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Bildrechte: Rebekka Adler

Mode und NachhaltigkeitWarum die Zeit der "Fast Fashion" vorbei ist

Stand: 02. März 2022, 04:00 Uhr

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Produktion von Bekleidung mehr als verdoppelt. Schnell gekauft, schnellt entsorgt – als "Fast Fashion" ist Mode zum Wegwerf-Artikel geworden. Das führt zur Ausbeutung derjenigen, die die Kleider nähen. Und es geht zulasten der Umwelt. Der Trendanalyst Niels Holger Wien aus Halle arbeitet für das Deutsche Mode-Institut in Köln. Im Interview erklärt er, warum er glaubt, dass es in der Mode-Branche gerade einen Sinneswandel hin zu mehr Nachhaltigkeit gibt.

MDR KULTUR: Die Nachfrage nach Mode ist offenbar da: Menschen bestellen auch mal drei, vier Oberteile mehr im Internet, um sie zu Hause vielleicht gleich wegzuschmeißen, wenn sie nicht passen, oder in die Altkleiderkiste zu geben. Wo nimmt das Ganze seinen Anfang – wird zu viel produziert?

Niels Holger Wien: Es wird zu viel produziert in einer Qualität, die wir uns eigentlich nicht leisten können. Wenn ich mir etwas kaufe und weiß: Das kann ich nicht mal ein Jahr tragen, dann sollte uns das zu denken geben. Viele von uns haben noch Großeltern, die handgenähte Kleidung tragen konnten. Ich erinnere mich an Hemden meines Großvaters, die eine Qualität hatten, die mein ganzes Studium überdauert haben.

Wir haben ein bisschen das Gefühl für diese Qualität verloren, weil alles so schnell geht und ich immerzu was Neues haben kann. Wir haben verlernt, zu reparieren, weiterzugeben, etwas zu vererben. Und wenn alles ganz billig ist – ich kann ein T-Shirt für weniger kaufen als eine Tasse Kaffee kostet – dann hat das auch keinen Wert. Und wenn es keinen Wert hat, dann trenne ich mich auch ganz leicht davon. Dieses Wertegefüge ist in Ungleichgewicht.

Das klingt, als würde es hauptsächlich am Konsumenten liegen. Sehen Sie das so?

Nein, das liegt an allen Seiten des Systems. Ich glaube, es ist nur schwierig für uns als Konsumentinnen zu sagen, es liegt jetzt an dieser Industrie, die uns beliefert, und wir können uns nicht wehren und sind machtlos. Das versuche ich zu vermitteln, dass es nicht so ist. Wir können mit dem, was wir konsumieren – wie bei Lebensmitteln – entscheiden: Ja, das kaufe ich, ich stelle mich darauf ein, und nein, das will ich nicht.

Die EU arbeitet an einem europaweiten Lieferkettengesetz, das Lieferketten transparenter macht. Halten Sie das für sinnvoll?

Lieferkettengesetz ist gut, weil es versucht, uns davor zu bewahren, dass wir etwas kaufen müssen, was wir nicht vertreten können. Es versucht im besten Fall, zu schaffen, dass nichts in unseren Markt kommt, was nicht nachhaltigen Standards entspricht. Und das ist politisch gewollt etwas sehr Gutes. Es ist nur die Frage, wie tief und weit das Gesetz gehen wird.

Ich war vor 14 Tagen zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder live auf einer Stoffmesse in Paris. Und da geht es im Moment auf den Trendforen natürlich um Farben, um Muster, um Stoffqualitäten. Aber beim wichtigsten Forum, das auf der Messe stattfindet, geht es um alternative, nachhaltige Materialien – das ist im Moment auf einer Messe, wo es um Mode geht, das wichtigste Thema.

Da passiert intern ein extremer Wandel, und die Kreativen, die da arbeiten, wissen natürlich um das Problem und wollen das von innen her auch ändern – innerhalb einer Struktur, die aber darauf getrimmt ist, immer mehr herzustellen. Da sieht man, wo der Knackpunkt eigentlich liegt. Was wir jetzt wollen, würde heißen: Wir benutzen weniger Material und leisten uns eine bessere Qualität.

Halten Sie das für realistisch? Die Rohstoffpreise steigen, werden auch in Zukunft steigen, auch die Transportkosten werden steigen. Wird das das Symptom verschlimmern oder wird es das vielleicht sogar zum Halt bringen?

Die Preissteigerungen sind leider schon mehrere Jahre da. Sie wurden nur aus Vorsicht vor unserer Konsumsucht nicht an uns weitergegeben. Die Preise für die Materialien stiegen jetzt schon um das Vielfache – Wolle auf über 300 Prozent. Wenn man also Angst hat, uns als Konsumentinnen und Konsumenten für mündig zu halten und das weiterzugeben – die Preise sind nicht in dem Maß gestiegen – passiert jetzt ein Preisschock, der uns anders treffen wird. Darauf muss man vorbereitet sein.

Es wird sich also über kurz oder lang auf die Käufer und Käuferinnen umlegen.

Genau.

Das heißt, es wird wahrscheinlich, ob wir wollen oder nicht, ob die Mode-Branche will oder nicht, ob die Produktion will oder nicht, ein Sinneswandel stattfinden?

Ja. Wir sind mittendrin.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Julia Hemmerling.

Mode und Kunst

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. März 2022 | 08:40 Uhr