Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
Die Brüder, dargestellt von Daniel Séjourné (l.) und Sven Hönig, gehen ähnliche Lebenswege. Doch einer wird zum Nazi. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Premiere in Dresden "Mit der Faust in die Welt schlagen" – Wie wird ein Mensch zum Neonazi?

Das Stück "Mit der Faust in die Welt schlagen", das am 13. September am Staatsschauspiel Dresden seine Premiere gefeiert hat, ist die Inszenierung des gleichnamigen Romans von Lukas Rietzschel. Es beleuchtet den Weg zweier Brüder in einem Lausitzer Dorf – einer wird Nazi, der andere nicht. Das Staatsschauspiel hat die Geschichte relativ dicht am Buch inszeniert. Für unseren Theaterkritiker ein großartiges, aber auch verstörendes Theatererlebnis.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
Die Brüder, dargestellt von Daniel Séjourné (l.) und Sven Hönig, gehen ähnliche Lebenswege. Doch einer wird zum Nazi. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Lukas Rietzschels, vor etwa einem Jahr veröffentlichter Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" hat am Freitag als Bühnenfassung am Staatsschauspiel Dresden Premiere gefeiert. Die Personage des Stückes entspricht der des Romans: Es geht um die Brüder Tobias und Philipp, von denen einer zum Nazi wird und der andere nicht. Was die Zuschauer auf der Bühne sehen, ist ziemlich exakt das, was im Roman auch zu lesen ist: Das Leben in einem von vielen Einwohnern als abgehängt empfundenen Dorf, in dem es am ehesten ein paar Nazis gelingt, junge Leute wie Tobi und Philipp zu faszinieren.

Dorfnazis auf der Bühne?

Ehrlich gesagt, hatte ich vor diesem Bild – sächsische Dorfnazis auf einer Theaterbühne – ein bisschen Angst, weil Lukas Rietzschel seine Roman-Figuren eben nicht explizit verurteilt und ihnen auch keine gesellschaftlichen Kräfte gegenüberstellt. Diese jungen Männer, ihre Familien und ihre Entwicklung über 15 Jahre kennenzulernen, ist eine seltsame und trotzdem eindrucksvolle Leseerfahrung. Man lernt etwas kennen, was nicht zu verstehen ist.

Lukas Rietzschel, Autor des Romans "Mit der Faust in die Welt schlagen" 7 min
Bildrechte: Gerald von Foris

Am Dresdner Staatsschauspiel feierte das Stück "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach Autor Lukas Rietzschel Premiere. Was macht das mit einem Stoff, wenn er aus dem Buch auf die Bühne wandert? Der Autor im Gespräch.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.09.2019 16:10Uhr 06:42 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Aber wie würde das auf der Bühne aussehen, wo solche Typen ja eigentlich nur als Karikatur gehen? Wie denn sonst? Man kann ja kein Verständnis für sie haben, nur weil sie glauben, ihr Dorf gehe den Bach hinunter.

Die Geschichte fängt nicht damit an, dass sie Nazis sind, sondern wir erleben mit, wie manche es werden. Vor allem Tobi, der kleinere der beiden Brüder. Den lernen wir schon als Schulanfänger kennen. Wir erleben, wie seine Familie versucht, im Westen anzukommen, sich ein kleines Haus baut, und er steht davor als kleiner Junge mit einer großen Zuckertüte.

Zerbröselnde Lebensträume

Die heile Welt aber, der Traum vom Leben wie im Westen und auch der von der heilen Familie, zerbröselt Schritt für Schritt. Die Eltern trennen sich, mit dem Dorf geht es bergab. Wer kann, geht weg. Wer bleibt, fängt an zu trinken.

Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
Irgendwann wird alles radikaler in "Mit der Faust in die Welt schlagen". Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Die zwei Brüder, denen weder die Eltern noch die Großeltern einen Halt geben können, geraten mehr und mehr in den Bann der Dorfnazis. Die geben vor, zu wissen, wo es lang geht. Die haben Bier und Schnaps und ein großes Maul. Das fasziniert diese Jungen und irgendwann landen sie in einer Folgerichtigkeit, die erschreckend ist, bei kruden rechtsradikalen Denkweisen und auch Taten. Und der kleine Tobi, der eben noch die riesige Zuckertüte trug, ist jetzt auf dem Weg, die alte, stillgelegte Schule anzuzünden, weil die ein Asylbewerberheim werden soll.

Erschütternde Realitätsnähe

Natürlich ist das falsch, was Tobi und seine Kumpels tun, sie sind ja auch Straftäter. Aber einmal mitzuerleben, wie sie dazu werden – und sie sind ja da, obwohl wir das nicht wollen – das ist eben trotzdem eine Qualität der Inszenierung. Das ist erschütternd.

Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
In die Gedankenwelt schleichen sich zunehmend extremere Ansichten. Szene aus "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Staatsschauspiel Dresden. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Kurz vor dem Ende des Abends steht Tobi an der Rampe und erläutert sein Weltbild. Es basiert auf seinen Wahrnehmungen der Lebensrealität in seinem Heimatort, die man je nach persönlicher Verfassung hinzunehmen bereit ist. Seine Schlussfolgerungen aber sind krude, sind rechtsradikal. Sie können eigentlich nicht anders als mit einem Aufschrei beantwortet werden. Man müsste protestieren, eigentlich.

Im Theater aber herrscht angespanntes Schweigen, weil man trotzdem mit Tobi mitfiebert und dauernd hofft, es möge doch bitte ein Nathan aus der Kulisse kommen und ihn retten. Oder sein Opa oder seine Mutter. Aber Nathan ist nicht bis Neschwitz gekommen, Opa schweigend gestorben, und die Eltern haben ja selbst auch die Orientierung verloren. Sie haben den Verlust der DDR noch lange nicht verarbeitet und sind in der neuen Zeit nie richtig angekommen.

Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
Die Inszenierung von "Mit der Faust in die Welt schlagen" arbeitet auch mit Projektionen. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Eine Geschichte ohne Auflösung

Bei der Premiere herrscht lange Stille im Publikum, man verfolgt das Geschehen wie gebannt. Am Ende herrscht großer Jubel. Auch ich bin einerseits begeistert von der Inszenierung, andererseits macht sie – wie auch der Roman – ein wenig ratlos. Man denkt sich: Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass der niedliche Schulanfänger ein Nazi geworden ist. Man war sich ganz sicher, dass das nur Hinterwäldler und Dumpfbacken sind, die nichts verstanden haben und dass wir genau wissen, was zu tun ist. Aber wir wissen es nicht, auf das Stück bezogen. Rietzschel, der an der Spielfassung selbst mitgeschrieben hat, und auch Regisseurin Liesbeth Coltof geben keine Lösungen bei, sie lassen das wirken wie eine Tragödie.

Die Inszenierung belehrt nicht

Die Inszenierung verdankt ihre ungeheure Wirkung einerseits den sieben Schauspielern auf der Bühne, allen voran Tillmann Eckardt und Daniel Séjourné als Tobi und Philipp, die bereit waren, sich eben nicht über ihre Figuren zu erheben und die dadurch Einblick geben in eine Lebenswirklichkeit, die sprachlos macht.

Mit der Faust in die Welt schlagen, Aufführung des Staatsschauspiel Dresden
Szene aus "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Staatschauspiel Dresden Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden, Sebastian Hoppe

Die Inszenierung belehrt nicht, sie hat traurige und ruhige Momente, ebenso wie laute und brutale. Sie gesteht Tobias und Philipp und ihren Freunden manchmal sogar, obwohl ihr Tun das Gegenteil von komisch ist, dieselbe Naivität wie den Jungs in "Tschick" zu. Sie schafft es, auf einer simplen, wie eine frisch planierte Tagebaulandschaft aussehenden Bühne mit einfachen Mitteln das ganze Dorf Neschwitz zum Leben zu erwecken. Dazu setzt sie mal dezent Toncollagen von Pegida-Demos und mal schreiend lauten Rechtsrock ein.

Auf Leinwänden sehen wir immer wieder die zwei Brüder: als Kinder, als Jugendliche, als suchende Menschen, die vor unseren Augen verloren gehen. Auf einer Leinwand sehen wir die alte DDR-Industriekulisse, vor dieser Geschichte findet das Drama statt. Es gibt erzählende Passagen, die den komplexen Roman auf der Bühne spürbar machen, obwohl man manche der knappen, poetischen Lukas-Rietzschel-Sätze den Jungs eigentlich nicht abnehmen kann. Ein großartiges, ein verstörendes Theatererlebnis.

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete" 7 min
Bildrechte: Juliane Streich / MDR

Das Bühnenstück nach dem Roman von Lukas Rietzschel beleuchtet den Weg zweier Brüder – einer wird Nazi, der andere nicht. Für unseren Kritiker Matthias Schmidt ein großartiges aber auch verstörendes Theatererlebnis.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 14.09.2019 12:15Uhr 07:12 min

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Angaben zur Aufführung "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Staatsschauspiel Dresden
nach dem Roman von Lukas Rietzschel
in einer Spielfassung von Lukas Rietzschel, Liesbeth Coltof und Julia Weinreich

Regie: Liesbeth Coltof

Nächste Aufführungen:
18. September, 19:30 Uhr, Kleines Haus 1
27. September, 19:30 Uhr, Kleines Haus 1
08. Oktober, 19:30 Uhr, Kleines Haus 1
25. Oktober, 19:30 Uhr, Kleines Haus 1

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2019, 13:47 Uhr

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