Sänger Michael Jackson während eines Konzertes.
Michael Jackson, der große Popstar Bildrechte: imago/LFI

Pro & Contra Sollte man die Songs von Michael Jackson noch hören?

Vor zehn Jahren starb Michael Jackson, einer der größten Popstars der Welt. Doch Missbrauchsvorwürfe, die vor kurzem durch den Dokumentarfilm "Leaving Neverland" eine neue Wucht bekamen, werfen Schatten auf sein kulturelles Erbe. Einige Radiosender wie BBC 2 beschlossen, keine Lieder des "King of Pop" mehr zu spielen. In Deutschland gibt es solche Boykotts nicht. Richtig oder falsch? Unsere Autorin hat versucht, diese Frage für sich zu beantworten und gute Gründe für und gegen einen Boykott gefunden.

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Sänger Michael Jackson während eines Konzertes.
Michael Jackson, der große Popstar Bildrechte: imago/LFI

5 Gründe, warum man seine Songs heute noch hören kann

Michael Jackson winkt beim Eintreffen in den Gerichtssaal in Santa Maria (Archivfoto vom 03.06.2005)
Jackson vor einem Gerichtsverfahren Bildrechte: dpa

  1. Man kann Menschen für Taten bestrafen, Kunstwerke nicht. Die Songs von Michael Jackson waren, sind und bleiben große Kunst in der Popmusik. Und Kunst muss man vom Künstler trennen.
  2. Sie nicht mehr zu hören, ergäbe nur dann Sinn, wenn man Michael Jackson damit für den vermeintlichen sexuellen Missbrauch mehrerer Kinder bestrafen könnte, also wenn man ihm damit zeigen könnte: So was darfst du nicht machen, so verlierst du mich als deinen Fan. Aber Michael Jackson kriegt diese Strafe nicht mehr mit. Er ist seit zehn Jahren tot.
  3. Da Michael Jackson tot ist, kann er sich zu den erneuten Vorwürfen nicht mehr äußern. Es gab bereits zu seinen Lebzeiten Prozesse gegen ihn, aber sie wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. Er wurde nie verurteilt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
  4. Moral ist kein gutes Kriterium, um Kunst – in diesem Fall Popmusik – zu bewerten. Es kann schließlich nicht das Ziel sein, dass alle Künstler moralisch rein sind, gute Menschen ohne Verfehlungen, sauber und unangreifbar. Und wer soll die Kriterien festlegen, nach denen ein Musiker noch gehört werden kann und darf? Und wie soll man die in jedem Einzelfall überprüfen?
  5. Auch wenn wir Michael Jacksons Lieder nicht mehr hören, sind sie noch da. Draußen in der Welt, aber auch in unserem Kopf. Denn wir haben sie schon mal gehört und wenn wir es jetzt nicht mehr tun, verschwinden sie nicht aus unserer Erinnerung und auch nicht aus der Musikgeschichte, in der sie immer eine große Rolle spielen werden.

Michael Jackson, Konzert auf dem Platz der Republik Berlin
Michael Jackson bei einem Konzert in Berlin Bildrechte: IMAGO

5 Gründe, warum man seine Songs nicht mehr hören sollte

Michael Jackson im Berliner Hotel Adlon mit seinem jüngsten Sohn , den neun Monate alten Prince Michael II. am Fenster im fünften Stock.
Jackson mit seinem Sohn Bildrechte: imago/Olaf Selchow

  1. Michael Jackson ist ein Gesamtkunstwerk. Sein "Moon-Walk", seine veränderte Hautfarbe, seine Outfits, seine Interviews – all das macht den Popstar Michael Jackson aus. Auch die Neverland-Ranch gehört zu Michael Jackson, auch seine Liebe zu Kindern, zu kleinen Jungs. Seine Lieder lassen sich nicht von diesem Gesamtkunstwerk trennen.
  2. Auch wenn er vor kein Gericht mehr treten, nicht mehr verurteilt werden und sich nicht mehr verteidigen kann, gilt die Unschuldsvermutung zwar vor dem Gesetz, aber vor der Moral der Hörerin oder des Hörers, vor mir also, gilt sie nicht unbedingt. Wenn die Opfer überzeugend sind, ihr erfahrenes Leid so erzählen, dass ich es ihnen glaube, ist meine Unschuldsvermutung über ihn kaputt. Ich als Privatperson kann ihn – zum Glück – nicht in den Knast stecken, aber das erste, was ich tun kann, ist: aufhören, seine Musik zu hören und seine Videos zu sehen.
  3. Michael Jackson war ein Mann mit Macht. Er war erfolgreich, er hatte sehr viele Fans, sehr viel Geld, sehr gute Anwälte. Er konnte sich quasi alles erlauben, ohne sich ernsthaft Sorgen machen zu müssen. So geht es vielen berühmten, reichen Menschen – statistisch vor allem Männer –, die diese Macht ausnutzen, wie sich unter anderem in der #MeToo-Debatte zeigte. Dass dies aber Folgen  haben kann, auch auf die Karriere, ist ein gutes Zeichen, das vielleicht andere Leute davon abhalten wird, ihre Macht auszunutzen.
  4. Es ist leider so, dass viele Künstler von Skandalen um ihr umstrittenes bis straffälliges Verhalten profitieren, schon allein, weil sie Aufmerksamkeit bekommen. So haben sich die Klickzahlen von R’n’B-Sänger R. Kelly bei Streamingdiensten verdoppelt, nachdem eine Dokumentation Missbrauchsopfer von ihm zu Wort kommen ließ. Michael Jackson bekommt davon in seinem Grab nichts mehr mit, aber seine Familie, Erben, Fans und Menschen, die seine Taten gutheißen. Um diese Aufmerksamkeitsökonomie umzudrehen: Keine Lieder von ihm mehr auf Spotify & Co hören, keine seiner Videos auf Youtube schauen!
  5. Selbst wenn man die Songs noch hört, klingen sie mit dem Wissen von heute anders: Bei "Billie Jean ist not my Lover" klingeln sofort die Alarmglocken, der "Smooth Criminal" ist eher unangenehm als cool, "I just can’t stop loving you" klingt nun wie eine Drohung. Es macht also auch einfach keinen Spaß mehr, Michael-Jackson-Songs zu hören.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 24. Juni 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 04:00 Uhr

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