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Kommentar

Kulturöffnung in Sachsen-Anhalt und warum Karen Stone Brot backt

von Sandra Meyer, Landeskorrespondentin für MDR KULTUR in Sachsen-Anhalt

Stand: 26. März 2021, 18:31 Uhr

Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra hat am Mittwoch verkündet, einen Erlass unterschrieben zu haben, um ein Kultur-Modellprojekt zu starten. Demnach sollen in den drei Städten Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau Veranstaltungen mit jeweils maximal 100 Zuschauerinnen und Zuschauen stattfinden können. Um die Details zu erläutern, setzte der Minister eine digitale Konferenz mit Kulturschaffenden an. Landeskorrespondentin Sandra Meyer war dabei und gibt eine Einschätzung.

Die Stunde glich der Irrfahrt des Odysseus. Sein Ziel – die Heimat – klar vor Augen, werfen ihn die Elemente ein ums andere Mal zurück. Wer dafür verantwortlich ist, kann er dabei nur ahnen, aber nicht erkennen.

Das Ziel der Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt (wie auch im Rest der Republik) ist die Öffnung von Theatern, Kinos oder Konzerthäusern. Doch nicht einmal darum ging es an diesem Nachmittag, sondern nur um eine Etappe, eine Vorstufe des Ziels, um kleine Schritte, kurz: um ein Modellprojekt. Die freie Kulturszene in Magdeburg hatte (wie viele, viele andere Kulturstätten verschiedenster Länder auch) schon vor Wochen den Plan entwickelt, unter genau festgelegten Bedingungen Kulturveranstaltungen für einen begrenzten Zeitraum stattfinden zu lassen – bei ständiger, auch wissenschaftlicher Beobachtung – und die Erfahrungen in die weitere Öffnungsstrategie einfließen zu lassen.

Erlass als Geste der Aufmunterung

Bei Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper stieß man sofort auf offene Ohren, aber es fehlte bisher am notwendigen Erlass des Landes. Den nämlich sehen die bundesweiten Corona-Verordnungen vor. Nachdem nun also Berlin für diese Art der Modellprojekte grünes Licht gegeben hatte, sah sich auch Kulturminister Rainer Robra für Sachsen-Anhalt ermutigt, einen derartigen Erlass zu unterschreiben. Und weil er das offensichtlich als aufmunternde Geste betrachtet, wollte er es den Kulturschaffenden persönlich verkünden. So wurden diese von einem Tag auf den anderen zum digitalen Gespräch geladen. Und alle folgten dem Sirenengesang – sämtliche Intendantinnen und Intendanten, Verbandsvorsitzende und auch Vertreterinnen und Vertreter der freien Szene.

Elementare Hindernisse

Karen Stone, Generalintendantin in Magdeburg Bildrechte: dpa

Der Gastgeber ließ noch auf sich warten, doch war gerade diese Viertelstunde der authentischste Teil des Gesprächs. Im allgemeinen Frustrationsgeplänkel erzählte Generalintendantin Karen Stone coronagenervt, dass sie für die kommende Woche Bewerbungsgespräche anberaumt hatte, die sie nach den letzten Lockdown-Verordnungen wieder absagen musste: "Ich backe jetzt bald Brot, damit ich etwas Sinnvolles tue", raunte sie gerade noch, als der Kulturminister zur Runde stieß.

Ich backe jetzt Brot, damit ich etwas Sinnvolles tue.

Karen Stone, Generalintendantin

Er stellte dann tatsächlich das ersehnte Modellprojekt vor, wortreich, in eingeübtem Coronasprech, was das Vorhaben nicht konkreter werden ließ. Erst mal nur drei Städte: Dessau, Magdeburg und Halle dürfen demnach mit Absprache von Stadt und Gesundheitsamt an sieben aufeinander folgenden Tagen Kulturveranstaltungen stattfinden lassen, für täglich maximal 100 Besucherinnen und Besucher. Diese müssen sich anmelden und einen negativen Coronatest vorweisen. Soweit, so freudig erwartet. Doch dann der springende Punkt: Das gesamte Projekt startet nur bei einer Inzidenzzahl unter 200 – womit wieder jegliche Planung ad absurdum geführt wird. Spätestens bei dieser Prämisse war klar: Odysseus war auf seinem Weg mal wieder von den Elementen zurückgeworfen worden.

Verantwortungsdiffusion vom Feinsten

Man konnte das Stöhnen der stummgeschalteten Kulturschaffenden ahnen, das Kopfschütteln hinter ausgestellter Kamera. Aber ein offenes Aufbrausen, ein Wehklagen gab es nicht. Und die wenigen Fragen beantwortete der dafür verantwortliche Minister Robra ausschweifend und mit Verweis auf die doch eigentlich zuständigen Städte und Gesundheitsämter. Offenbar will niemand die Verantwortung übernehmen, weder Bund, Land noch Stadt, weswegen jede Entscheidung diesen endlosen Rattenschwanz hinter sich herzieht. Kurz: die für uns mittlerweile ganz normale Corona-Irrfahrt.

Wenn die Kanzlerin sich schon entschuldigt ...

Und mit Verlaub, was sollten die Kulturschaffenden dem Minister auch entgegenhalten? Sie hängen mit Haut und Haaren am Finanztropf des Landes. Und wenn die Kanzlerin sich schon für voreilige Verordnungen entschuldigt, glaubt man schon gar nicht mehr an eine relevante Beschlusskraft, erst recht nicht auf den Ebenen darunter.

So verdunkelte sich letztlich der Hoffnungsschimmer noch während der eineinhalbstündigen Kulturkonferenz. Sollte Odysseus es bis nach Magdeburg schaffen, dann wird er wahrscheinlich viele selbst gebackene Brote von Frau Stone vorfinden.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 26. März 2021 | 07:20 Uhr