschriften von Johann Sebastian Bach. Er forscht und forscht und weiß:

Die größten Entdeckungen sind wahrscheinlich dort zu machen, wo man sie nicht vermutet.

Michael Maul

Die Bach-Arie blieb nur deshalb so lange unentdeckt, weil sie nicht Teil der Musikaliensammlung war. Sie war Bestandteil einer Huldigungsschrift eines Pfarrers aus Buttstedt an den Weimarer Herzog. Maul sah damals alle Weimarer Huldigungsschriften durch, an die 1.000 Stück. Und es war ein furchtbar langweiliger Tag, und er hätte auch diesen Titel beinahe zur Seite gelegt. Doch beim Durchblättern entdeckt er die Noten und dachte: "Oh Gott, das sieht aus wie Bach!", denn er kannte seine Handschrift.

Zeitgenossen auf der Spur bleiben

Es kommen immer wieder kleine Puzzleteile dazu, die das Gesamtbild verändern - das macht die Bachforschung spannend.

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Bach-Museum und Bach-Archiv in Leipzig, 2010
Bach-Museum und Bach-Archiv in Leipzig Bildrechte: IMAGO

So sucht er seit Jahren nach Tagebüchern von Menschen die damals nach Leipzig reisten. Einmal stieß er auf das Tagebuch eines thüringischen Studenten, der davon schrieb, wie er Karfreitag, im Jahr 1736, in der Thomaskirche saß, als Bach das erste Mal seine finale Fassung der Matthäuspassion aufführte. Der hatte lang und breit über die Predigt geschrieben und der Pulsschlag des Forschers Maul erhöhte sich bereits. Doch dann stand darunter nur ein Satz: "Und davor und danach wurde die Passion musiziert." Mehr nicht. Die Suche nach Zeitzeugnissen von Bachs Aufführungspraxis geht also weiter. Michael Maul verfolgt Spuren von den Menschen, die nahe an Bach dran, die unzähligen Thomas- und Privatschüler, die zu dem großen Komponisten Kontakt hatten.

Wie stellt sich Michael Maul Bach vor?

Ich bin mir schon sicher, dass er geahnt hat, dass er anders ist als die meisten. Dass er tief in sich wusste: Er schreibt eine besondere Art von Musik.

Michael Maul

Zu seinem persönlichen Bild von Bach gehört für Maul, dass der Komponist gern unter seinesgleichen weilte, unter Leuten, die seine Sprache - seine Musik - verstanden. Er tauschte sich gern mit Musikern aus. In anderen Kreisen, wie z. B. im Leipziger Stadtrat, hätte er sich nicht wohlgefühlt, weil es da auch immer Schwierigkeiten gab, wenn ihm etwas aufgezwungen wurde, was seinem künstlerischen Verständnis zuwider lief. Dann igelte sich Bach ein, meint Maul, zog sich in ein Schneckenhaus zurück. Und irgendwann hätte Bach dann nur noch Dienst nach Vorschrift erledigt. Schade sei es, dass Bach da nicht in der Lage war, sich mit seinen "Feinden" an einen Tisch zu setzen und Kompromisse auszuhandeln. Dann hätte er uns am Ende vielleicht noch mehr wundervolle Musik geschenkt, so Maul.

"Bach zieht total!" im "Bayreuth Bachs"

Nicht nur für die Bachforschung arbeitet Michael Maul unermüdlich. Als Intendant des Bachfestes Leipzig muss er auch die Musik von Bach vermarkten, er muss mit Musik Geld machen - geht das überhaupt als passionierter Musikliebhaber?

Ich hab eine grenzenlose Begeisterung für Bachs Musik, und diese Freude möchte ich gern teilen. Jetzt habe ich die Chance, dieses große Bach-Festival zu gestalten, was nun an diesem zentralen Bach-Ort stattfindet, wo die beiden Kirchen sind, wo die berühmtesten Werke uraufgeführt worden sind - das Bayreuth Bachs. Jedes Jahr reisen bei uns Gäste aus 35 - im letzten Jahr sogar 42 - Ländern an, und denen ein Programm zu präsentieren, was ihre Begeisterung vielleicht nochmal steigert, das ist natürlich eine herrliche Aufgabe.

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Ein Schild mit der Aufschrift Bach in Leipzig an der Autobahn 14
Die Bach-Stadt Leipzig lädt zum Bachfest Bildrechte: dpa

Doch die besten Ideen nützen nichts, wenn sie nicht bezahlbar sind, sagt Maul. Das beste inhaltliche Konzept ist ein bestmöglicher Kompromiss aus mehreren Zutaten. Da können auch die neuesten Erkenntnisse der Forschung einfließen, und wichtig sei auch ein gut vermittelbares Marketingkonzept mit einer leicht verständlichen Botschaft. Ein gutes Beispiel für diese Mischung dafür sei der "Leipziger Kantaten-Ring", das Bach-Ereignis 2018: 30 geistliche Kantaten von Bach werden zyklisch in neun Konzerten und einer Motette an einem Wochenende aufgeführt, wechselweise in Thomas- und Nikolaikirche und angeordnet nach ihrer Bestimmung im Kirchenjahr – vom 1. Advent bis zum 27. Sonntag nach Trinitatis.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft ... | 02. Juni 2018 | 11:05 Uhr