Lutz Seiler und Jörg Schieke (2. und 3. von links)
Auf Hiddensee spielt der Roman "Kruso" von Lutz Seiler und hier verbrachte auch Jörg Schieke mehrere Sommer als Saisonarbeiter. Henryk Gericke, Lutz Seiler und Jörg Schieke (v.l.n.r.) bei einer Lyrik-Lesung 1993 in Berlin. Bildrechte: privat

Ein persönlicher Blick zurück Mit Kruso auf Hiddensee

Lutz Seilers Roman "Kruso" ist ein Bestseller, der nun auch verfilmt wurde und im Ersten zu sehen ist. An die Zeit auf der Ostseeinsel Hiddensee, die im Roman beschrieben wird, erinnert sich auch MDR KULTUR-Autor Jörg Schieke. Auch er arbeitete damals als Saisonkraft auf Hiddensee und findet daher viele Anknüpfungspunkte zu den Schilderungen des Buches. Und ihn verbindet eine ganz persönliche Beziehung zu Lutz Seiler.

Lutz Seiler und Jörg Schieke (2. und 3. von links)
Auf Hiddensee spielt der Roman "Kruso" von Lutz Seiler und hier verbrachte auch Jörg Schieke mehrere Sommer als Saisonarbeiter. Henryk Gericke, Lutz Seiler und Jörg Schieke (v.l.n.r.) bei einer Lyrik-Lesung 1993 in Berlin. Bildrechte: privat

So klein war sie ja gar nicht, die DDR, immerhin zählte sie 17 Millionen Köpfe, und in einen jeden Kopf passten ziemlich viele Gedanken hinein. Man musste es dann noch wagen, diese Gedanken herauszulassen – auch wenn sie vielleicht nicht mit den vom Staat verordneten, hundertmal durchgekauten Ideen übereinstimmten. Das, so glaube ich, ist die zentrale Idee des Romans "Kruso" von Lutz Seiler: Die Freiheit (oder, eine Nummer kleiner, das Glück) ist dort am größten, wo sie sich ihre eigenen Gebote schafft.

Natürlich gab es unter den Saisonarbeitern auf der Insel Hiddensee etliche, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, es gab Studienabbrecher und Leute, die für das Fernsehen der DDR Filme gedreht hatten und nun als Küchenhilfe in einer der Hiddenseer Gaststätten Kartoffeln schälten.

Dazu gab es die, die weder Aussteiger noch Ausreiser waren, die vielleicht nach einer Freiheit suchten, von der sie so recht gar kein Bild hatten. So könnte es gewesen sein, und je enger die äußeren Grenzen in einem Land gezogen sind, desto mehr Phantasie braucht es, sie innen, im Kopf, zu überwinden.

Das Glück der Saisonkräfte

Auf der Insel Hiddensee, auf dem "Klausner", im "Enddorn", in der "Inselbar" oder im "Dornbusch" (allesamt Gaststätten bzw. Ferienheime in Kloster/ Hiddensee) gab es keine FDJ-Versammlungen und keinen Kampf um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" - und doch haben wir ziemlich hart gearbeitet in diesen Sommern auf Hiddensee. Lutz Seiler beschreibt diese Abwaschorgien in der Küche der Gaststätte "Zum Klausner" ja sehr plastisch in seinem Roman. Das war sie eben, die Freiheit der Selbstbestimmung, das Glück, mit zu denen zu gehören, die aus freien Stücken auf einer Insel lebten und auf dieser Insel nur Quartier und guten Lohn bekamen, wenn sie den Laden von früh bis spät am Laufen hielten.

Ansichtskarte Gaststätte 'Zum Klausner'
Ansichtskarte der Gaststätte "Zum Klausner" auf Hiddensee Bildrechte: privat

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie wir in den Mittagsschichten hunderte Teller durchs Abwaschwasser zogen, und manchmal war dieses Wasser wohl fettiger als die Soljanka, die die Kellner tablettweise auf den Freisitz schleppten. Jeder war auf den anderen angewiesen, denn wenn wir keine Stapel mit sauberem Geschirr rüber zu den Köchen schoben, hatten die wiederum nichts, worauf sie ihre Schnitzel und Bouletten packen konnten. Einem Abwäscher, der sein Pensum nicht schaffte, konnte dann schnell mal eine Tasse an den Kopf fliegen, durchaus als Spaß, aber doch auch als klare Botschaft zu verstehen.

Aussteiger hin und Aussteiger her, am Ende wollten wir alle Geld verdienen, und je mehr Gäste bedient wurden, desto mehr Trinkgeld und Zuschläge gab es für die Saison-Kräfte. Viele von meinen damaligen Kollegen verdienten in den fünf Saison-Monaten so viel, dass es auch für den Rest des Jahres reichte; sie überwinterten in Berlin, Leipzig, Halle oder sonstwo und kehrten im April, zur neuen Saison, zurück auf die Insel.

Solidarität und Vertrautheit

Kruso (Albrecht Schuch) und Karola (Anja Schneider) mit Schiffbrüchigen auf Klausner-Terrasse
Szene aus dem Film "Kruso" Bildrechte: MDR/UFA Fiction/Lukas Salna

Andererseits, und auch das ist im "Kruso" nachzulesen, erwuchs aus diesem täglichen Gefecht an den Pfannen und Tabletts und Abwaschbecken eine feine Solidarität und Vertrautheit, ein geheimes Wissen, das nur unter den Eingeweihten (den Saison-Kräften eben) herumgeisterte. Die anderen, die Urlauber, hatten auf der Insel ein paar schöne Tage oder Wochen am Strand und fuhren dann auf den Fahrgastschiffen der "Weißen Flotte" zurück zu ihren Seminargruppen oder in ihre Betriebe. Wir aber standen jeden Tag am Abwaschbecken oder schleppten die Teller und Biergläser raus.

Abends, nach der Schicht, war es dann um so schöner: Irgendwo, in einer der Kneipen oder am Lagerfeuer am Strand, wurde immer gefeiert, und welch ein Glück, nach dem Fest im eigenen Zimmer ins eigene Bett zu sinken. Es stimmt schon, auf Hiddensee wurde ausgiebig geliebt und gefeiert, aber eine sozusagen organisierte Versorgung mit Schlafplätzen für freiheitssuchende Tagestouristen (oder gar einen Tausch: Quartier gegen Sex) durch die Saisonkräfte hat es nicht gegeben.

Realität, verpackt in wunderschöner Literatur

Leuchturm von Hiddensee in Abendstimmung.
Leuchturm von Hiddensee Bildrechte: IMAGO

Dieser Aspekt des Kruso-Romans, wie manch andere Episode auch, ist wunderschöne Literatur, von Lutz Seiler eingefügt in all die Hiddenseer Realien und Saison-Geschichten. Natürlich haben wir immer mal Freundinnen oder Freunde bei uns übernachten lassen - und im unglücklichsten Fall wummerte dann morgens der örtliche ABV an die Tür und stürmte mit zwei Grenzsoldaten in unsere Zimmer. Das Delikt hieß "illegale Beherbergung", denn auf Hiddensee durfte nur übernachten, wer als Urlauber, Einheimischer oder Saison-Arbeiter dort angemeldet war.

Lutz Seiler, in seinem Roman, beschreibt den Sommer und Herbst des Jahres 1989, und tatsächlich sind die großen politischen Aufbrüche dieses Jahres zunächst ein Stück weit an der Insel und uns Saison-Leuten vorbeigezogen. Ist das vielleicht ein Beweis dafür, dass wir hier, auf dieser Insel, so glücklich waren? Dass wir die neue, sich anbahnende politische Freiheit gar nicht so recht ernst genommen haben, weil wir uns ja unsere eigene Insel-Freiheit geschaffen hatten? Bis heute ist es mir immer ein wenig unangenehm, wenn die Saison-Kräfte von damals auf der Insel Hiddensee ganz allgemein als "Aussteiger" bezeichnet werden. Aussteiger, das klingt so, als wären wir mit allem schon fertig gewesen. Als wollten wir nur in Ruhe gelassen werden. Als hätten wir, müde und resigniert, nur wehmütig aufs Meer geschaut.

Arbeitsvertrag mit Inselbar Kloster
Jörg Schiekes Arbeitsvertrag mit der Inselbar Kloster. Bildrechte: privat

Ein Kunstwerk von einer Landschaft

Aber eigentlich - und darin bin ich mir einig mit Lutz Seiler - wollten wir mit aller Kraft zu etwas hin - das wir in seiner schönsten Ausstattung eben hier, auf der Insel Hiddensee gefunden haben. Das Meer und die Strände und die Steilküste natürlich, dieses Kunstwerk von einer Landschaft, dazu die, im wahrsten Sinne des Wortes, ehrliche und klar zu benennende Arbeit, und nicht zuletzt die Literatur, die uns seinerzeit, an den ruhigeren Abenden, schon sehr beschäftigt hat. Nein, wir waren keine Staatsfeinde, die in den Westen wollten, und waren den Verhältnissen vielleicht sogar dankbar dafür, dass sie uns eine Freiheit aufzwangen, die auf der Insel Hiddensee jeweils für eine Saison neu zu erfinden war. Für mich erzählt Lutz Seilers Kruso-Roman genau davon: Dass wir nicht Aussteiger waren - sondern Einsteiger!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2018, 04:00 Uhr

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