60. Geburtstag "R.E.M."-Sänger Michael Stipe: Der Genuss des Privatiers

Acht Jahre ist es her, dass sich R.E.M. aufgelöst haben. Seitdem hat man von Michael Stipe, dem charismatischen Frontman der Band aus Athens, Georgia, kaum noch etwas gehört – außer, dass er inzwischen in Berlin lebt und gelegentlich als Fotograf arbeitet. Heute begeht der Superstar der 90er und 2000er seinen 60. Geburtstag

Michael Stipe
Michael Stipe lebt heute in Berlin. Bildrechte: imago images / Pacific Press Agency

Michael Stipe erinnert sich an seine Zeit in Deutschland – in der Nähe von Frankfurt. Er erzählt, er habe damals richtig gut Deutsch gesprochen. "Leider habe ich das meiste davon vergessen, als wir zurück in die USA gezogen sind." Seine Schwester habe später noch Deutsch an der Uni studiert. "Ich habe das damals als eine sehr glückliche Zeit empfunden."

Der Erfolg: ein cooler Schock

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R.E.M. zu Beginn ihrer Karriere. Bildrechte: Universal Music

Michael Stipe wächst als Soldatenkind auf einem Militärstützpunkt in Hanau auf – ein schüchterner, introvertierter Junge, der zu einem komplexbeladenen Teenager und leidenschaftlichem Musikfan wird. 1981 – damals ist er 21 – gründet er die Rockband R.E.M., bricht sein Studium an der Universität von Georgia ab und nimmt eine Reihe von Alben auf. Die verkaufen sich anfangs eher schleppend, gelten aber heute als Klassiker des sogenannten Alternative-Rock. 1991 gelingt der weltweite Durchbruch mit der Single "Losing My Religion". Stipe wird zum Rockstar und Sprachrohr seiner Generation.

Für ihn selbst sei es damals ein Schock gewesen – aber in gewisser Weise auch ziemlich cool. Keiner von ihnen hätte verstanden gehabt, erzählt Stipe, wie ausgerechnet dieser Song zu einer internationalen Pop-Single werden konnte. "Das ergab einfach keinen Sinn, denn das Stück hatte keinen richtigen Refrain und sein Hauptinstrument war eine Mandoline. Trotzdem hat es funktioniert – irgendwie."

Fotos als Sinnstifter

R.E.M. nehmen insgesamt 15 Studio-Alben auf, verkaufen davon über 85 Millionen Exemplare, touren durch die größten Arenen der Welt und prägen Bands wie Nirvana, Coldplay, Radiohead oder Snow Patrol. Stipe, der ein schwieriger, weil wortkarger Gesprächspartner ist, betätigt sich auch als Umweltschützer, Politaktivist und als Filmproduzent. Er zeichnet verantwortlich für Kultstreifen wie "Velvet Goldmine", "Being John Malkovich" oder "Man On The Moon". Zudem gilt er als talentierter Fotograf, der zwei Foto-Bände veröffentlicht und regelmäßig Ausstellungen hat.

Der ehemalige R.E.M.-Sänger Michael Stipe mit einer Brille mit orangenen Gläsern.
Bildrechte: imago/PA Images

Ich habe mittlerweile erkannt, dass Fotos für mich so etwas wie ein Tagebuch-Ersatz sind.

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Er beschreibt, dass es seine Art sei, bestimmte Momente festzuhalten und sie zu markieren – so so seltsam oder banal das auch klinge, wie er sagt. "Eben um später noch einmal die Möglichkeit zu haben, darüber nachzudenken und zu sagen: 'Ok, ich war da und da – und habe dies oder das gemacht.'" Das verleihe seinem hektischen Leben mehr Klarheit und Sinn.

Berlin als selbstgewählter Rückzugsraum

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31 Jahre gab es R.E.M. Bildrechte: Warner Music

Seine Wahlheimat New York hat Stipe inzwischen verlassen. Eine Reaktion auf die politischen Verhältnisse in den USA, die er im europäischen Exil aussitzt. Genauer: In Berlin, wo er weitestgehend unbemerkt lebt. Seine Tarnung ist ein imposanter grauer Rauschebart und sein Privatleben hält er vollends unter Verschluss. Auch seine Konten in den sozialen Medien hat Stipe gelöscht. Er genießt den Status eines Privatiers, der sich einfach treiben lässt. Das habe er sich nach 31 Jahren R.E.M., die sich Ende 2011 getrennt haben, redlich verdient.

Die Zukunft, ein unbeschriebenes Blatt

Was er als nächstes macht? Das wisse er noch nicht. Und er verspüre dahingehend auch keinen Druck, wie er sagt. "Im Gegenteil: Nach all den Jahren mit der Band ist es legitim, dass ich mir erstmal eine längere Auszeit nehme, in der ich gar nichts tue." Er wolle sich neu orientieren und in aller Ruhe nachdenken, was er als nächstes angehe. Und ein Ergebnis davon gibt es schon – genau an seinem 60. Geburtstag veröffentlicht er eine neue Solo-Single namens "Drive To The Ocean".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Januar 2020 | 14:45 Uhr

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