Ein Kälbchen mit Marken an den Ohren.
Wie viel ist den Deutschen ihr Fleisch wert? Laut einer Studie der Universität Osnabrück greifen zwei Drittel der Konsumenten zum billigsten Fleisch und nur 11 Prozent zu Biofleisch. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Interview mit einem Agrarwissenschaftler Mehr Geld ausgeben für das Wohl der Tiere?

Besseres Fleisch durch eine höhere Mehrwertsteuer? Für den Vorschlag einiger Grünen- und SPD-Politiker gibt es viel Gegenwind, auch aus den eigenen Reihen, aber alle verbindet: Wir brauchen eine bessere Nutztierhaltung in Deutschland. Die Frage ist, ob teureres Fleisch tatsächlich etwas bringen würde und ob das dem Klimaschutz und Tierwohl wirklich hilft. Und überhaupt: Sind die Deutschen überhaupt bereit, mehr Geld für dieses Grundnahrungsmittel auszugeben? Darüber spricht MDR KULTUR mit dem Agrarwissenschaftler Ulrich Enneking von der Universität Osnabrück.

Ein Kälbchen mit Marken an den Ohren.
Wie viel ist den Deutschen ihr Fleisch wert? Laut einer Studie der Universität Osnabrück greifen zwei Drittel der Konsumenten zum billigsten Fleisch und nur 11 Prozent zu Biofleisch. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

MDR KULTUR: Ulrich Enneking ist Professor für Agrarmarketing an der Hochschule Osnabrück. Er hat ein Experiment gestartet und Konsumenten zwischen Fleisch in drei verschiedenen Preisklassen entscheiden lassen: dem klassischen Discounter-Billigfleisch, einem mittelpreisigen Fleisch mit dem Hinweis, es gehe hier besonders ums Tierwohl und Biofleisch. Zwei Drittel der Konsumenten griffen zum billigsten Fleisch, 18 Prozent nahmen das mittelpreisige und nur 11 Prozent das Biofleisch. Herr Enneking, mit dieser Untersuchung konnten Sie zeigen, dass Menschen, die von sich sagen, dass sie gern mehr Geld für hochqualitatives Fleisch ausgeben würden, es am Ende doch nicht tun. Also welches Argument müsste man denn anführen, wenn man Fleisch teurer machen will, damit es auch wirklich gekauft wird?

Ulrich Enneking: Das ist eine wichtige Frage, weil Menschen beim Kauf ja nicht nur von rationalen Erwägungen getrieben werden, sondern sie werden auch von Emotionen sehr stark geleitet. Und ich habe keine Tiere vor Augen, wenn ich dieses Fleischprodukt kaufe. Deswegen kann man vielleicht als Empfehlung geben, diese Emotionalität – also das Fleisch an sich als regionale Ware, als besonders tolle Rasse, als besonders schmackhaftes Stück – zu kombinieren mit dem Tierwohl. Das ist, glaube ich, eine Strategie, die funktionieren könnte, zumindest, um kaufkräftigere Kunden anzusprechen.

Müssen es denn kaufkräftigere Kunden sein oder können es Kunden sein, die dennoch auf den Euro gucken?

Es gibt sicherlich in allen gesellschaftlichen Schichten Personen, denen das Tierwohl am Herzen liegt. Ich würde da gar keinen Unterschied vom Einkommen her machen. Die Verbraucher haben natürlich auch noch andere Probleme: Zum Beispiel sind sie vielleicht gar nicht sicher, dass das Label, das da auf dem Produkt ist, wirklich eine große Wirkung erzielt oder dass es tatsächlich ein seriöses Angebot für die Tiere ist oder dass ich mit meinem einzelnen Kauf überhaupt einen großen Hebel in Richtung Tierwohl ansetze. Sprich: Bewege ich wirklich viel? Das sind natürlich Erwägungen, die da auch mit reinspielen und das ist übrigens auch ein Grund, weswegen dann manchmal in Befragungen und im tatsächlichen Handeln auch Unterschiede liegen.

Fleischtheke in einem Supermarkt
Aus Sicht des Agrarwissenschaftlers Enneking, sind Menschen eher an ihre Region gebunden und würden deshalb möglichweise auch mehr Geld für regionales Fleisch ausgeben. Das Argument sei aus seiner Sicht gewichtiger, als das allegemeine Argument, etwas Gutes für die Umwelt tun zu wollen. Bildrechte: dpa

Sie haben bereits angesprochen, dass man möglichweise das geschmacklich Bessere mit dem ethisch Besseren verbinden könnte.

Genau und insbesondere auch mit Regionalität. Gerade in diesem Spannungsfeld Regionalität und Bioproduktion stellen wir teilweise fest, dass bei der Regionalität aufgrund der emotionalen Bindung zur Region – Stichwort Heimat – eine größere Nähe da ist. Das ist mehr als nur dieses technische Argument, ich tue etwas Gutes für die Umwelt.

Nun wird ja generell über eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung für Fleisch diskutiert. Da gibt es ein paar Grünen-, ein paar SPD-Politiker, die sich dafür eingesetzt haben, es gibt aber auch viel Gegenwind. Was würden Sie denn sagen als Agrarwirtschaftler: Wäre die Steuererhöhung ein probates Mittel, um das Tierwohl in Deutschland zu verbessern?

Es kommt natürlich darauf an, welche Ansprüche ich jetzt ans Tierwohl stelle. Aber wenn ich möchte, dass es den Tieren etwas besser geht, dann kann es durchaus Konzepte geben, die gar nicht so unwahrscheinlich viel kosten, wo aber trotzdem das Geld dafür einfach nicht da ist. Und wenn ich an solche Dinge denke und ich nehme theoretisch Einnahmen aus der Mehrwertsteuer und gebe sie direkt in diese Produktion als Hilfe für Landwirte, die das da verbessern wollen, dann würde ich erstmal sagen, auf der rein produktionstechnischen Ebene ist das gar nicht so eine schlechte Idee. Aber ich muss ja auch überlegen, was will ich sonst damit bezwecken?

Also ich glaube zum Beispiel aus der Verbrauchersicht wird es keine besonders große Lenkungswirkung haben. Klar, von 7 auf 19 Prozent meinetwegen, das ist schon ein gewisser Sprung der Mehrwertsteuer, aber wenn man bedenkt, wie billig teilweise auch Sonderangebote von Fleisch auch unterhalb es normalen Preiskorridors angeboten werden, dann wird das immer noch billig bleiben. Ich glaube, dass dann gar nicht der Effekt so riesig groß sein wird – Punkt eins. Punkt zwei: Das würde ja im Prinzip alle Fleischsorten, ob Biofleisch oder Billigfleisch, gleichermaßen betreffen. Das heißt, wenn sich das gesamte Preislevel von Fleisch einfach nur nach oben bewegt, dann würde ich zumindest in der Verhaltenssteuerung nichts erwarten beim Verbraucher.

Sarah Dhem, Geschäftsführerin des Unternehmens Kalieber, steht in ihrem Laden hinter der Fleischtheke und verkauft einer Kundin eine Packung Würstchen.
Der Agrarwissenschaftler Ulrich Enneking meint, dass die aktuelle Steuerdebatte ums Fleisch eine weitere soziale Spaltung provoziert. Bildrechte: dpa

Ein weiterer Punkt, der natürlich noch kritisch zu betrachten ist, ist die politische Debatte: Will man wirklich diese Debatte führen, um zu sagen, ich besteuere jetzt ein – ja, ich sage jetzt doch mal: Grundnahrungsmittel – was in Deutschland aus der Perspektive nicht so wohlhabender Familien möglicherweise der kleine Luxus des Alltags ist? Will ich das jetzt gerade nehmen, um ökologische Fragen zu lösen? Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Also ich sehe da ganz groß betrachtet Potential, die Gesellschaft noch weiter zu spalten. Politisch hätte ich da Bauchschmerzen.

Andererseits brauchen wir Mittel und Wege, um die Tierhaltung in Deutschland zu verbessern.

Genau, aber dieser Weg wäre kein Weg, der die Verbraucher in irgendeiner Weise erzieht, da bin ich relativ überzeugt. Und es geht dabei ja nur um eine Geldbeschaffung, um die Landwirte zu unterstützen in der Art ihrer Tierhaltung – und diese Geldbeschaffung, die würde ich mit einem anderen Weg regeln, weil ich dann nicht gleichzeitig diese Sozialdebatte mit hineinbringe.

Das Interview mit Prof. Dr. Ulrich Enneking, Professor für Agrarmarketing an der Universität Osnabrück, führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2019, 11:39 Uhr

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