Dresden: Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung in einem Schrank.
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Miniaturtheater Das steckt hinter Rainald Grebes "Weltmaschine"

Rainald Grebe lädt am 21. September zur Premiere ins Puppentheater Halle: In "Die Weltmaschine" reaktiviert er gemeinsam mit dem Bühnenbildner Joachim Damm ein altes mechanisches Theater, ein sogenanntes "Theatrum mundi". Diese Theatermaschinen waren im 19. Jahrhundert die Attraktion auf den Jahrmärkten. Mareike Wiemann hat sich mit Joachim Damm und dem Puppenbauer Martin Gobsch aus Erfurt unterhalten – und mit ihnen zurück in die Geschichte geschaut.

Mareike Wiemann
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von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Dresden: Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung in einem Schrank.
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Die Krämerbrücke in Erfurt: Touristen und Schülergruppen schlendern über das alte Kopfsteinpflaster, begutachten die verschiedenen Läden, bewundern die schiefen alten Fachwerkhäuser. Auch ein auf den ersten Blick unscheinbares Fenster zieht viele von ihnen an: Darin befindet sich ein mechanisches Theater - wirft man eine Münze ein, öffnet sich der Umhang einer bösen Königin, und die Geschichte von Schneewittchen wird erzählt.

Eine alte Frau reicht Schneewittchen einen Apfel, unten im Berg schürfen Zwerge nach Gold, in der Ferne reitet Schneewittchen mit dem Prinzen davon. All das gleichzeitig, und ohne Worte oder Geräusche. Gestaltet hat diese Welt der Theaterplastiker Martin Gobsch: "Ich habe versucht es zu entwerfen. Also es gibt natürlich einen gestalterischen Entwurf, eine Zeichnung dazu. Wo das Bild schon geklärt wurde. Aber die Mechanik konnte ich irgendwann nicht mehr darstellen. Das wurde dann zu komplex. Deswegen habe ich einfach angefangen zu bauen."

Die Tradition des mechanischen Theaters

Martin Grobsch
Martin Grobsch Bildrechte: Steve Bauerschmidt

Gobsch fing einfach an - und merkte erst später, dass er sich in einer Tradition befand: "Ich habe mich erst damit beschäftigt, nachdem ich meins schon gebaut hatte. Dass es ja offenbar im Mittelalter und später dann im 19. Jahrhundert noch mal so eine richtige Hochzeit gab auf den Jahrmärkten. Entweder einzelne mechanische Theater mit Kurbel als Hauptattraktion, oder es wurde in Puppentheatern so als Pausenfüller eingebaut."

In der Tat - auch wenn es heute in Vergessenheit geraten ist - schon im 16. Jahrhundert gab es erste mechanische Theater, mit denen vor allem biblische Geschichten dargestellt wurden. Weil aber für jede Szene eine komplette Maschine gebraucht wurde, das gesamte Stück also viel Platz einnahm und schlecht mit dem Fuhrwerk von Stadt zu Stadt transportiert werden konnte, setzten sie sich nicht durch.

Die Theatermaschine von 1700

Um 1700 aber erfand ein Hamburger, ein gewisser Johann Samuel Brede, eine Theatermaschine, auf der die Figuren gewechselt werden konnten: Die Maschine bestand aus einer Reihe von parallel angeordneten Schienen, die sich in verschiedene Richtungen bewegten. Die Figuren standen zudem auf Rädern, die sich drehen konnten - so wurden exzentrische Bewegungen erzeugt. Für den Bühnenbilder Joachim Damm macht dieses Prinzip den Reiz der mechanischen Theater aus - auch heute noch.

Ich denke mal, dass für den Zuschauer die Faszination wirklich darin besteht, Dinge auf dieser Bühne zu sehen, die sich eben in echt bewegen. Und man fragt sich - wie geht das eigentlich? Warum hebt sich der Arm von der Figur, nur weil sich ein Rädchen dreht?

Joachim Damm, Bühnenbildner

Die Menschen im 19. Jahrhundert waren begeistert von diesen Theatern: Auf den Jahrmärkten waren sie die prächtigsten und schönsten Geschäfte: Ein Orchester spielte im Hintergrund, es gab Lichteffekte, Explosionen, Qualm. Oft wurden historische Ereignisse nachgespielt: die Schlacht von Waterloo etwa, das Erdbeben von Lissabon oder der Karneval in Venedig - fast eine Art analoge Wochenschau. Und wenn der König von Sachsen sich damals volksnah geben wollte, dann besuchte er solch ein Theater auf der Leipziger Messe oder der Dresdner Vogelwiese.

Theatrum Mundi vom Kino verdrängt

Joachim Damm
Bühnenbildner Joachim Damm Bildrechte: dpa

Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts schwand die Popularität des Theatrum mundi: "Die Puppentheater, die dieses Theatrum mundi benutzt haben, die sind ja dann alle eingegangen, weil dann das Kino in Mode kam. Und dann sind eben die Leute auf dem Dorf ins Kino gegangen. Und sie sind alle gestorben, sind einfach von der Bildfläche verschwunden."

So fristeten die mechanischen Theater nur noch ein Nischendasein - Puppenspieler setzten sie etwa nach der eigentlichen Aufführung ein. Im zweiten Weltkrieg dann gab es keine Gurtbänder mehr zum Antrieb der Maschinen - und bald danach verbot die DDR privates Marionettentheater. So geriet das Theatrum mundi in Vergessenheit.

Joachim Damm: "Ich hab mich während des Studiums damit beschäftigt, hab dann in Radebeul in der Puppentheatersammlung mir die Originale angeschaut, hab mir abgezeichnet wie die Technologie funktioniert. Und dann 1995 das erste wiederbelebte Theatrum mundi gebaut."

Alter Zauber in der digitalen Welt

Auch diese Theatermaschine verschwand nach einigen Jahren - sie lagerte zuletzt in einem Schiffscontainer in Neubrandenburg. Bis Joachim Damm sie gemeinsam mit Rainald Grebe wieder reaktivierte und weiter entwickelte. Gerade in unserer heutigen digitalen Welt, sagt er, gewinne das Theatrum mundi an Bedeutung.

Es gibt keinen Zauber mehr in dem Sinne. Oder kein Staunen. Und das ist, glaube ich, was bei dem mechanischen Theater auf alle Fälle noch stattfindet. Dass man noch staunt.

Joachim Damm

"Ich glaub, da gibt's auch einfach ne Sehnsucht danach. Das gibt's ja kaum noch, dass Leute mit ihren Händen Dinge erschaffen, die man dann betrachten kann. Das hat ja so ne gewisse Wahrhaftigkeit, die ja sonst heutzutage durch Bildschirme jeglicher Art nicht mehr da ist", sagt Martin Gobsch. Er erlebt auf der Erfurter Krämerbrücke jeden Tag, was sein Theatrum Mundi auslöst: Wenn sich Kinder die Nase an der Scheibe platt drücken - und nach einem Ablauf darum betteln, die nächste Münze einwerfen zu dürfen.

Das Theatrum Mundi im Radio:

Reinald Grebe vor der Weltmaschine 5 min
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"Die Weltmaschine" von Rainald Grebe am Puppentheater Halle - eine Reportage vom Probenstart von Yasmin Vorndran-Ahmadiar.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 04:37 min

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Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena 8 min
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Theatermacher Rainald Grebe im Interview mit MDR KULTUR-Radiomoderatorin Ilka Hein über sein Stück "Die Weltmaschine" am Puppentheater Halle.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 08:22 min

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Dresden: Figuren eines mechanischen Miniaturtheaters, auch Theatrum mundi genannt, stehen in der Puppentheatersammlung in einem Schrank. 6 min
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MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky über das "Theatrum Mundi" von Rainald Grebe.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 06:11 min

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Häuserzeile mit Brückenbögen unter dem Fundament 5 min
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Mareike Wiemann hat ein kleines Theatrum Mundi auf der Erfurter Krämerbrücke entdeckt. Ein Besuch vor Ort.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.09.2019 18:05Uhr 05:00 min

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Neue Theaterproduktionen der Spielzeit 2019/2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. September 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 04:00 Uhr

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