Kanzlerin Merkel besucht Auschwitz Historiker Wolffsohn fordert aktiven Schutz für Juden

Am Freitag besucht Kanzlerin Angela Merkel erstmals die Gedenkstätte in Auschwitz. Sie ist nach Helmut Schmidt und Helmut Kohl erst die dritte amtierende Regierungschefin, die das ehemalige Konzentrationslager besucht. Im Gepäck hat Merkel eine Unterstützung von 60 Millionen Euro für die Stiftung Auschwitz-Birkenau. Auf die Summe hatten sich am Donnerstag Bund und Länder geeinigt, um damit den Erhalt der Gedenkstätte mitzufinanzieren. Zudem wollen sie einen gemeinsamen Beschluss fassen, um den Schutz jüdischen Lebens zu verbessern und den Kampf gegen Antisemitismus zu stärken.

Historiker Dr. Michael Wolffsohn
Der Historiker Dr. Michael Wolffsohn Bildrechte: IMAGO

Der Historiker Michael Wolffsohn fordert eine aktive Sicherheitspolitik zum Schutz der Juden in Deutschland. Im Vorfeld des Besuches von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Auschwitz sagte er im Gespräch mit MDR KULTUR, dies sei zwar eine wichtige Geste, dennoch gebe es Versäumnisse. Sonntagsreden und Gesetze, die nur auf dem Papier stünden, würden nicht ausreichen.

Wolffsohn beklagte die ungenügende politische und mediale Unterstützung zum Schutz der Juden. Er vermisse auch die gesamtgesellschaftliche Kritik an einem solchen Vorgehen. Der Schutz der Juden in Deutschland sei kein Gnadenakt, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Obwohl antisemitische Motive von Tätern als strafverschärfend gewertet würden, gingen Polizei und Gerichte nicht entsprechend vor. Als Beispiel nannte er das Attentat in der Oranienburger Straße in Berlin. Anfang Oktober war ein Mann mit einem Messer auf den Sicherheitsdienst der Synagoge zugelaufen. Er konnte überwältigt und festgenommen werden. Allerdings wurde er schnell wieder freigelassen. Michael Wolffsohn meinte, dass liege nicht an den Gesetzen oder dem mangelnden Willen des Gesetzgebers, sondern das sei ein Vollzugsdefizit. Papier sei eben geduldig, die Taten würden entscheiden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2019 | 08:10 Uhr