Frau im Wald
"Lempi, das heißt Liebe" – es heißt aber auch: im Angesicht des Schmerzes überlebensfähig zu bleiben, komme was wolle, selbst wenn niemals das kommt, was man ersehnt und für sein Glück erwartet hat. Bildrechte: IMAGO

Literatur aus Finnland: "Lempi, das heißt Liebe" Minna Rytisalos Debüt ist ein Roman über Sehnsüchte

von Jan Drees, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Frau im Wald
"Lempi, das heißt Liebe" – es heißt aber auch: im Angesicht des Schmerzes überlebensfähig zu bleiben, komme was wolle, selbst wenn niemals das kommt, was man ersehnt und für sein Glück erwartet hat. Bildrechte: IMAGO

Lempi, das heißt "Liebe" im Finnischen, so heißt auch die deutsche Übersetzung dieses Debüts, und die gleichsam an- wie abwesende Hauptfigur: eine rätselhafte Frau, die aufwächst im beschützten Lappland der 20er- und 30er-Jahre. Sie hat eine Zwillingsschwester, Sisko, die nicht nur elf Minuten nach ihr geboren, sondern Lempi auf immer neu variierende Arten und Weisen unterlegen ist:

Heutzutage wird viel über Gleichberechtigung gesprochen, und dass Frauen dieselben Rechte und Möglichkeiten haben wie Männer. Ich war damals noch nicht so weit. Du dagegen schon. Du warst die Mutigere von uns, die Erwachsene, ich eine im Wind trudelnde Feder.

Zitat aus "Lempi, das heißt Liebe"

Lempi, die Bewunderte, verliebt sich früh, sie heiratet, erlebt unbeschwerte Tage, doch dann bricht der Krieg aus, und Finnland kämpft auf Seiten der deutschen "Waffenbrüder" gegen Russland.

Minna Rytisalo erzählt aus drei Perspektiven

Buchcover - Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe
Buchcover Bildrechte: Hanser Verlag

Minna Rytisalos Debütroman gestaltet aus drei Erzählperspektiven sein Panorama der Vergeblichkeit vorm Hintergrund eines politischen Konflikts. Doch im Mittelpunkt stehen keine historischen, sondern jene individuellen Schicksale, die mit Lempi verknüpft sind. Alle drei, der aus dem Krieg heimgekehrte Gatte, die Magd des Ehepaars und die sich unterlegen fühlende Schwester, erzählen je ein Drittel der Geschichte; und langsam entsteht aus diesen Erinnerungen ein Bild der Figur, ein Bild des höheren Töchterchens Lempi, die beinahe zufällig an den Farmer Viljami gerät.

Zu Beginn kehrt eben dieser Viljami vom Schlachtfeld heim. Aus den Briefen der Magd Elli wurde ihm mitgeteilt, dass seine Frau gestorben, nur sein Sohn Aare und sein Ziehsohn Antero überlebt haben. Viljami streift depressiv durch die wilde Natur und klagt, denn "so gut lief unser Anfang, nie hätte ich kommen sehen, dass ich alles verlieren würde." Aus dem Lazarett entlassen, weil sein Leiden lediglich seelischer und nicht körperlicher Natur ist, sieht sich dieser gebrochene Mann vorm Nichts stehen:

Wenn ich wählen könnte, hätte ich lieber eine Verletzung. Eine Verletzung, die mich schwächt. Alles lieber als dieses Gefühl, das mich das Ende herbeisehnen lässt.

Zitat aus "Lempi, das heißt Liebe"

Liebeskummer dominiert die Sicht des Ehemanns

In diesem ersten Drittel wird eine große, scheinbar unbeschwerte Liebe zu Lempi heraufbeschworen: "Wir schwammen in der nächtlichen Sonne, ohne Wellen zu hinterlassen, glitten vorsichtig dahin. Hätten wir an Gefahren denken sollen? An Partisanen hinterm Baum, Fallschirmjäger in Erdgruben?" Viljami ist gefangen in einer Trauer, die er nicht vorbeigehen lassen will, weil dieses Vorbeigehen bedeutete, dass man ihren Grund vergisst.

Die Version der Magd ist von Eifersucht motiviert

Eine Frau mittleren Alters mit blonden Haaren steht in einem roten Kleid leicht gegen eine Wand gelehnt und schaut lächelnd in die Kamera.
Minna Rytisalo Bildrechte: Marek Sabogal

Dass die vermeintlich schöne Erinnerung an diese Ehe trügt, dass der Gatte möglicherweise hereingefallen ist auf eine manipulative Frau, erzählt das zweite Drittel aus Sicht der eifersüchtigen Magd Elli. Sie sah sich bereits an der Seite Viljamis, wurde dann aber ausgebootet. Sie hasst ihre Nebenbuhlerin: "Ja, ich wünschte dir den Tod. Ich betete. Gott, nimm diese nichtsnutzige Stadtgöre, diese verdammte Hure fort, diese an elektrisches Licht und Radio gewöhnte Samt-Saum-Schlampe, diese Nagelfeile." In Ellis Erzählung verwandelt sich Lempi in eine Schickse, die ihren Mann benutzt und die verbitterte Magd zurücklässt mit den beiden Jungs. Die Kinder und den Mann will Elli für sich allein. Als der gebrochene Viljami auf den finnischen Hof zurückkehrt, will sie den Mann einfangen für immer, mit dem Netz des körperlichen Begehrens, denn "ich bin eine brünstige Kuh, eine Katze, die im Frühling laut maunzt."

Zwillingsschwester Sisko wäre gern Lempis Seelenverwandte

Aus der Gegenwart unserer Zeit erinnert sich abschließend die greise Sisko, die elf Minuten jüngere Zwillingsschwester. Sisko sucht ihr Glück in Abgrenzung zu Lempi. Am Anfang des Krieges gegen Russland verlobt sie sich mit dem wohlerzogenen Wehrmachtsoffizier Max, sieht in ihm den Ausbruch in ein anderes Leben. Ist die Sexualität in Viljamis Beschreibungen von seiner Ehe mit Lempi geradezu keusch, bei der Magd liebesferne Naturgewalt, so wird sie für Sisko zum Ort des Schmerzes, den sie auszuhalten bereit ist: "Manchmal drückte er aus heiterem Himmel meinen Kopf nach unten, und ich hatte sofort mitzumachen, auch wenn mir dabei übel wurde, oder ich weinen musste, und hinterher verspottete er mich noch dafür." Sisko hält es aus, denn in Hamburg, nach dem Krieg, "würde sich alles zum Guten wenden, ich war mir sicher, in einem Bett würde es sich bequemer, weniger nach Turnen anfühlen." Sisko wäre gern die Seelenverwandte von Lempi, deren Schwangerschaft sie selbst spürt im eigenen Körper, der gegenüber Max nur zum privaten Kriegsschauplatz wird – bis er sie am Ende verlässt.

Und was sagt Lempi?

Doch wer ist Lempi, diese Frau, deren Name Liebe heißt? Sie ist augenscheinlich eine Projektionsfläche für jene Sehnsüchte, die ihre Mitmenschen haben; dabei zeigt sie sich niemals selbst. Dreimal ist Lempi Zielgebiet anderer Biographien, dreimal wird sie belastet mit den Zuschreibungen Anderer, dreimal ist sie An- wie Abwesende, eine Unberühr-, eine Unverstehbare. Dass die Finnin Minna Rytisalo trotz des historischen Hintergrundes, des gewaltigen Anspielungsraumes und der Höhe der hier geschilderten Gefühle nie abrutscht ins Kitsch-Klebrige, sondern mit der Souveränität der literarisch Geschulten ihr stilles Debüt inszeniert, ist bemerkenswert und falsifiziert leichthändig alle Assoziationen, die der deutsche Titel und das viel zu weiche Hanser-Cover evozieren.

"Lempi, das heißt Liebe" – es heißt aber auch: im Angesicht des Schmerzes überlebensfähig zu bleiben, komme was wolle, selbst wenn niemals das kommt, was man ersehnt und für sein Glück erwartet hat.

Liebe im Roman

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 07. August 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2018, 04:00 Uhr

Buchcover - Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe
Bildrechte: Hanser Verlag

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Minna Rytisalo: "Lempi, das heißt Liebe"
Aus dem Finnischen und mit einem Nachwort von Elini Kritzokat
Erschienen bei Hanser München
224 Seiten, 21 Euro
ISBN 978-3-446-26004-7

Über Minna Rytisalo und "Lempi, das heißt Liebe"

Über Minna Rytisalo und "Lempi, das heißt Liebe"

Die Finnischlehrerin aus Lappland schreibt einen literarischen Blog. Finnische Blogger zeichneten ihr Debüt als besten Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis aus. Außerdem erhielt sie den Botnia-Literaturpreis.

Liebe im Roman