neues theater Halle "Mit der Faust in die Welt schlagen" – weniger ist manchmal zu wenig

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete"
Bildrechte: Juliane Streich / MDR

Lukas Rietzschels schildert in seinem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" wie Jugendliche auf dem Land ins Rechtsextreme abdriften. Es zeigt die Verlockungen und Gefahren. Die Bühnenumsetzung in Halle ist jedoch leider nicht gelungen, urteilt unser Kritiker. Zu viel wurde gekürzt.

Bühnenszene: Mit der Faust in die Welt, neues theater Halle
Der Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel wurde schon mehrfach für das Theater inszeniert. Bildrechte: Anna Kolata/Theater, Oper und Orchester GmbH

Vor zwei Jahren erschien Lukas Rietzschels Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen", ein Buch, das schildert, wie in einem Lausitzer Dorf namens Neschwitz zwei Brüder aufwachsen, von denen einer zu einem Nazi wird, und der andere nicht. Das Thema finden auch die Theater spannend, bereits drei Versionen wurden gespielt – und nun gibt es eine vierte Bühnenfassung in Halle.

Der Roman wurde hier aber nicht für die Bühne "übersetzt", sondern einfach radikal gekürzt. Vielleicht sollte man sogar sagen: benutzt, denn was in der Fassung von Swen Lasse Awe von Rietzschels 300-Seiten-Roman übrig bleibt, ist nicht viel. Gerade Mal eine Stunde war der Abend lang, und mir fehlte da echt zu viel.

Jüngere Theatergänger im Blick

Die Premiere in der Kammer des neuen theater firmiert unter dem Label Thalia Theater, man zielt also mutmaßlich hauptsächlich auf jüngere Zuschauer und das erklärt den Ansatz vielleicht ein bisschen. Es spielen nur zwei Schauspieler. Den Kostümen nach zu urteilen, sollen sie zwei Entertainer darstellen, die dann teilweise auch die Brüder Tobias und Philipp verkörpern, um die es im Roman geht. So richtig haben sich mir diese Rollenwechsel nicht erschlossen.

Bühnenszene: Mit der Faust in die Welt, neues theater Halle
Jan Wenglarz (l.) und Alexander Pensel spielen in Halle die Protagonisten. Bildrechte: Anna Kolata/Theater, Oper und Orchester GmbH

Jedenfalls konzentriert sich die Inszenierung dann auf einige ausgewählte Erlebnisse der beiden Brüder. In kurzen, schnellen Schritten rasen sie durch die Handlung: Tobias kommt zur Schule, dann sympathisiert erst der ältere, Philipp, dann mehr der Jüngere, Tobias, mit den Dorfnazis. Und schließlich soll die Grundschule des Dorfes angezündet werden, weil aus ihr ein Flüchtlingsheim werden soll.

Zuviel aus Roman herausgestrichen

Der Roman stellt Leute vor, die wir eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Leider lernen wir in Halle niemanden wirklich kennen, noch nicht einmal die beiden Brüder. Geschweige denn ihre Eltern, ihre Großeltern oder ihre Freunde. Die kommen alle gar nicht oder nur am Rande vor.

Damit fehlt der Bühnenfassung eine wesentliche Ebene des Romans, der uns ein ganzes Dorf vor dem Hintergrund der historischen Umbrüche erzählt. Eine Familie, die versucht, im Westen anzukommen, sich ein kleines Haus baut, was aber scheitert. Der Traum vom Leben wie im Westen und auch der von der heilen Familie, zerbröselt. Die Eltern trennen sich. Mit dem gesamten Dorf geht es bergab. Wer kann, geht weg. Wer bleibt, fängt an zu trinken.

Die zwei Brüder, denen weder die Eltern noch die Großeltern einen Halt geben können, geraten mehr und mehr in den Bann der Dorfnazis. Die geben vor zu wissen, wo es lang geht, die haben Bier und Schnaps und ein großes Maul. Das fasziniert diese Jungen, und irgendwann landen sie in einer Folgerichtigkeit, die erschreckend ist, bei kruden rechtsradikalen Denkweisen und auch Taten. Dieser ganze wichtige Überbau der Geschichte fehlt komplett.

Zentrale Momente fehlen

Die Inszenierung beginnt mit einem eingespielten Ton-Schnipsel, der nicht aus dem Roman stammt, einer Art rechtem Manifest, womit sofort vorweggenommen wird, was sich im Roman langsam entwickelt. Im Buch sehen wir den kleinen Tobias mit seiner Zuckertüte im neuen Kinderzimmer stehen, darin besteht ja der eigentliche Schreck. Wie kann es denn sein, dass dieser niedliche Junge plötzlich ein Heim anzünden will? Auf der Bühne fehlt diese Entwicklung weitgehend. Das finde ich echt schade.

Bühnenszene: Mit der Faust in die Welt, neues theater Halle
Das Bühnenbild ist spärlich gehalten. Bildrechte: Anna Kolata/Theater, Oper und Orchester GmbH

Wie gesagt, ich verstehe, dass man kürzt und verdichtet, ich habe auch eine Fassung am Jungen Schauspiel Düsseldorf gesehen, wo ebenfalls auf nur zwei Schauspieler gesetzt wurde, weil man dort nur ganz wenig Wissen über die DDR voraussetzen kann. Dort waren das zwei sehr originelle Typen, man mochte die sogar, es wurde gelacht, und dann kam der Schock. Daraus erwuchs eine ungeheure Spannung. Etwas in der Art habe ich gestern nicht erlebt.

Visuelle Regie-Idee nicht erkennbar

Die meiste Zeit sehen wir zwei Schauspieler, die mit verteilten Rollen auf einer fast leeren Bühne Texte aus dem Roman vortragen. Das alte Problem - Prosa auf der Bühne. Kaum Dialoge, sondern Aufsager, zu denen, weil es Handlung ja nicht gibt, irgendwie auf der Bühne herumgelaufen wird.

Alexander Pensel und Jan Wenglarz geben alles, was unter den Abstandsumständen geht, aber eine Regie-Idee, die wirklich versucht, das bildhaft umzusetzen, ist mir nicht aufgefallen. Sie reißen dann mal den Bühnenvorhang herunter und wir sehen einen Findling auf der Bühne liegen. Der liegt eigentlich auf dem Schulhof und spielt kurz mit, weil jemand ein Hakenkreuz draufgemalt hat. Na ja, und auf der Bühne liegt der nun herum, also wird er ein bisschen beklettert, was letztlich unbeholfen wirkt. Spielfreude geht anders.

Die beiden spielen aber auch alle anderen Rollen, zum Beispiel Menzel, den Dorfnazi. Ein Abziehbild, eine Glatze aus dem Dorf. Im Buch hat Menzel schon auch Facetten: Mit dem kann man was erleben, Schnaps trinken, Blödsinn machen, im Wald herumschiessen, Sorben verprügeln und schließlich die neuen Feinde, die Flüchtlinge, bekämpfen. Zum Vergleich mal ein Blick nach Dresden: Dort hatte man Menzel mit einer Frau besetzt, wodurch sich die Faszination der Jungs für Menzel besser erklärt hat.

Was ist das Fazit?

Wenn man es mal unter pädagogischen Gesichtspunkten sieht: Was will die Inszenierung? Sie will vor rechten Phänomenen warnen. Vor dem Eindringen von rechten Gedanken in die Jugendkultur, Mode-Blogs, Koch-Shows, Musik – alles, bis hin zu Schminktipps. So steht es auf dem Programmzettel. Sehr gut. Auf der Bühne habe ich das nicht gesehen.

Den Roman über ein Dorf in der Oberlausitz mit seinen klug ausgearbeiteten Charakteren – Menschen, in die man sich hineinversetzen kann – habe ich aber auch nicht gesehen. Das hilft doch aber bei der Suche nach Gründen. Dort muss man doch anknüpfen, Fragen stellen: Was sind das für Leute, wer sind sie? Wie kann man so etwas vermeiden, dass jungen Leuten unser Wertesystem verloren geht? Warum schafft es Philipp auszusteigen, Tobi aber nicht? Was ist aus dem anfangs guten Verhältnis der Brüder in dieser Situation geworden, es geht immerhin um eine schwere Straftat? Im Roman versucht Philipp noch, seinen Bruder anzurufen, ihn zu retten – auch dieses spannende Ende fehlt.

Mein Eindruck ist, die Inszenierung wollte möglichst deutlich sein, wollte quasi "noch einen draufsetzen auf den Roman". Sie hätte sich aber besser auf ihn verlassen sollen.

Das Stück "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel
ab 15 Jahre
Kammer des Neuen Theaters Halle

Regie Swen Lasse Awe
Darsteller: Alexander Pensel, Jan Wenglarz

Aufführungen:
3. und 9. Oktober 2020

Weitere Theateraufführungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. September 2020 | 13:15 Uhr