Graffiti Mann hebt Rock einer Frau
Im Kurzgeschichten-Band "Sagte sie" setzen sich die Autorinnen mit den verschiedensten Formen der ungleichen Geschlechter-Beziehungen auseinander. Bildrechte: IMAGO

#MeToo im Literaturbetrieb "Sagte sie" - Schriftstellerinnen über Sex, Macht und Selbstbestimmung

Wer an die MeToo-Bewegung denkt, der denkt zuerst an Hollywood und Harvey Weinstein. Doch auch der Literaturbetrieb ist von Männern dominiert. Nun ist ein Band mit Erzählungen erschienen, der an diesen Strukturen rütteln will. An ihm haben ausschließlich Autorinnen mitgewirkt, die sich in ihren Geschichten mit der Verbindung von Sex und Macht beschäftigen. MDR KULTUR-Literaturkritiker Tino Dallmann stellt "Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht" vor.

Graffiti Mann hebt Rock einer Frau
Im Kurzgeschichten-Band "Sagte sie" setzen sich die Autorinnen mit den verschiedensten Formen der ungleichen Geschlechter-Beziehungen auseinander. Bildrechte: IMAGO

Es ist eine Szene, die aus einem klischeehaften Film stammen könnte: Eine Agentur feiert ein Fest. Auch mit dem Abteilungsleiter, der sagt, er sei durchaus für Gleichberechtigung – ganz so als wäre diese nicht längst im Gesetz festgeschrieben. Nach dem Fest bricht er mit einer Kollegin auf und vergewaltigt sie im Auto. Noch Monate später grübelt die Frau über ihre Schuld an dem Geschehenen nach:

C. strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, beugte sich vor und küsste mich. Ich erwiderte seinen Kuss nicht, ich sah ihn regungslos und mit großen Augen an. Er küsste mich weiter und fasste an meine Brust. Mein Mund war von seinen Küssen zugedeckt, ich sagte ihm durch seine Mundhöhle direkt in seinen Kopf hinein, dass ich jetzt bald nach Hause müsse. Ich sagte bald, nicht sofort, ich wollte irgendwie höflich bleiben und C. nicht beschämen.

Aus der Geschichte von Antonia Baum, in "Sagte sie"

Mit gängigen Stereotypen hat Antonia Baum, die die erste Geschichte im Band geschrieben hat, nichts am Hut. Sie lässt ihre Erzählerin vor ein Publikum treten und alle Rollen durchspielen, die einer Frau nach einer Vergewaltigung zugeschrieben werden: die des Opfers, die der Schlampe und diejenige, die über ihre eigene Geschichte kaum noch bestimmen kann.

Erzählungen aus IHRER Perspektive

Wie alle Erzählungen des Bandes zielt auch diese mitten in die MeToo-Debatte. Die Perspektive ist dabei bewusst einseitig. Im Englischen gibt es Situationen, die als "he-said-she-said" bezeichnet werden, also als: "sagte-er-sagte-sie". Dieser Band will allein die weibliche Sicht auf solche Situationen wiedergeben, sagt Herausgeberin Lina Muzur in ihrem Vorwort:

In der vorliegenden Anthologie geht es […] um Momente, die, nimmt man die englische Redewendung ganz wörtlich, im Nachhinein von IHM tatsächlich ganz anders erzählt werden als von IHR. Und weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört und Glauben geschenkt haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden: Sagte sie.

Lina Muzur im Vorwort von "Sagte sie"
Buchcover - Lina Muzur (Hrsg.): "Sagte sie - 17 Erzählungen über Sex und Macht"
Lina Muzur (Hrsg.) "Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht"
Erschienen bei Hanser

Mit Beiträgen von Fatma Aydemir, Antonia Baum, Kristine Bilkau, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer, Annett Gröschner, Anna-Katharina Hahn, Helene Hegemann, Margarita Iov, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert, Anna Prizkau, Annika Reich, Anke Stelling, Margarete Stokowski, Jackie Thomae und Julia Wolf.
Bildrechte: Hanser Verlag

Die Erzählungen halten sich sehr konsequent an diese Vorgabe. Einseitig oder eintönig ist der Band aber auf keinem Fall. Von den 17 Autorinnen, die Geschichten beigesteuert haben, hat jede ihren eigenen Ton und ihre eigene Geschichte. Es geht um Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung. Um Vergewaltigungen am Bahnhof, um Gewalt unter Schülern und um gegenseitige Abhängigkeiten. Auch wenn Männer nicht zu Wort kommen, ihre Rolle wird in den Geschichten durchaus verhandelt. Zum Beispiel in der von Helene Hegemann: "Es gab Männer, unter deren Härte sich mit der Zeit eine gewisse Sensibilität herausschälte, eine kühle, aber tiefe Sensibilität, die man nicht sofort mitkriegte. Und es gab welche, unter deren vermeintlicher Harmlosigkeit irgendwann eine Härte zutage trat, die warm war. Eine Art warme Brutalität. Oder warme Gefühllosigkeit. Ich glaube, dass ich darauf stand."

Geschichten von namhaften Schriftstellerinnen

Herausgeberin Lina Muzur hat für ihr Vorhaben die erste Garde der deutschen Schriftstellerinnen gewonnen. Neben Anna Katharina Hahn und Kristine Bilkau haben auch Jackie Thomae und Anke Stelling Geschichten beigesteuert. So eröffnet sich ein Blick auf die ungleiche Beziehung der Geschlechter über verschiedene Generationen hinweg. Bachmannpreisträgerin Nora Gomringer montiert in ihrer Erzählung gleich verschiedene Geschichten aneinander und stellt dabei Fremd- und Eigenwahrnehmung gegenüber:

Meinen Eltern erzählen, was der Pommestyp mir getan hat. Dass er mich erniedrigt hat. Meine Eltern erniedrigen mich ständig. Ich muss essen, was sie wollen, mich benehmen, wie sie wollen. Nur, dass meine Eltern mir nicht so auf die Brüste, die Hüfte, den Hals, die Schenkel sehen. Meine Mutter sieht immer ein bisschen kritisch hin. Weniger Speck wäre gut.

Aus der Geschichte von Nora Gomringer in "Sagte sie"

Ob man jede Erzählung als Beitrag zur MeToo-Debatte lesen will, bleibt letztlich dem Leser überlassen. Viele Geschichten weisen über die Debatte hinaus und zeigen, was Literatur vermag: sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen und Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Genau das macht den gerade erschienenen Band nicht nur notwendig, sondern auch sehr lesenswert.

Andere Perspektiven zum Thema Sex und Macht

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2018, 04:00 Uhr

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