Sachbuch "Verwobenes Leben" Biologe Merlin Sheldrake schreibt wie ein Romanautor über die Welt der Pilze

Er wirkt ein bisschen verrückt, der Autor Merlin Sheldrake. Warum? Weil er auf einem YouTube-Video Pilze isst, die aus seinem Buch wachsen. Dicke, weiße Pilze, die jeder von uns entsorgen würde. Merlin Sheldrake ist pilzvernarrt, könnte man sagen. Seit er klein ist, befasst er sich mit dieser Spezies und nun hat er das Buch "Verwobenes Leben" über Pilze veröffentlich.

Bildbeschreibung: Auf einem Buchcover sind Pilze in bunten Farben abgebildet.
Über "Verwobenes Leben" sagt MDR KULTUR-Rezensentin Annegret Faber, sie sei aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Bildrechte: Ullstein Verlag

Vor 400 Millionen Jahren sollen Pilze die größten Gewächse auf diesem Planeten gewesen sein. Manche waren vielleicht größer als ein zweistöckiges Haus. Nichts war größer, schreibt Merlin Sheldrake in "Verwobenes Leben". Der Pilz beherrschte das Land.

Aus "Verwobenes Leben":

"Während Sie diese Worte lesen, verändern Pilze den Ablauf unseres Lebens. Sie fressen Gestein, produzieren Erde, verdauen Umweltgift, ernähren und töten Pflanzen, überleben im Weltraum, stellen Medikamente her, manipulieren das Verhalten von Tieren und haben Einfluss auf die Zusammensetzung der Erdatmosphäre."

Der älteste Pilz wiegt Hunderte Tonnen

Pilze sind Stoffwechselzauberer, schreibt Merlin Sheldrake. Selbst Atommüll können sie beseitigen, indem sie die radioaktive Strahlung nutzen wie Sonnenstrahlen. Der Schopf-Tintling, ein zarter, essbarer Pilz mit einem länglichen weißen Kopf, kann Asphalt aufbrechen und schwere Pflastersteine anheben. Ohne sie gäbe es kein Bier und kein Penicillin. Vielleicht gäbe es uns Menschen auch nicht? Nach der Lektüre könnte man es fast glauben. Denn sie scheinen die Welt zusammenzuhalten mit ihrem riesigen Geflecht. Und was meinen Sie, wie alt der älteste Pilz der Welt ist? Nicht älter als ein paar Wochen, würden Sie vielleicht denken und sich dabei an die alten Champignons in ihrem Kühlschrank erinnern. Jetzt halten Sie sich mal fest. Der Älteste ist mehrere Tausend Jahre alt, wiegt hunderte Tonnen und hat unter der Erde ein über zehn Quadratkilometer großes Geflecht.

Pilze übernehmen Fotosynthese für Blumen

Sheldrake studierte am Institut für Pflanzenforschung der Universität Cambridge. Wie er schreibt, wollte sich dort niemand richtig mit Pilzen befassen. Er bekam eine Doktorandenstelle und untersuchte deren Symbiose mit Pflanzen in tropischen Wäldern. Vor allem eine kleine Blume mit weißen Stängeln beschäftigte den Forscher und Autor im Regenwald. Sie ist so hoch wie eine Kaffeetasse, hat blassweiße Stängel und balancieren an ihrem oberen Ende eine einzige, leuchtend blaue, zarte Blüte mit fünf Blütenblättern. Er bemerkt, dass diese Blumen keine Fotosynthese mehr betreibt - das haben Pilze für sie übernommen. 

Aus "Verwobenes Leben":

"Beim Abendessen machte meine Ökologenfreunde aus den Niederlanden ihre Witze über meine hübschen Blüten mit dem dünnen Stängel. Sie gingen der Frage nach, wie tropische Wälder den Kohlenstoff speichern. Während ich mich damit abmühte, auf der Suche nach winzigen Blüten am Boden entlang zu kriechen, vermaßen sie den Umfang von Bäumen."

Pilze zersetzen Holz oder Ameisen

Das Leben der Pilze, das der Autor beschreibt, wirkt faszinierend und auch beängstigend. In einem Bildteil zeigt Sheldrake drei Fotos, die er in 48 Stunden aufgenommen hat. Darauf ist ein holzzersetzender Pilz zu sehen und 30 Zentimeter neben ihm ein kleiner Holzklotz. Zuerst breitet der Pilz sich wie ein Stern aus. Auf dem letzten Bild strebt er zielsicher zu dem Stück Holz, dass er komplett mit seinem Myzel einwebt – wie gesagt, in nur 48 Stunden. Der Autor zeigt Fotos von Ameisen, die – wie bei Science-Fiction – von Pilzen durchwachsen, durchstochen und ausgehöhlt werden.

Aus "Verwobenes Leben":

"Wo wir auch langgehen. Unter der Erde ist alles verknüpft – das ist einfach umwerfend. Das ist etwas Gewaltiges. Ich kann gar nicht glauben, dass nicht alle es erforschen."

Spannend wie ein Roman

Auf Seite 48 fiel mir auf, dass ich beim Lesen nicht auf die Art des Erzählens achtete. Wie schreibt der Biologe, der doch kein Romanautor ist? Ich hatte es über den Text schlicht vergessen. Die Worte von Sheldrake ziehen einen sofort in die fantastische Welt der Pilze, die das Zeug dazu hat, unser Wissen über die Natur noch einmal umzukrempeln.

Aus "Verwobenes Leben":

"Nach den ersten Schätzungen gibt es auf der Welt zwischen 2,2, und 3,8 Millionen Pilzarten, das Sechs- bis Zehnfache der geschätzten Zahl der Pflanzenarten; demnach sind erst sechs Prozent aller Pilzarten beschrieben. Mit unseren Kenntnissen … stehen wir also noch ganz am Anfang."

Mehr Informationen Merlin Sheldrake: "Verwobenes Leben"
Ullstein Verlag
Hardcover, 464 Seiten
Preis: 29 Euro
ISBN-13 9783550201103

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Oktober 2020 | 11:15 Uhr