Buchvorstellung Mely Kiyak schreibt in "Frausein" über weit mehr als Weiblichkeit

Mely Kiyak schreibt in ihrem Buch "Frausein" nicht nur über Weiblichkeit. Die Schriftstellerin setzt sich mit ihrer individuellen Geschichte als Frau, als Tochter kurdischer Einwanderer und als Autorin mit Migrationshintergrund auseinander. Schon länger positioniert sie sich in ihren Büchern, Theaterstücken und Kolumnen kritisch und weltoffen zu den großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit, so zu Rechtsterrorismus, Pressefreiheit oder der Flüchtlingspolitik. Rebekka Adler hat "Frausein" für MDR KULTUR gelesen.

Die Schriftstellerin Mely Kiyak
Die 1976 in Sulingen geborene Schriftstellerin, Journalistin und Kolumnistin Mely Kiyak Bildrechte: dpa

"Deutsche Frauen haben es schwer. Aber Emine, Hatice, Nilüfer haben es schwerer" – schreibt Mely Kiyak im Jahr 2008 in einem Beitrag der ZEIT über die prekäre Repräsentation von Migrantinnen in der feministischen Debatte. Doch die essentielle Frage, die dieser Diskussion vorausgeht, ist eine andere: Was bedeutet eigentlich Frausein? Eine Frage, auf die es keine richtigen oder falschen Antworten gibt.

Was "Frausein" für Kiyak bedeutet, versucht sie in ihrem gleichnamigen Buch zu ergründen: "Ich wollte keine Frau sein, die Kinder hat und schreibt. Keine, die eine Ehe führt und schreibt. Keine, die eine andere Tätigkeit ausübt und auch schreibt. Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: ich schreibe."

Kein Buch über das spezifisch Weibliche

Der Titel "Frausein" suggeriert zunächst eine universelle Standortbestimmung des weiblichen Geschlechts à la Simone de Beauvoir. Überraschenderweise spielen spezifische Aspekte des Weiblichen im Buch dann aber kaum eine Rolle.

Mely Kiyak: Frausein
Cover des Buches "Frausein" von Mely Kiyak Bildrechte: Hanser Verlag

Kiyak geht es ganz einfach darum, ihre individuelle Geschichte als Frau, als Tochter kurdischer Einwanderer, als Autorin mit Migrationshintergrund selbst zu erzählen und sich den eigenen Diskurs zurückzuerobern – sie erläutert: "Was es über uns zu berichten gab, wurde fremderzählt. Es war nicht einer von uns, der das Leben unserer Väter beschrieb, auch keiner der Väter selbst, sondern Günter Wallraff. Als Türke Ali verkleidet lebte und arbeitete er zu Forschungszwecken ein stinknormales Ali-Leben in Deutschland nach. Er beschrieb die normalen Verhältnisse der Gastarbeiter. Obwohl Wallraff selbst aus kleinen Verhältnissen kam, entsetzten ihn die erlebten Erniedrigungen derart, dass er sein Buch nicht unten, halbunten oder mittelunten nannte, sondern: Ganz unten. Wir wurden am niedrigsten Punkt verortet. Jemand hatte sich als 'wir' verkleidet, unser Leben simuliert und mitgeteilt. Von uns hatte sich offenbar niemand gefunden, der es selbst hätte mitteilen können. Oder sollen. Oder dürfen."

Tochter von Gastarbeitern

Mehr als das Frausein beschreibt Kiyak in ihrem autobiografischen Buch das Fremdsein: Ein existenzielles Gefühl, das bedingt wird durch Aussehen, religiöse Zugehörigkeit, Herkunft, Bildung, Sprache und natürlich auch durch Geschlecht.

Denn als Frau mit Migrationshintergrund hat man zusätzliche Hürden zu bewältigen, von denen Kiyak – als Tochter von Gastarbeitern – aus eigener Erfahrung zu berichten weiß: "In der Familie galt die Anweisung, die Lebenswelt der Eltern zu verlassen. Man soll aufsteigen und es besser haben. Die Gesellschaft aber signalisiert das Gegenteil von dem, was die Gastarbeitereltern sich für ihre Kinder wünschen. Aus Sicht der deutschen Gesellschaft soll man bleiben, wer und vor allem wo man ist. Die Tochter von Gastarbeitern hat eine soziale Aufgabe. Sie muss der Gemeinschaft dienen. Sie soll arbeiten. Sie wird benötigt. Aber nicht als was Besseres. Sie soll es keinen Schritt weiter bringen als ihr Vater und ihre Mutter."

Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit

Nicht nur die Traumata der ersten Einwanderergeneration, sondern auch deren Wünsche und Hoffnungen werden zumeist unbewusst auf die nächste Generation übertragen. Hinzu kommt der ständige Druck, den Anforderungen der Dominanzkultur gerecht werden zu wollen: "Arbeiten und bleiben. Oder zurückgehen" – so formuliert Kiyak in ihrem Buch das Ultimatum für den Deutschlandaufenthalt.

Sie selbst versteht sich als Teil einer Revolution von Gastarbeitertöchtern, die sich empört – wenn auch im Stillen – gegen diese Art von generationenübergreifender Ungerechtigkeit aufbäumt: "Auf einmal ergaben sämtliche Mühen der Gastarbeitergeneration Sinn. Alle Schmerzen und Demütigungen waren auf einen Schlag abgegolten, weil wir, die Töchter, die Strapazen unserer Vorfahren in Gold verwandelten. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die erste Generation der Gastarbeiter nie aufbegehrte. Sich politisch nie bemerkbar machte, niemals Ansprüche stellte. Der Aufstieg ihrer Töchter entschädigte sie für alles. Bald schon fühlten sie sich quitt."

Ressentiments am Literaturinstitut Leipzig

Neu gewonnene Freiheiten, etwa der Zugang zur universitären Bildung, bedeuten allerdings nicht nur Bewunderung und Stolz, sondern wieder auch Ausgrenzung. Sowohl im innerfamiliären, als auch im universitären Kontext.

Das neue Leipziger Literaturinstitut in der Wächerstraße
Mely Kiyak hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denn während im Privaten eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft von Arbeitern und Akademikern" den kulturellen Bruch zwischen den Generationen weiter vorantreibt, sieht sich Kiyak als junge Studierende am Deutschen Literaturinstitut Leipzig zugleich mit den rassistischen Ressentiments ihrer Kommilitonen konfrontiert: "Es war kurz nach dem 11. September 2001, wir saßen im Seminar. Die anderen Studenten äußerten ihre Ängste über Araber, Orientalen, Muslime, Immigranten. Sie sprachen also nicht explizit über die Terroristen, sie sprachen über Menschen wie mich. […] Es sind skrupellose Menschen, sagte ein Kommilitone, sie verachten Frauen und Homosexuelle, sagte ein anderer, sie schauen auf uns im Westen herab, gab eine Dritte ihren Eindruck wieder. […] Sie schauten mich beim Reden nicht einmal an. Ich war gar nicht da für sie. Ich war unsichtbar. Das bedeutet Peripherie."

Beinahe das Augenlicht verloren

Ummantelt wird Kiyaks Erzählung über das "Frausein" von einer Augenkrankheit, die die Autorin beinahe ihrer Sehkraft beraubt, letztlich aber als Metapher der sinnlichen Wahrnehmung ihres weiblichen Körpers funktioniert. All diese Erfahrungen machen Kiyak unweigerlich zur politischen Autorin, die das Periphere, das gewöhnlich mit Bedacht aus dem Repräsentationssystem ausgegrenzt wird, ins Zentrum ihres literarischen Schaffens rückt. Und das tut sie weltoffen, klug, kritisch und lebenslustig – was sonst, bedeutet Frausein, wenn nicht das.

Angaben zum Buch Mely Kiyak: "Frausein"
Hanser Verlag
128 Seiten
18 Euro
ISBN: 978-3-446-26746-6

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2020 | 06:15 Uhr