Papst Franziskus während einer Ansprache im Vatikan
In Rom trafen sich vier Tage lang die höchsten Würdenträger der Katholischen Kirche um über das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche zu reden. Bildrechte: IMAGO

Gespräch mit Heiner Keupp Anti-Missbrauchskonferenz: Wie ernst nimmt die Katholische Kirche die Aufarbeitung?

Die Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan ist zu Ende gegangen. Einerseits ist dieser Krisengipfel in Rom beispiellos in der katholischen Kirche. Ein solches Treffen mit allen Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen hat es nie zuvor gegeben. Papst Franziskus geht das Thema Missbrauch Minderjähriger also so offensiv an wie keiner seiner Vorgänger. Andererseits beklagen Opfervertreter, sie seien nicht einbezogen worden in die Beratungen, und der Kinderschutzgipfel im Vatikan habe auch keine konkreten Ergebnisse gebracht. Also: Wie ernst ist es der katholischen Kirche mit der Aufarbeitung des Missbrauchs? MDR KULTUR war dazu im Gespräch mit dem Sozialpsychologen Heiner Keupp. Er ist Mitglied in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Papst Franziskus während einer Ansprache im Vatikan
In Rom trafen sich vier Tage lang die höchsten Würdenträger der Katholischen Kirche um über das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche zu reden. Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Herr Keupp, diese Anti-Missbrauchskonferenz gestern mit der Ansprache des Papstes. Hat dieser Papst, haben die Bischöfe erkannt, dass die katholische Kirche in strukturelles Problem mit dem Missbrauch hat?

Heiner Keupp: Ja, das ist eine ganz schwierige Frage, die sie gleich am Anfang stellen. Ich würde behaupten: nein, sie haben vieles noch nicht verstanden. Sie sind in der Nähe bestimmter Themen angekommen und sprechen das auch in etwas wolkigen, oft sehr Kirchen-immanenten Begriffen, die ich – wie viele nicht der Kirche zugehörige Menschen – auch nicht so gut verstehe, an.

Eben dieses ständige Betonen, dass man das Heilige repräsentieren sollte. Ich finde, man hätte viel konkreter werden müssen. Der einzige, der es ein bisschen gemacht hat, war Kardinal Marx, der dann auf die Verwaltungsebene ging, was dort alles schiefläuft. Das ist schon mal ein wichtiger Schritt, gerade für uns hier in Deutschland, dass Kardinal Marx hier konkret geworden ist. Aber insgesamt hat man überhaupt nicht an den tief greifenden strukturellen Defiziten einer zweitausend Jahre alten Kirche gerüttelt, und das ist eigentlich der Grund für die große Enttäuschung.

Man hat ja während dieser vier Tage einen 21-Punkte-Plan abgearbeitet, der sowas wie einen Fahrplan im Umgang mit dem Missbrauch erkennen lässt. Aber es gibt keine konkreten Ergebnisse. Welche hätte man sich denn wünschen können? Wie bewerten Sie das?

Protestanten mit Plakaten
In Rom protestieren Mitglieder der "Zero Tolerance"-Gruppe gegen den Umgang der Katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen. Bildrechte: IMAGO

Also der Fahrplan ist zum Teil völlig unoriginell. Für viele hier in Deutschland ist es selbstverständlich, was da drin steht. Mag sein, dass es in der Weltkirche viele Ecken dieser Welt gibt, wo das überhaupt nicht selbstverständlich ist. Aber man hätte unheimlich stark erwartet, dass da endlich gesagt wird, was passiert mit den Tätern, was passiert mit Vorgesetzten in der Kirche, was passiert mit Klosterbossen, die eben mitverantwortlich sind, dass die Dinge nicht bearbeitet werden. In welcher Weise werden wirklich Betroffene ernst genommen in dem, was sie erlebt haben. Und wie wird so etwas wie eine systematische Aufarbeitung überhaupt vorgestellt? Denn das ist für mich der Knackpunkt: wir haben inzwischen gerade durch die Studie, die in Deutschland im Herbst vorgestellt wurde, eine Menge an Zahlen. Längst nicht in die Tiefe gehend, das sind alles immer noch Oberflächenphänomene. Aber die wirkliche Aufarbeitung, hineinzugehen in Strukturen, die verantwortlich sind dafür, dass über Jahrhunderte, Jahrzehnte, die letzten Jahre auch noch, dass da Missbrauch stattfinden konnte, das vermisse ich total.

Denn die Aufarbeitung ist ein wichtiger Schritt nach der Dokumentation, dass es überhaupt ein Problem gibt. Und das Problem liegt wirklich auf dem Tisch. Jeder kann es sich genauer anschauen. Und deswegen, finde ich, ist da ein riesengroßer Fehler im Kirchensystem. Sie sind stolz auf ihre Geschichte, sie schauen sich aber nicht die Strukturen an, die für Fehlentwicklungen mitverantwortlich sind.

Von Missbrauch Betroffene haben ja wiederholt beklagt, sie seien in die Konferenz nicht einbezogen worden. Also der deutsche Kardinal Marx hat ihnen dann einen Besuch abgestattet, weil sie ja ein Treffen organisiert hatten außerhalb des Vatikans. Aber da bringt einen ja tatsächlich zu der Frage: Fehlt es den Spitzen der katholischen Kirche immer noch an Respekt und an Einfühlungsvermögen gegenüber den Opfern?

Ich glaube, die katholische Kirche ist auf der Spitzenebene total gespalten. Ich war ja bei der Bischofskonferenz in Fulda mitten im Kreise hochrangiger Bischöfe und hab erlebt, wie da die Menschen reagiert haben auf die Veröffentlichung der Zahlen. Und da hab ich viele junge Bischöfe erlebt, auch ein paar ältere, die wirklich tief betroffen waren und sofort auch eingestiegen sind in die Debatte, was müssen wir verändern. Ich habe aber auch ganz viele Gesichter gesehen, die starr waren. Die starr waren vielleicht auch vor dem Erschrecken, aber auch starr, weil sie sich diesem Thema gar nicht stellen wollen. Und es gibt ja hochrangige Kardinäle aus Deutschland, die sagen, dass es in der Menschheit immer ein paar Leute mit schlechtem Charakter gibt. Das hat Kardinal Müller in der letzten Woche gesagt. Oder die nicht tief genug in den Glauben eingetaucht sind und deshalb nicht in der Lage sind, das Heilige in der Welt zu repräsentieren.

Da fragt man sich natürlich, wie muss es weiter gehen in Deutschland, welche Maßnahmen sind da nötig? Man muss die Bischöfe in irgendeiner Form einigen. Geht da einer wie Kardinal Marx voran, kann er da vorangehen?

Naja gut, dass er vorangeht, das ist schon klar. Auch der Bischof Ackermann (der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Anm. d. Red) ist sehr bemüht. Der macht ja seit Jahren einen ganz guten Job. Aber er hat natürlich kein Weisungsrecht. Auch der Kardinal Marx kann seinen Bischöfen keine Weisungen erteilen.

Das Entscheidende wird jetzt sein: wie gelingt es, ein gutes Gespräch, auch eine gute Verhandlung zwischen den außerkirchlichen Institutionen, etwa unserer unabhängigen Aufarbeitungskommission, dem Herrn Rörig (Johannes Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs, Anm. d. Red.)  als Vertreter des Staates gegenüber der Kirche (zu führen). Und da sind Verhandlungen jetzt angesagt.

Auch ich bin in einer Arbeitsgruppe, die mit Kirche eben auch ganz intensiv in vertragliche Verhandlungen einsteigen will, damit man verbindliche Wege festlegt, wie wird umgegangen mit Menschen, die Leid erlebt haben, wie wird umgegangen mit der Geschichte der Kirche und ihres Versagens, und vor allem und das ist das Allerwichtigste: wir werden in Deutschland nie mehr irgendeinen Weg wählen, in dem nicht die Betroffenen in ganz entscheidender Weise dabei sind. Denn die haben diesen Gipfel erst möglich gemacht. Das waren immer die Betroffenen. Wir haben das Kloster Ettal untersucht, das waren Betroffene, die den Skandal in die Öffentlichkeit getragen haben und damit auch die Kirche gezwungen haben, ihre Verantwortung endlich anzunehmen. Und sie draußen zu lassen, sie nicht wirklich als Partner auf gleicher Augenhöhe zu akzeptieren, das ist glaube ich der größte Fehler auch dieser römischen Konferenz gewesen.           

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2019, 15:56 Uhr

Abonnieren