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Der echte Erfurter Schatz inspirierte die Schriftstellerin Mirjam Pressler Bildrechte: imago/pictureteam

Jugendbuch Mirjam Pressler lässt in "Dunkles Gold" Erfurter Geschichte lebendig werden

In zahlreichen Kinder- und Jugendromanen hat Mirjam Pressler ihre Leserschaft gerührt und begeistert. Zu ihren zentralen Themen gehörten die Shoa sowie Kinder in Not. Im Januar verstarb die Schriftstellerin, "Dunkles Gold" ist ihr letztes Buch. Es zeigt jüdische Geschichte in Erfurt aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, dem aktuellen und der Zeit vor 700 Jahren.

von Britta Selle, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

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Der echte Erfurter Schatz inspirierte die Schriftstellerin Mirjam Pressler Bildrechte: imago/pictureteam

Laura und Rachel, beide Mädchen sind 15 Jahre alt, beide leben in Erfurt. Im Buch begegnen sich die beiden nicht, denn zwischen ihren Lebensgeschichten, Lebenswegen liegen fast 700 Jahre. Rachel lebt im Mittelalter, man schreibt das Jahr 1349. Laura lebt heute, in der Gegenwart.

Ganz zart, einfühlsam und kenntnisreich erzählt Mirjam Pressler vom Alltag der beiden unterschiedlichen Mädchen. Sie lässt den Leser teilhaben an ihren Wünschen, Ängsten, Überlegungen.

Echter Schatz als Inspirationsquelle

Jüdischer Goldschatz von Erfurt, 2011
Weitere Stücke des in Erfurt gefundenen jüdischen Goldschatzes Bildrechte: imago/pictureteam

Die Geschichten von Laura und Rachel sind eng mit dem berühmten Erfurter Schatz verknüpft. Dieser wurde 1998 bei Bauarbeiten wiederentdeckt. Etwa 30 Kilogramm ist er schwer. Münzen, Silberbarren und über 700 wertvolle Gegenstände, wie Schmuck und Gefäße zählen dazu. Er könnte, so hat die Forschung ergeben, dem reichen Geldverleiher Kalman von Wiehe gehört haben, der ihn vor den Pestpogromen 1349 im Keller seines Erfurter Hauses versteckte. Diese historische Figur Kalman von Wiehe ist der Vater der fiktiven Rachel. Er erzählt der Tochter von der Pest in anderen Teilen des Landes und von Ausschreitungen gegen Juden

Wenn unsere Lage sich weiter verschlimmert, könnte es sein, dass wir aus Erfurt fliehen müssen, um unser Leben zu retten. Deshalb werden wir unser Vermögen im Keller verstecken, vorsichtshalber.

Kalman von Wiehe zu seiner Tochter in "Dunkles Gold"

Im Buch wird dieser Schatz für die Alte Synagoge in Erfurt von Lauras Mutter kuratiert. Da diese ihr Schatzwissen gern und häufig weitergibt, ist auch Laura inzwischen eine Schatzexpertin. In ihrer Freizeit schreibt und zeichnet sie an einer Graphic Novel, die die lebensgefährliche Flucht von Rachel und ihrer Familie aus Erfurt nach Polen beschreibt.

Hilfe holt sich Laura dabei von Alexej, einem Jungen aus der Parallelklasse, der Jude ist, das jedoch aus Angst vor Streit und gehässigen Bemerkungen verheimlicht. Mirjam Pressler lässt Alexejs Großmutter Babuschka eindrücklich sagen, was der Schatz von Erfurt auch bedeutet: "Laura soll wissen, dass Juden und ein versteckter Schatz etwas ist, was nicht nur mit dem Mittelalter zu tun hat, die Versuche von Juden, bei Pogromen ihren Besitz vor Raub und Plünderung zu bewahren, setzen sich durch die ganze Geschichte fort […] Es steckt immer eine Geschichte dahinter, und selten eine, die gut ausgeht."

Gekonnter Perspektivwechsel

"Dunkles Gold" erzählt von jüdischer Geschichte, von Judenhass und Verfolgung – durch die Jahrhunderte hinweg bis in unsere Zeit mit ihren aktuellen, antisemitischen Entwicklungen. Gleichzeitig blicken wir auf zwei junge Mädchen, die sich zum ersten Mal verlieben, Verlust erleben und langsam erwachsen werden.

Mirjam Pressler
Bildrechte: IMAGO

Mirjam Pressler gelingt es im Roman gekonnt Vergangenheit und Gegenwart zu verknüpfen. Auf der einen Seite verfolgen wir den Weg Rachels in Zeiten der Pest aus Deutschland nach Polen. Auf der anderen erleben wir mit, wie Laura es schafft, Teile der Vergangenheit in Bezug zur Gegenwart zusammenzufügen.

Auch mit ihrem letzten Roman hat Mirjam Pressler gezeigt, wie groß ihre Kenntnis historischer Ereignisse ist. Anschaulich versteht sie es, diese dann in einer Sprache auszudrücken, die junge Leser gleichzeitig anspricht und fordert.

'Dunkles Gold' ist ein Roman, der erinnert und der das Vergessen nicht zulassen will.

Britta Selle, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Angaben zum Buch Mirjam Pressler: "Dunkles Gold"
336 Seiten, ab 14 Jahren,
ISBN: 978-3-407-81238-4
Beltz & Gelberg

Die Autorin Mirjam Pressler Kinder in Not und die Shoa, das waren die großen Themen von Mirjam Pressler in Büchern wie "Malka Mai", "Nathan und seine Kinder" oder "Shylocks Tochter". Unermüdlich hat sie geschrieben, 30 Kinder- und Jugendromane veröffentlicht und etliche Preise dafür bekommen. Sie war aber auch eine engagierte Übersetzerin. Werke von Amos Oz und Zeruya Shalev hat sie in die deutsche Sprache übertragen, allein 300 hebräische Texte übersetzte Pressler. Kurz vor Weihnachten wurde sie noch mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, für ihren herausragenden Einsatz bei der Völkerverständigung zwischen Deutschland und Israel und für die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht. Mitte Januar ist die Schriftstellerin nach langer Krankheit verstorben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 04:00 Uhr

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